Waldbrand Treuenbrietzen Wenn der Wald lodert – zehn Dinge, die Sie über Waldbrände wissen sollten

Forscher warnen seit Jahren vor zunehmender Trockenheit. Ein Waldbrand in Treuenbrietzen in Brandenburg entwickelte am Wochenende so starke Flammen und so viel Rauch, dass er 130 Kilometer entfernt in Dresden zu riechen war. Eine Analyse zu Waldbränden.

Waldbrand in Treuenbrietzen nahe Berlin
Der Wald in Treuenbrietzen hat am Sonntag gebrannt - der Rauch war bis nach Dresden zu riechen. Bildrechte: dpa

Wieso genügt ein einzelner Funke um viele Hektar Wald brennen zu lassen?

"Für jedes Feuer braucht man drei Elemente: Sauerstoff, Energie zum Entzünden und Brennstoff", erklärt Forstwissenschaftler Michael Müller von der TU Dresden im Gespräch mit MDR WISSEN. Je trocken und brennbarer der Wald, desto schneller können sich Feuer horizontal und vertikal ausbreiten. Besonders die trockene Streuauflage in Nadelwäldern brenne schnell.

Hinzu komme, wie in den letzten Tagen, ein natürlich auffrischender Wind. "Der Wind bringt den Sauerstoff heran und treibt die Flammen vorwärts", sagt Müller. "Es ist nicht nur die Strahlungswärme, die die Nachbar-Materialien trocknet und zündet, sondern der Windzug, der die Temperaturen mitbringt. Das intensiviert eben die Brandausbreitung in Windrichtung sehr stark." Wissenschaftler und Experten unterscheiden in Vollfeuer und Bodenfeuer. Bei Vollfeuern erreichen die Flammen die Baumspitzen und schlagen bis zu 50 Meter hoch.

Ein Wald kann sich nicht selbst entzünden

Außer Blitzen gibt es in Deutschland keine natürliche Ursache für Waldbrände. "Man braucht auch beim trockensten Material im Wald mindestens 300 Grad Celsius, um eine Flamme zu entzünden. Das ist schon ziemlich viel", erklärt Forstwissenschaftler Müller. "Das kann auf natürliche Art und Weise nur durch Blitzschläge passieren, es gibt keine weitere natürliche Waldbrandursache in Deutschland. Alles andere verursachen Menschen."

Man braucht auch beim trockensten Material im Wald mindestens 300 Grad Celsius, um eine Flamme zu entzünden.

Michael Müller Professur für Waldschutz TU Dresden

Brandstiftung ist die Hauptursache für Waldbrände

Die Gründe von Waldbränden sind vielseitig und ganz verschiedener Natur. Schon ein Streichholz oder eine Zigarette können einen Brand auslösen, denn sie brennen laut Müller mit über 1.000 Grad Celsius. Doch auch schnelldrehende Maschinen, Katalysatoren von Autos und selbstverständlich Lagerfeuer bringen eine große Hitze hervor. "Die Hauptursache für Waldbrände ist allerdings Brandstiftung", sagt Müller. Dabei gebe es drei verschiedene Arten: Einerseits stellten kokelnde Kinder eine Gefahr, die sich des Risikos nicht bewusst seien. Andererseits gebe es Menschen, die eine Vorliebe für Feuer haben, Brände provozierten und oft einer psychologischen Behandlung bedürften.

Es gibt leider viele, viele Menschen, die Wald absichtlich anzünden.

Professor Michael Müller Forstwissenschaftler

Drittens würden zum Großteil Wälder kriminell in Brand gesetzt. um einen (wirtschaftlichen) Schaden anzurichten. "Es gibt leider viele, viele Menschen, die Wald absichtlich anzünden", sagte Müller. Eine Gefahr gehe außerdem von Auto- und Bahnverkehr aus. Auch Erntearbeiten könnten unter unglücklichen Umständen Brände auslösen, beispielsweise wenn Steine in das Scherwerk hineingeraten und Funken entstehen.

Große Waldbrände haben in Deutschland (fast) immer mit Munition zu tun

Durch den Zweiten Weltkrieg und große Übungsgelände der Sowjetarmee in der DDR sind viele Flächen – besonders in Ostdeutschland – mit Munition belastet. Das wirkt sich direkt auf die Löscharbeiten aus. "Was wir hier wieder in Treuenbrietzen sehen: Es handelt sich um eine Fläche, die mit Munition belastet ist. Feuerwehrleute müssen hier aus Sicherheitsgründen mindestens 500 Meter Abstand zur Feuerfront halten", sagt Forstwissenschaftler Müller. "Deswegen kann man dort nicht so schnell löschen, wie das anderswo der Fall ist. Daher werden diese Waldbrände so groß. Fast alle großen Waldbrände über zehn Hektar der vergangenen Jahre waren auf munitionsbelasteten Flächen."

Fast alle großen Waldbrände über zehn Hektar der vergangenen Jahre, waren auf munitionsbelasteten Flächen.

Hubschrauber können keine Waldbrände löschen

Es sieht spektakulär aus, wenn Hubschrauber über brennenden, rauchenden Waldflächen gegen die Flammen kämpfen. Doch sie allein können keine Waldbrände löschen. "Man kann im Grunde mit einem Hubschrauber oder anderen Luftfahrzeugen einen Waldbrand überhaupt gar nicht löschen", erklärt Forstwissenschaftler Müller." Man werfe nur ein bis zwei Liter Wasser pro Quadratmeter, das sei vergleichsweise wenig. Trotzdem habe es 'einen Rieseneffekt'. "Das Wasser unterbricht ein Vollfeuer in den Kronen und lässt es zu einem Bodenfeuer zusammenbrechen", erläutert der Experte, der selbst schon Waldbrände in Brandenburg mit gelöscht hat. "Auf einmal sinkt die Temperatur an der Feuerfront durch den Wasserabwurf. Das ist die Chance für die Bodenkräfte an die Feuerfront heranzurücken und das Bodenfeuer auszumachen und anzuhalten. Denn wenn das Bodenfeuer aus ist, gibt es auch kein Feuer in den Baumkronen mehr. "Selbstständige Kronenfeuer gibt es in Deutschland nicht."

Ein Löschhubschrauber ist wegen des Waldbrandes bei Treuenbrietzen im Einsatz und hat Wasser am Seddiner See getankt.
Ein Löschhubschrauber beim Einsatz in Treuenbrietzen. Doch Hubschrauber allein können keine Brände löschen. Bildrechte: dpa

In Deutschland weniger Waldbrände als in den 70iger-Jahren

Laut Fortwissenschaftler Michael Müller gibt es im nordostdeutschen Tiefland, zu dem auch Brandenburg und Nordsachsen gehören, immer weniger Waldbrände. "Die Tendenz ist seit Jahrzehnten abnehmend. Der Wald ist seit den 70iger-Jahren viel älter geworden. Weil die Abstände zwischen Bodenvegetation und Krone so groß geworden, entwickeln sich nur noch selten Vollfeuer", sagt Müller. Zudem laufe seit 30 Jahren Waldumbau. "Dort, wo das bereits gelungen ist, ist die Brandfähigkeit schlechter. Dadurch haben wir bessere Chancen, solche Waldbrände schnell in den Griff zu kriegen. Normalerweise bleiben auch in Brandenburg Waldbrände unter einem Hektar Größe – und wir haben sie innerhalb von zwei Stunden aufgehalten." Die meisten Waldbrände gibt es Müller zufolge in Brandenburg. Doch auch Nordsachsen, das östliche Mecklenburg- Vorpommern, Nordostniedersachsen und das nördliche Sachsen-Anhalt seien ähnlich betroffen.

Es brennt immer irgendwo

Global gesehen, brennt es jedoch immer irgendwo auf der Welt. Laut des "Frontier Reports" des UN Umweltprogramms (UNEP) sind zwischen 2002 und 2016 im Schnitt jährlich etwa über vier Millionen Quadratkilometer in Flammen aufgegangen – das ist fast die Fläche der gesamten Europäischen Union. Zudem gebe es immer mehr Trockenphasen, dadurch seien bis zum Jahr 2100 bis zu 50 Prozent mehr Waldbrände möglich.

Feuer-Weltkarte zeigt Brände in Echtzeit

Die NASA betreibt das Projekt FIRMS (Fire Information for Resource Management System). Dort gibt es eine Weltkarte, auf der man nahezu in Echtzeit sehen kann, wo es gerade brennt oder auch kürzlich gebrannt hat. Es gibt Daten für die letzten 24 Stunden, die ganze letzte Woche und auch für jeden historischen Zeitpunkt der vergangenen Jahre, seit das Projekt läuft. Eines wird beim Blick auf diese Karte deutlich: Die Anzahl der Brände auf der Nordhalbkugel ist gering, verglichen mit den Regionen am Äquator und südlich davon.

Feuerweltkarte 2020 vs. 2021

Feuerausbrüche weltweit vom 11.8. bis 17.8.2020
Bildrechte: Fire Information for Resource Management System (FIRMS) / NASA
Feuerausbrüche weltweit vom 11.8. bis 17.8.2020
Bildrechte: Fire Information for Resource Management System (FIRMS) / NASA
Feuerausbrüche weltweit vom 11.8. bis 17.8.2021
Bildrechte: Fire Information for Resource Management System (FIRMS) / NASA
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Ist der Klimawandel die Ursache von Waldbränden?

Ist der Klimawandel wirklich die Ursache für eine Häufung von Waldbränden? Tatsächlich lässt sich die direkte Kausalität "Klimawandel = mehr Brände" nicht belegen. Denn in den vergangenen Jahren gab es beispielsweise in Teilen Südeuropas weniger Waldbrände als noch in den 1980ern. Auch die an der Erstellung des UNEP-Berichts beteiligten Experten betonen, dass extreme Waldbrände wie 2019/2020 in Australien oder 2020 in der Arktis keine direkte Folge der Erderwärmung sind.

Waldbrände zerstören CO2-Speicher

Was aber sicher ist: Waldbrände verstärken umgekehrt den Klimawandel, weil sie mit den Wäldern wichtige CO2-Speicher zerstören. Dazu werden durch die Feuer unzählige Wildtiere verletzt oder gar getötet – von den direkten Verlusten für den Menschen ganz zu schweigen. Und auch wenn für die Vergangenheit der Zusammenhang zwischen Waldbränden und globaler Erwärmung nicht belegt ist, so sieht es für die Zukunft anders aus: Laut dem UNEP-Bericht, könnte die Zahl extremer Brände bis 2100 um 50 Prozent steigen. Dabei spielt der Klimawandel eine wichtige Rolle, da er durch immer längere Trockenphasen günstige Bedingungen für die Feuer schafft.

Waldbrände sind extrem giftig

Forscher Müller erklärt: "Waldbrände sind extrem giftig. Jeder Brand setzt Unmassen von Treibhausgasen, Feinstaub und Giften frei und hat extreme Nebenwirkungen auf die Organismengemeinschaften." Zudem sei der Rauch auch schlichtweg für die Menschen gefährlich. Nicht umsonst hätten in Treuenbrietzen Menschen evakuiert worden müssen.

Waldbrände wirken sich auf die Atmosphäre aus

Waldbrände wirken sich auch auf die Atmosphäre aus. Einerseits gehen mit den verbrannten Flächen CO2-Speicher verloren. Andererseits können Rußwolken sogar die Ozonschicht schädigen. Das haben Forscher der Old Dominion University in Virginia herausgefunden. Sie wiesen nach, dass der Rauch der verheerenden Brände in Australien im "schwarzen Sommer" 2019/2020 über den Pazifik bis nach Südamerika und weiter um die Erde zog. Die Rußwolken drangen sogar bis in die Stratosphäre hoch, wo sie die Ozonschicht angriffen.

Zudem warnen Forscher vor der klimaschädlichen Wirkung von Ruß am Nordpol. Lagern sich schwarze Rußpartikel auf den Eisflächen der Arktis ab, führen sie zu einem "Grauschleier". Die Sonneneinstrahlung kann nur noch reduziert vom Eis reflektiert werden und beschleunigt so das Abschmelzen des Meereseises. Zudem absorbieren schwarze Partikel die Sonnenwärme, heizen also die unmittelbare Umgebung weiter auf. Wissenschaftlern zufolge kann die große Hitze der Waldbrände auch zum Auftauen der sibirischen Permafrostböden führen. Dies wiederum könne viel Methan freisetzen, das als Treibhausgas in der Atmosphäre wirkt.

MDR (kt/cd/lfw)

Waldbrandfläche in Treuenbrietzen 3 min
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