Covid-19 Neues Nasenspray aus Berlin soll besser als RNA-Impfung sein

Das Forschungsteam der Freien Universität Berlin kommt in ihrer aktuellen Hamster-Studie zu dem Schluss, dass ein Nasenspray mit einem abgeschwächten Coronavirus besser vor Covid-19 schützt als die mRNA-Impfung. Das Präparat sCPD9 soll sogar besser gegen Omikron wirken. Und es ist nicht das einzige derartige Nasenspray. Möglicherweise sind indische Forscher schneller.

Impfausweis und Nasenspray (Symbolbild)
Kann ein Nasenspray-Impfstoff bald die Lösung gegen Corona sein? Bildrechte: imago images/Christian Ohde

Neben der klassischen Impfmethode können auch Nasenspray-Impfstoffe einen vielversprechenden Schutz gegenüber Viruserkrankungen wie Covid-19 bieten. Die Immunsysteme der Schleimhäute werden von klassischen Impfmethoden bisher kaum stimuliert. Ein Forschungsteam der Freien Universität Berlin hat einen neuen Nasenspray-Impfstoff gegen Corona nun an Hamstern getestet.

Das Ergebnis: Am besten waren die Hamster vor Covid-19 geschützt, die eine Zweifachimpfung mit dem Nasenspray-Impfstoff sCPD9 erhielten. Darin befinden sich abgeschwächte Coronaviren als Lebendimpfstoff. Die Hamster mit einer mRNA-Impfung plus einem Nasenspray-Impfstoff waren ebenfalls gut geschützt, aber nicht so gut wie die Hamster mit der Doppel-Nasenspray-Impfung – sogar gegen Omikron.

Worin unterscheidet sich der Lebendimpfstoff?

Rein äußerlich unterscheidet sich der Lebendimpfstoff, also das abgeschwächte Coronavirus, vom normalen Sars-CoV-2 gar nicht. Jedoch wird seine RNA (eine organische Ribonukleinsäure, die für die Neubildung von Proteinen in Zellen verantwortlich ist) deutlich schneller abgebaut und ist instabiler. Dadurch kann sich das Virus weniger gut vermehren. Ansteckend ist es dennoch.

Illustration des Coronavirus
Eine Illustration des Coronavirus. Bildrechte: imago images/Viennareport

Die Symptome, die die Hamster in der medizinischen Studie aus Berlin durch die Infektion zeigen, sind gering und auch die Ansteckungsdauer ist nur von kurzer Zeit. Zudem wurde das Immunsystem der Hamster aktiviert. Geimpft wurden sie in dem Experiment entweder mit dem BNT162b2 mRNA-Impfstoff (Pfizer-Biontech), dem Adenovirus-Vektor-Impfstoffkandidaten Ad2-spike oder dem modifizierten Sars-CoV-2-Lebendimpfstoffkandidaten sCPD9.

Der Versuchsaufbau des Impfstoff-Experiments

Im ersten Versuch wurden 15 Hamster entweder mit lebenden, abgeschwächten sCPD9-Viren, Ad2-Spike oder mRNA geimpft. Nach 21 Tagen wurden die Tiere mit einer Sars-CoV-2-Delta-Variante infiziert. Im zweiten Versuch wurden zehn Hamster mit einem der drei Impfstoffe geimpft und bekamen nach 21 Tagen eine Booster-Impfung. Erst 14 Tage später wurden sie mit derselben Virusvariante infiziert.

Ein Goldhamster
Syrische Goldhamster sind wichtige Tiermodelle in der Coronaforschung. Bildrechte: IMAGO / blickwinkel

Anschließend wurden die Hamster zweimal täglich auf Symptomen untersucht. Der für die Syrischen Hamster typische Gewichtsverlust durch Covid-19 blieb durch die verabreichten Impfstoffe aus.

Im ersten Tierversuch wurden fünf Hamster aus jeder Gruppe am Tag 21 nach der Impfung und am zweiten und fünften Tag nach der Infektion eingeschläfert, um die oberen und unteren Atemwege besser untersuchen zu können. Ergebnis: Eine einzelne Impfung konnte bei keinem der Hamster komplett vor einer Infektion schützen.

Beim zweiten Versuch hatte man den Hamstern am Tag 35 zunächst Blut abgenommen, bevor man fünf von ihnen nach dem zweiten und die anderen fünf nach dem fünften Tag der Infektion tötete. Hier zeigte sich: Bereits die erste Nasenspray-Impfung bot einen besseren, aber nicht ausreichenden Schutz vor einer Corona-Infektion als die anderen Impfstoffe.

Nasenspray-Impfstoffe als Hoffnungsträger?

Was das für den Menschen bedeutet, muss erst klinisch belegt werden. Jedoch scheinen die Nasenspray-Impfstoffe vielversprechend zu sein. Auch Astrazeneca hat bereits in ersten Studien mit Hamstern die Wirkung bestätigt. Ein klassischer Impfschutz über den Oberarm schützt vor allem die Immunität im Blut, aber nicht die der Schleimhäute. Eine effektive Immunabwehr in den Schleimhäuten der oberen Atemwege – dort wo das Virus zuerst Infektionen hervorruft –, könnte die Erkrankung dagegen drastisch abschwächen oder vielleicht komplett verhindern.

Die klinischen Studien werden laut Aussagen von Emanuel Wyler, der an der Studie beteiligt war, aber erst in einigen Monaten beginnen. Frühestens in 18 Monaten sei hier mit Ergebnissen zu rechnen, twitterte der Biologe vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin. Möglicherweise gibt es aber bereits früher ein ähnliches Präparat. Denn auch in Indien wird unter Führung der WHO an einem vergleichbaren Nasenspray mit dem Namen Coviliv geforscht. Dort sind Studien der Phasen 2 und 3 bereits in diesem Sommer geplant.

Laut der Weltgesundheitsorganisation befinden sich derzeit sogar acht Nasenspray-Impfstoffe in der Phase klinischer Versuche. Fünf davon haben bereits die für die Zulassung entscheidende Phase-3 erreicht, bei der ein Impfstoff an tausenden Versuchspersonen getestet wird. Bei diesen Versuchen dürfte der Ausgang allerdings wesentlich unklarer sein, als bei den Corona-Impfstoffen der ersten Generation, wie denen von Biontech/Pfizer und Moderna. Denn die sogenannte intranasale Verabreichung muss viel größere Schwierigkeiten überwinden. Bisher wurde deshalb mindestens ein Projekt wieder gestoppt.



(pk,pm,ens)

Studien

Die noch nicht von adneren Forschern begutachtete Studie wurde auf dem Preprint-Server bioRxiv veröffentlicht. Das Veröffentlichungsdatum der Studie "A live attenuated vaccine confers superior mucosal and systemic immunity to SARS-CoV-2 variants" (engl. Ein attenuierter Lebendimpfstoff verleiht eine überlegene mukosale und systemische Immunität gegen SARS-CoV-2-Varianten) ist der 16. Mai 2022.
Die Mitteilung des Unternehmens Codagenix über den Stand der Forschung in Indien.

Nasensprays 11 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK