MDR KLIMA-UPDATE | 03. Juni 2022 Warum wir uns auf immer mehr Waldbrände einstellen müssen

Christian Dittmar
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Die Waldbrandgefahr ist in Mitteldeutschland schon sehr hoch, obwohl der Sommer noch gar nicht angefangen hat. Das hat auch mit dem Klimawandel zu tun. Was genau, erklären wir im aktuellen Klima-Update.

Die Zahl der Waldbrände, wie hier in der Nähe des thüringischen Heilbad Heiligenstadt, könnte in Zukunft durch den Klimawandel weiter zunehmen.
Die Zahl der Waldbrände, wie hier in der Nähe des thüringischen Heilbads Heiligenstadt, könnte in Zukunft durch den Klimawandel weiter zunehmen. Bildrechte: Imago/Westend61/MDR/Maik Schuntermann

Liebe Leserinnen und Leser,

es war im vergangenen Juli, als ich mal wieder einen Sprachurlaub in Italien machen wollte. Die Vorfreude war groß nach dem langen Lockdown zuvor, doch fast wäre der Urlaub vorbei gewesen, bevor er richtig angefangen hatte. Denn heftige Waldbrände hielten zu der Zeit den unteren Teil des "Stiefel" im Griff, viele Zug- und Flugverbindungen fielen aus und im eigentlich wunderschönen Küstenort Tropea, wo ich schließlich landete, lag einem tagelang der Geruch von Verkokeltem in der Nase, weil oberhalb die Feuer loderten.

Aber man muss gar nicht so sehr in Ferne streifen, um zu bemerken, wie sehr Waldbrände mittlerweile unseren Alltag beeinflussen. Sowohl in Sachsen als auch in Sachsen-Anhalt wurde in den vergangenen Wochen die höchste Waldbrandwarnstufe ausgerufen, in Thüringen zumindest die zweithöchste Warnstufe 4. Erst Ende April hatte es im Harz einen Waldbrand gegeben, der dazu geführt hatte, dass der Betrieb der der Brockenbahn eingestellt werden musste. Italien lässt grüßen. Ganz aktuell kam am Mittwoch (01.06.2022) die nächste Gefahrenmeldung aus dem Harz: Im Bereich der Burgruine Regenstein sei es zu einem Waldbrand mit starker Rauchentwicklung gekommen.

Das Problem dabei: Gerade die mitteldeutschen Bundesländer gehören seit Langem zu den trockensten der Republik und auch in diesem Jahr ist hierzulande bisher viel zu wenig Regen gefallen. Und die Gefahr von langen Dürren wird sich in Zukunft eher noch verstärken, wie das Leipziger Umweltforschungszentrum ermittelt.

[#] Zahl der Woche

4.230.000 Quadratkilometer

So groß ist die Fläche, die weltweit zwischen 2002 und 2016 im Schnitt jährlich in Flammen aufging. Ziemlich unvorstellbar, oder? Nun, vielleicht hilft der Gedanke, dass es sich dabei fast genau um die Fläche der gesamten Europäischen Union handelt. Diese Zahl steht in der vierten Ausgabe des "Frontier Reports" des UN Umweltprogramms (UNEP), der Mitte Februar veröffentlicht wurde. Besonders häufig seien Mischwälder und Savannengebiete betroffen gewesen, künftig dürften solche Brände wegen des Klimawandels noch häufiger auftreten, heißt es in dem Bericht.

Immer längere Trockenphasen: Bis zu 50 Prozent mehr Waldbrände bis 2100 möglich

Aber ist der Klimawandel wirklich die Ursache für eine Häufung von Waldbränden? Tatsächlich lässt sich die direkte Kausalität "Klimawandel = mehr Brände" nicht belegen. Denn in den vergangenen Jahren gab es beispielsweise in Teilen Südeuropas weniger Waldbrände als noch in den 1980ern. Auch die an der Erstellung des UNEP-Berichts beteiligten Experten betonen, dass extreme Waldbrände wie 2019/2020 in Australien oder 2020 in der Arktis keine direkte Folge der Erderwärmung sind.

Was aber sicher ist: Waldbrände verstärken umgekehrt den Klimawandel, weil sie mit den Wäldern wichtige CO2-Speicher zerstören. Dazu werden durch die Feuer unzählige Wildtiere verletzt oder gar getötet – von den direkten Verlusten für den Menschen ganz zu schweigen. Und auch wenn für die Vergangenheit der Zusammenhang zwischen Waldbränden und globaler Erwärmung nicht belegt ist, so sieht es für die Zukunft anders aus: Laut dem UNEP-Bericht, könnte die Zahl extremer Brände bis 2100 um 50 Prozent steigen. Dabei spielt der Klimawandel eine wichtige Rolle, da er durch immer längere Trockenphasen günstige Bedingungen für die Feuer schafft.

Bedingungen für Waldbrände verbessern sich in Mitteldeutschland

Wie man Waldbrände rechtzeitig erkennen und vermeiden kann, wird derzeit in einem EU-Projekt an der Uni Magdeburg erforscht. Die Ziele dabei sind Brandschutzmaßnahmen und Löschszenarien für verschiedene Klimazonen, Böden und Vegetationen. Erste Experimenten mit Bodenproben aus Wäldern der Region zeigen beispielsweise, wie leicht Nadelwälder im Gegensatz zu Mischwäldern in Brand geraten können. Den Grund dafür erläutert Lukas Heydick aus dem Forschungsteam: "Die Nadeln von Tannen, Fichten und Co. können Wasser nicht so gut speichern wie die Blätter der Laubbäume." Vor allem in den sandigen Kiefernwäldern seien die Böden sehr trocken, Klimawandel und damit entstehende Dürren trockneten sie weiter aus. Die Bedingungen für Waldbrände werden dadurch in den kommenden Jahren immer besser, besonders in Sachsen-Anhalt und Brandenburg, prognostiziert Heydick. 

Kein Regen in Mitteldeutschland:

Laut Daten des Deutschen Wetterdiensts (DWD) war dieser meteorologische Frühling (März, April, Mai 2022) der regenärmste seit mehreren Jahren: in Thüringen seit zehn Jahren, in Sachsen-Anhalt seit elf Jahren. In Sachsen war es besonders trocken, der trockenste Frühling seit 46 Jahren und damit zweittrockenster Frühling seit Beginn der Datenerfassung 1881.

Grafik metheorologischer Frühling: Niederschläge in Sachsen
Bildrechte: MDR/Robert Rönsch

🗓 Klimatermine

AB 31. MAI, IN THÜRINGEN

Seit diesem Datum kann in Thüringen wieder ein staatlicher Zuschuss für die Reparatur von kaputten Elektrogeräten beantragt werden. Bei der Neuauflage des im vergangenen Jahr gestarteten Sonderprogramms sind dieses Mal auch Online-Anträge möglich. Außerdem sollen "Reparatur-Cafés" mit einbezogen werden.

4. JUNI, WELTWEIT, U.A. IN WEIMAR

An diesem Tag wird der "Global Degrowth Day – Gutes Leben für Alle #ClimateJustice" abgehalten. Weltweit finden dazu Events statt, unter anderem eine Kleidertauschparty und ein Foodsharing-Picknick in Weimar von Fridays For Future Weimar.

5. BIS 8. JUNI IN GENTHIN, 10. BIS 13. JUNI IN MAGDEBURG UND 14. bis 16. JUNI IN HALDENSLEBEN

Das Ausstellungsschiff MS Wissenschaft geht wieder als schwimmendes Science Center auf Tour durch Deutschland. Dabei bringen die Leibniz-Forschungsmuseen den Wolf an Bord – inklusive der Frage, ob seine Rückkehr eher ein positives Zeichen für die Erholung von Natur oder eine wirtschaftliche Bedrohung für Landwirte durch ein viehfressendes Raubtier ist. In Mitteldeutschland macht die MS Wissenschaft dreimal Halt (siehe oben).

11. JUNI, IN MAGDEBURG

Die Lange Nacht der Wissenschaft geht in Magdeburg über die Bühne. Unter dem Motto "Wissen. Von hier." laden zahlreiche Forschungseinrichtungen, Hochschulen und Labore zu einem Blick hinter die Kulissen von Wissenschaft und Forschung ein. Die Themen reichen von Nachhaltigkeit, Mobilität und Robotik bis zu Medizintechnik und Wasserwirtschaft.

14. JUNI, IN LEIPZIG

Das Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) hält einen Workshop ab zum Thema "Anpassung an Dürren, Wasserknappheit und Niedrigwasser". Dabei soll es um Fragen gehen wie: Soll der Grundsatz der ortsnahen Wasserversorgung Bestand haben? Oder: Wie können die Wasserbedarfe und -entnahmen der Landwirtschaft sinnvoll reguliert werden? Anmelden kann man sich dafür bis zum 10. Juni.

16. JUNI, IN DRESDEN

An der TU Dresden findet wöchentlich die "Grundvorlesung ökologische Nachhaltigkeit – Klimakrise: Ursachen, Auswirkungen, Lösungsansätze". Sie ist offen für alle Interessierten. An diesem Tag wird es um das Thema "Nachhaltige Ernährungssysteme: Food Systems Transformation" gehen.

📰 Klimaforschung und Menschheit

Wissenschaftler fordern Warnkarte für Starkregen und Sturzfluten

Starkregen und Sturzfluten werden nach einer Unwetter-Studie in Zukunft weiter zunehmen. Wissenschaftler fordern deshalb ein bundesweites Starkregen-Management. Kommunen sollen unter anderem zur Erstellung von Gefahren- und Risikokarten verpflichtet werden. Auch die Risikokommunikation müsse verbessert werden.

Erste Waldinventur aus dem All: Hier stehen Deutschlands Fichten, Buchen und Eichen

Künstliche Intelligenz kann aus Satellitenbildern mit hoher Trefferquote die Baumart bestimmen. Eine privat finanzierte Initiative hat daraus einen Waldmonitor für ganz Deutschland erstellt. Auch die Auswirkungen der Dürrejahre 2018 bis 2020 sind dort zu sehen.

Sibirische Tundra könnte bis Mitte des Jahrtausends fast komplett verschwinden

Die Erderhitzung lässt die Temperaturen in der Arktis rasant steigen. Dadurch verschiebt sich die Baumgrenze sibirischer Lärchenwälder immer weiter nach Norden und verdrängt so nach und nach weite Tundraflächen. Forschende des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) haben die künftige Ausbreitung der Wälder nun im Computer simuliert. Das Ergebnis: Nur bei konsequentem Klimaschutz bleiben bis Mitte des Jahrtausends etwa 30 Prozent der sibirischen Tundra übrig. In allen ungünstigeren Entwicklungs-Szenarien droht stattdessen der Totalverlust.

Die Fjorde stoßen so viel Methan aus wie die weltweiten tiefen Ozeanschichten

Bei Stürmen werden die Wasserschichten der Fjorde durcheinandergewirbelt und der dortige Boden mit Sauerstoff angereichert. Allerdings steigen dadurch auch die Methan-Emissionen in die Atmosphäre. Wissenschaftler der Universität Göteborg haben errechnet, wie hoch der Ausstoß dieses besonders klimaschädlichen Gases ist: So viel, wie bei den tiefen Ozeanschichten weltweit zusammengenommen.

📻 Klima im MDR

👋 Zum Schluss

Es ist ein weiterer Wert, der auch gut zur Zahl der Woche hätte werden können: Ganze sieben Wochen wütet ein Großbrand mittlerweile im US-Bundesstaat New Mexico. Eine Fläche von 1.200 Quadratkilometern wurde dadurch schon verwüstet, halb so groß wie das Saarland (hier passt der berühmte Vergleich mal). Pro Tag soll das Feuer nach Behördenangaben rund fünf Millionen Euro Kosten verursachen – allein das wäre doch schon ein Grund für eine stärkere Bekämpfung der Erderwärmung und damit auch der Zunahme von Waldbränden. Oder man denkt dabei an die Flora und Fauna, die dadurch vernichtet wird. Ob dies als Antrieb reicht?

Herzlichst
Ihr Christian Dittmar