Flaschenpost aus Dresden Wie gelangt unser Müll in die Arktis?

230 Kilogramm Plastikmüll produziert jeder und jede Einzelne von uns in Deutschland Jahr für Jahr. Wir haben zwar ein funktionierendes Recyclingsystem (mit Tücken), aber was ist, wenn der Müll nicht im Mülleimer oder Container landet, sondern am Wegesrand, in Parks oder Gewässern? Mit einem filmischen Experiment verfolgt MDR WISSEN die Spur des Mülls aus Dresden die Elbe entlang – bis in die entlegensten Gegenden der Welt.

Steffen Krones ist ein Filmemacher aus Dresden mit einer Vorliebe für das Paddeln in kalten Gewässern: Das Nordpolarmeer, weit im hohen Norden Norwegens, hat es ihm angetan. Doch egal wohin er fernab von der Zivilisation paddelt, etwas ist schon vor ihm dort: der Zivilisationsmüll. "Eines der Dinge, das mich nicht mehr losgelassen hat, war eine deutsche Bierflasche mitten in der Arktis", erzählt der Dresdner über einen Fund auf den Lofoten, einer abgelegenen Inselgruppe Norwegens. Wie kommt dieser deutsche Müll in die Arktis? Um diese Frage zu beantworten, startet Steffen Krones ein Experiment: Er baut eine Boje aus recyceltem Plastik und Kork, die er mit einem GPS-Tracker ausstattet und schmeißt sie in die Elbe, 1.800 Kilometer entfernt von der Polarregion. Wo landet die Flaschenpost aus Dresden?

Filmemacher Steffen Krones auf den Lofoten mit einer GPS-Boje, die sich auf  ihrer Reise in Plastiknetzen verfangen hat.
Filmemacher Steffen Krones mit einer seiner selbstgebauten GPS-Bojen. Bildrechte: MDR/ravir film

Ein globales Problem: Plaste im Wasser

Eine Flasche allein mag wenig Schaden anrichten, doch der Plastikmüll, der wahllos in der Elbe landet, ist Teil eines gigantischen, globalen Umweltproblems. Denn der Großteil des Mülls in den Weltmeeren ist Plaste – in gewisser Weise unsichtbare Plaste: Weniger als ein Prozent des Plastikmülls, der jemals in die Ozeane gelangt ist, treibt an der Oberfläche, erklärt der Ozeanograf Erik van Sebille von der Universität Utrecht: "Wir wissen nicht, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Stück Plastik aus Deutschland in die Arktis gelangt; Es kann auf den Meeresboden sinken, am Strand angespült werden oder irgendwo steckenbleiben", bewertet der Forscher die Aktion.

Plastik im Meer mit Möwe
Ist das Plastikmüll oder kann man das essen? Eine Überlebensfrage. Bildrechte: imago images/Independent Photo Agency Int.

Es gibt viele Wege für die Flaschenpost aus Dresden. Am Wahrscheinlichsten ist die langsame Zersetzung und Zerkleinerung zu Mikroplastik. Mikroplastik, das hoch mobil ist: Eine aktuelle Studie des Alfred Wegener Instituts (AWI) aus Bremerhaven hat gezeigt, dass sich in einem einzigen Liter Meereis aus der Arktis 12.000 Mikroplastikteilchen tummeln, mit teilweise gravierenden Effekten für die Tierwelt: "Wir beobachten sehr häufig bei vielen Tieren, dass Mikroplastik in den Geweben oxidativen Stress auslöst: Das kann Schäden im Erbgut, in den Zellfetten oder Eiweißen hervorrufen – also eine Art Entzündungsreaktion", erzählt der Meeresbiologie Lars Gutow vom AWI. Laut dem vor kurzem erschienenen World Ocean Review sind alle Plastikgrößen und -Arten gefährlich für die marine Tierwelt: In sogenannten Geisternetzen verheddern sich die Tiere und verenden. Kleine Plastikteilchen werden fälschlicherweise für Nahrung gehalten und gegessen. Besonders gefährlich ist laut dem Review aber der Mikro- und Nanomüll. Aus den winzigen Partikeln können über die Zeit die giftigen Zusatzstoffe des Plastiks entweichen: "Wissenschaftler sprechen deshalb von einer Giftschuld, die wir Menschen bei der Plastiknutzung eingehen. Das heißt, Kunststoffe, die wir heute entsorgen, werden erst im Laufe der Zeit ihre volle giftige Umweltwirkung entfalten." Kunststoff ist auch nur eine Art von Schadstoffen, die in die Meere gelangen, neben Chemikalien aus dem Bergbau, der Industrie, der Landwirtschaft oder anderen Quellen. Doch laut einer Expertengruppe der UN sind Kunststoffreste die schädlichsten Schadstoffe, da sie am langlebigsten sind und sogar mehrere Jahrhunderte "alt" werden können.

Einer der Hauptverursacher von Mikroplastik ist nicht die Textilfaser in der Bekleidung oder die Kosmetik, sondern der Reifenabrieb vom Auto – saubere Weltmeere könnten also auch ein Argument für die Verkehrswende sein. Mehr als 80 Prozent des Mülls in den Meeren stammt zudem aus Quellen an Land, zeigt der aktuelle World Ocean Review. Aktuellen Schätzungen zufolge landen so jährlich zwischen acht und zwölf Millionen Tonnen Kunststoff im Meer – drei Prozent der jährlichen weltweiten Plastikproduktion. Die Ozeane sind längst eine toxische Müllhalde unseres Landlebens geworden und die Menge an Plastik wächst beständig.

Wenn die Flaschenpost aus Dresden die ganze Zeit über an der Wasseroberfläche schwimmt, Sandbänke oder andere Hindernisse umschifft, dann hat sie sogar Chancen, die Polarregion zu erreichen: Denn die Strömungsmuster in der Nordsee können Überbleibsel genau dorthin treiben. Die Antwort sehen Sie in dieser Doku:

Eine Boje des Projekts 'Flaschenpost aus Dresden' im Meer vor einem verschneiten Küstengebirge. Text: Wie sich unser Müll über die Elbe verbreitet 45 min
Bildrechte: ravir Film / MDR

Und was hilft gegen den Müll?

Filmemacher Steffen Krones kann seit seinen Müllerfahrungen im Polarmeer kaum noch am Müll in der Umwelt vorbeisehen und -gehen. Oft sammelt er in seinem Alltag den Müll auf. Wer nicht so viel Zeit und Muße hat: Es hilft schon, den Müll nirgendwo im Freien liegen zu lassen, sondern ihn immer mitzunehmen und zuhause zu entsorgen. Dann gelangt er aller Wahrscheinlichkeit nicht in die Arktis. Darüber hinaus gibt es mittlerweile viele lokale Gruppen, die sich zum Aufräumen in ihrem Stadtteil verabreden. So kann man das Sinnvolle mit dem Geselligen verbinden. Jede kleine Tat hilft, denn wegen der Langlebigkeit des Plastiks wird der Müll ohne (gesellschaftliche) Vermeidung und Aufräumaktionen einfach immer mehr.