MDR Kultur | 05.08.2022 Elischa M. Portnoy: "Dewarim" - Man verliert nie!

Warum müssen Menschen Ungerechtigkeit erleben? Um diese Frage, die alle Religionen beschäftigt, geht es auch hier in der Auslegung des Wochenabschnitts. Die tröstliche Antwort von Rabbiner Elischa M. Portnoy: Gott wird alles Unrecht ausgleichen.

Rabbiner Elischa M. Portnoy
Bildrechte: Elischa M. Portnoy

Mit dem Wochenabschnitt "Dewarim“ beginnt das fünfte und das letzte Buch der Thora. In diesem Buch bereitet der große Anführer des jüdischen Volkes Mosche sein Volk auf das Leben nach der Wüstenwanderung vor. Juden sollen das Gelobte Land erobern und es besiedeln. Deshalb erinnert Mosche die Menschen an alle Gebote der Thora, die sie von G’tt bekommen haben. So soll das jüdische Leben im Land Israel gesegnet und von Dauer sein.

Mosche beginnt seine Ansprache mit einem kleinen Rückblick auf die gemeinsame Vergangenheit. Eine der größten Errungenschaften war die Etablierung des jüdischen Rechtssystems, der "Halacha“. 

Bei seinem Rückblick erinnert sich Mosche unter anderem an seine Ansprache an die Richter, sich von der Ungerechtigkeit fernzuhalten: "Und ich gebot euren Richtern in dieser Zeit also: Verhöret eure Brüder und richtet mit Gerechtigkeit zwischen einem Mann und seinem Bruder und seinem Fremdling. Ihr sollt kein Ansehen erkennen im Gericht; wie den Kleinen, so den Großen sollt ihr hören. Fürchtet euch vor niemand, denn das Gericht ist G‘ttes; und die Sache, die für euch zu schwierig ist, bringt vor mich, dass ich sie höre".

Unsere Weisen, welche die Verse der Heiligen Schriften analysieren, bemerken hier, dass ein Teil des Verses unpassend scheint. Wenn auch das Ganze insgesamt logisch ist und durchaus Sinn macht, sind die Wörter "denn das Gericht ist G’ttes" in diesem Zusammenhang doch ein wenig merkwürdig. Es geht hier ja um ein Gericht, in dem Menschen von Menschen gerichtet werden, nicht von G’tt!

Antwort auf diese Frage geben unsere Weisen im Talmud im Traktat Sanhedrin 8a. Mosche meint hier Folgendes: wenn du als Richter einem Menschen etwas zu Unrecht wegnimmst, zwingst du G’tt dazu, diesem Menschen das Weggenommene zurück zu geben. Auf diese Weise müsste G’tt die Rechtsprechung quasi selbst übernehmen.

Unsere Weisen offenbaren uns hier eins der Grundprinzipien, wie G’tt diese Welt regiert. G’tt führt diese Welt und passt jede Sekunde auf, dass alles gerecht läuft. Es kann nicht sein, dass jemandem etwas zustößt, ohne dass der Mensch das verdient und ohne, dass G’tt so entschieden hätte. Und das irdische Gericht ist hier ein gutes Beispiel. Wird jemand vor Gericht ungerecht behandelt oder benachteiligt, bedeutet das, dass er in seinem Leben etwas falsch gemacht hat und G’tt ihm jetzt diesen Ärger sendet, um seine Verfehlungen zu sühnen.

G’tt wird für Ausgleich sorgen

Jedoch bestraft G’tt keinen Menschen in größerem Maße, als er es verdient hat.  Wenn also der Ärger im Gericht die Sünden dieses Menschen sühnt, wird G’tt diese Person nicht auch noch finanziell bestrafen. G’tt wird dafür sorgen, dass das Geld, das der Mensch infolge der falschen Gerichtsentscheidung verloren hat, zu ihm zurückkommt. Ob als Geschenk von Verwandten, ob als unerwartete Rückzahlung vom Finanzamt - auf irgendeine Weise wird dieser Mensch sein verlorenes Geld zurückbekommen.

Wenn wir diesen Gedanken verinnerlichen, wird unser Leben viel angenehmer verlaufen. Wenn wir plötzlich Opfer einer Ungerechtigkeit werden (in der Familie, am Arbeitsplatz oder im Urlaub), bedeutet das, dass wir irgendetwas vermasselt haben und G’tt uns jetzt von dieser Verfehlung reinigt.  

Doch müssen wir uns auch sicher sein, dass G’tt dafür sorgen wird, dass diese Ungerechtigkeit behoben wird. Wir werden absolut sicher dafür entschädigt, G’tt wird schon einen Weg dafür finden. Deshalb müssen wir uns nicht ärgern, streiten und gar schlaflose Nächte mit den Gedanken über diese Ungerechtigkeit verbringen.

Wir müssen einfach die Situation so nehmen, wie sie ist. Wenn es etwas gibt, das wir machen können, um die Gerechtigkeit wiederherzustellen, sollten wir tun und damit G’tt die Möglichkeit geben, das Problem auf natürliche Art und Weise zu lösen. Und wenn es nicht in unserer Macht steht, dann sollten wir uns einfach freuen, dass G’tt schon dabei ist, uns zu helfen. 

Schabbat Schalom!

Zur Person: Elischa M. Portnoy Rabbiner Elischa M. Portnoy wurde 1977 in Nikolaew in der Ukraine geboren. Seit 1997 lebt er in Deutschland. 2007 erwarb er das Diploms im Fach Ingenieur-Elektrotechnik an der TU Berlin. 2012 schloss er seine Ausbildung am Rabbinerseminar zu Berlin ab und erhielt die Smicha. Seit 2014 ist er als Gemeinderabbiner in Dessau-Roßlau tätig, seit 2018 fungiert er auch als Gemeinderabbiner in Halle / Saale. Rabbiner Elischa M. Portnoy ist Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands (ORD).

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 05. August 2022 | 15:45 Uhr