Beschuss des ukrainischen AKW Saporischja Atomkraft-Expertin: Russland bricht Völkerrecht

In der vergangenen Woche wurde das ukrainische Kernkraftwerk Saporischschja mehrfach beschossen. Die Ukraine und Russland geben sich gegenseitig die Schuld dafür. Welche Gefahr geht von der Anlage aus und was könnte sie bannen? Ein Interview mit der Technikhistorikerin Anna Veronika Wendland, die die ukrainischen Atomkraftwerke aus eigener Anschauung kennt.

Russischer Soldaten im ukrainischen AKW Saporischja
Seit Anfang März hält das russische Militär das ukrainische Kernkraftwerk Saporischschja besetzt – ein Bruch des Kriegsvölkerrechts. Bildrechte: IMAGO/SNA

Frau Wendland in der vergangenen Woche wurde das AKW mehrfach beschossen. Die Ukraine und Russland geben sich gegenseitig die Schuld dafür. Wie gefährdet ist das AKW aus ihrer Sicht?

Wenn man diese Gefährdungslage beurteilen will, dann muss man zu allererst zwei Dinge voneinander unterscheiden. Man muss bewerten, was wirklich passiert ist und man muss schauen, was im Falle eines weiteren Beschusses oder einer Verschärfung des Konflikts rund um die Anlage passieren könnte. Was ist passiert? Nach den Informationen, die wir von der Betreiberin, Enerhoatom, von der Atomaufsicht und auch von der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEA bekommen, gab es mehrere Beschüsse, die Schaden auf dem Betriebsgelände angerichtet haben, allerdings nicht an den nuklearen Anlagen. Es sind Nebenanlagen für die Stickstoffversorgung und Messgeräte beschädigt worden. Es gab aber keine radioaktiven Freisetzungen. Daneben gibt es auch noch eine Beschädigung von Hochspannungsleitungen. Das ist schon etwas ernster. Aber die IAEA hat festgestellt, dass eine unmittelbare Gefahr derzeit nicht von der Anlage ausgeht. Doch wie die IAEA eben auch richtig feststellt: So etwas kann sich stündlich ändern. Wenn es zum Beispiel zu einem gezielten Beschuss der nuklearen Anlagen, also der Reaktorgebäude, käme und wenn dann auf irgendeine Weise die Nachkühlkette dieser Reaktoren beschädigt würde, dann wird es tatsächlich sehr beunruhigend.

Portät der Osteuropa- und Technikhistorikerin Anna Veronika Wendland abgelegt.
Bildrechte: Severin Osadchuk

Dr. Anna Veronika Wendland ist Technik- und Osteuropahistorikerin am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg. Für ihre Forschung hielt sie sich zwischen 2013 und 2015 längere Zeit im ukrainischen Kernkraftwerk Riwne auf. Die Reaktoren in Saporischschja sind baugleich mit dem Block Riwne-3, in dem Wendland geforscht hat. Sie setzt sich abseits ihrer wissenschaftlichen Arbeit für die weitere friedliche Nutzung von Kernkraft ein.

Unter welchen Bedingungen arbeiten die Beschäftigten des AKW Saporischschja. Und wie ist die Situation in der Umgebung?

Das sind ungeheuer schwierige Bedingungen, unter denen die Leute arbeiten. Es sind tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesem Kernkraftwerk, die dort de facto unter der vorgehaltenen Waffe der russischen Besatzer arbeiten, die sich dort in der Anlage aufhalten. Dem Vernehmen nach haben sie auch im Maschinenhaus eines der Blöcke ihre militärischen Geräte untergestellt. Das ist ein unhaltbarer Zustand, dass auf dem Betriebsgelände Bewaffnete umherlaufen und die Belegschaft unter Druck setzen. Es gab Fälle von Verhaftungen und auch Verschwindenlassen von Mitgliedern der Belegschaft. Das heißt, sie arbeiten dort wirklich unter Ausnahmebedingungen. Das allein ist schon eine Bedrohung, auch für die kerntechnische Sicherheit.

Saporischschja ist nur eines von vier aktiven Kernkraftwerken in der Ukraine. Alle vier sind wegen des Krieges eine potenzielle Gefahr. Durch die russische Besetzung ist Saporischschja allerdings in einer besonders prekären Lage. Wie könnte denn das AKW gesichert werden?

Es könnte gesichert werden, indem man jetzt der Forderung folgt, die sowohl von der ukrainischen Regierung als auch von der Internationalen Atomenergie-Organisation kommt. Nämlich, dass IAEA-Inspekteure auf die Anlage gelassen werden. Das wäre schon ein kleiner Schutz für die Anlage, wenn internationale Beobachter vor Ort wären. Und dann müsste wahrscheinlich unter Mitarbeit der UN eine Schutzzone über das Kraftwerk verhängt werden, mit der beispielsweise 30 Kilometer um die Anlage herum Kriegshandlungen verboten würden. Es ist übrigens abgesehen von der Radiusangabe auch schon im Kriegsvölkerrecht so festgelegt, dass Kernkraftwerke von Kriegshandlungen auszuschließen sind. Was Russland dort macht, ist bereits ein eklatanter Bruch des Kriegsvölkerrechts. Nämlich, dass es das Kernkraftwerk als Geisel und als Schutzschirm missbraucht, um von dort aus militärische Operationen gegen die ukrainischen Streitkräfte zu führen, die sich auf der anderen Seite des Flusses Dnipro befinden. Das müsste abgestellt werden, beispielsweise durch eine solche Schutzzone.

Das Interview wurde am 12.08.2022 geführt.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR Aktuell Radio | 13. August 2022 | 07:15 Uhr

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