Essbare Stadt Grüner Trend - Stadtgemüsefarm und Dachgärtnern

Wie kann man Städte grün und essbar machen? Wo es so viele Brachflächen gibt, muss da doch was möglich sein, dachte sich Anna Meincke in Erfurt. Per Crowdfounding hat sie sich das Startkapital zusammengesammelt, auf alten Eisenbahngleisen große Beete anlegen lassen und baut mitten in der Stadt Dachgemüse an.

Anna Meincke im Gewächshaus ihrer Stadtfarm
Das Gewächshaus auf dem Dach ist nur ein Teil der Stadtfarm. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Shirt, derbe Schuhe, robuste Hose, die langen Haare zum Zopf gebunden, die Hände, denen man das Gärtnern ansieht, kurz abgewischt und los geht's hinein in die Stadtgemüsefarm. Mit ihr hat sich Anna Meincke mitten in Erfurt einen Lebenstraum erfüllt. "Bei uns in der Familie haben alle ihre Hände irgendwie in der Erde. Da war es wohl klar, dass ich mal was mit Gärtnern mache", sagt sie und läuft schnurstraks und auch verdammt stolz auf die angelegten Großbeete zu.

Eine Frau mit einer Schaufel auf einer Brachfläche mit Erde.
Hier lagen vor kurzem noch alte Gleise, jetzt wächst bald Gemüse. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Gleisbeet statt Gleisbett

Noch vor wenigen Wochen gab es hier neben dem Kreativzentrum Kontor nur verkrautetes Gelände und stillgelegte Bahngleise. "Kein Gleisbett sondern ein Gleisbeet", lacht sie und freut sich, dass nun schon das erste Gemüse in der Erde ist.

Tonnen von Muttererde hat sie anfahren lassen, die XXL-Beete in Beton gefasst, die damit wie Hochbeete wirken. Sie hat Trittwege angelegt und Kübel am Zaun aufgestellt. "Dort kommt alles rein, was ranken kann. Warum sollte man den Zaun, der eh schon da ist, nicht nutzen".

Eine Brachfläche zwischen Häusern durch eine Folie betrachtet
Der Blick aus ihrem Gewächshaus auf die neuen Beete macht Anna Meincke stolz. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Auf 900 Quadratmetern soll in diesem Jahr, ihrer ersten Gartensaison, alles wachsen, was wachsen kann. "Vor allem aber Sortenraritäten", sagt sie. Denn auch Gemüsesorten sind vom Aussterben bedroht. "Beim Artensterben denkt jeder zuerst an den Eisbär auf der Scholle. Aber es gibt auch eine rote Liste der Nutzpflanzen. Ich werde mir hier für meine Stadtgemüsefarm coole Sorten aussuchen, die auch mal eine andere Farbe haben und noch dazu besser schmecken: Gelbe Gurken, schwarze Tomaten, Erbsen mit blauer Schale."

Gemüse von der Brachfläche

Anne Meincke hat Ökologie und Umweltschutz studiert, sich jahrelang mit der Zukunft der Landwirtschaft und unserer Ernährung befasst. Begonnen hatte alles auf ihrer Dachterrasse. Dort hat sie in Kübeln wild mit allen möglichen Kulturen experimentiert und ihren Blog "Dachgemüse" gestartet. Das ist sechs Jahre her.

Sie möchte, sagt sie, städtische Brach- und Dachflächen nutzen, um dort Essbares anzubauen, die Landwirtschaft, den Gemüseanbau in die Stadt (zurück)bringen. "Kaum einer weiß, dass nur 36 Prozent unseres Gemüses in Deutschland angebaut wird. Der Rest kommt aus der ganzen Welt. Mal abgesehen von den oft prekären Arbeitsbedingungen in manchen Ländern sind die weiten Wege auch vom Klimaschutz her heute nicht mehr zu vertreten."

Erfurts erste Stadtgemüsefarm

Gärtnern vor der Haustür - ein grüner Trend, der immer mehr Gefallen findet. Dass es geht, den Beweis will sie mit Erfurts erster Stadtgemüsefarm antreten. Die Hürden, die sich auch bei einem grünen Start-up auftun, hat die 33-Jährige couragiert genommen.

Bei uns in der Familie haben alle ihre Hände irgendwie in der Erde. Da war es wohl klar, dass ich mal was mit Gärtnern mache.

Stadtgärtnerin Anna Meincke

Da ihre Idee durch jedes Förderraster gerutscht war, startete sie im vergangenen Herbst ein Crowdfunding. Das so gesammelte Geld reichte aber noch nicht und so nahm die mutige Jungunternehmerin auch noch einen Kredit auf. "Ich bin überzeugt, dass wir unsere Städte nicht nur grüner machen können, sondern auch müssen. Wir sehen das doch jetzt, wenn die Lieferketten zusammenbrechen."

Über den Beeten am Kontor schwebt ein Gewächshaus. Dachgemüse also, denke ich und gleich kontert Anna: "Das stand nun wirklich schon da." Wir klettern die kleine Metallstiege nach oben. Dort zieht sie aktuell Kohlrabi, Pak Choi. Asiasalate, Spinat, Erbsen vor. Noch sind es winzige Pflänzchen. Großgezogen sollen sie später in die Gleis-Beete umziehen.

Erfahrungen teilen und Wissen vermitteln

Mit ihrer Stadtgemüsefarm will sie Geld verdienen und gesunde Lebensmittel mitten in der City anbauen und noch mehr. In Workshops vermittelt sie ihr Wissen ums Dachgärtnern, verkauft in ihrem Bio-Online-Shop Saatgut und Jungpflanzen alter Gemüsesorten. Aktuell sind da zum Beispiel Asia-Pflücksalat, Bio-Zuckerschoten und Radieschen zu haben. "Wer anfängt, auf seiner Dachterrasse in Kübeln zu gärtnern, sollte mit Radieschen starten. Die wachsen immer und man hat schnell einen Erfolg. Ich pflanze gern Mischkulturen an, also zwei, drei unterschiedliche Gemüsesorten, so unterstützen sie sich gegenseitig beim Wachsen", gibt sie noch einen Tipp.

Per Abo-Box auf den Tisch

Was in ihren großen Stadtgemüsebeeten wächst, verkauft sie als Abo-Gemüsebox. 50 Kunden haben sich für ein solches Abo bereits gemeldet und damit ist die Liste für die erste Gartensaison voll. Perspektivisch hofft die Umweltingenieurin auf 100 Kunden. Und es muss ja nicht die einzige Stadtgemüsefarm bleiben, meint sie noch. "Es gibt so viele Dach- und Brachflächen, warum sollte man die nicht nutzen, um all das anzubauen, was wir gern auf unserem Teller haben."

Die Stadtgemüsefarm am Erfurter Kontor wird am 22. Mai mit einem Tag der offenen Tür offiziell eingeweiht - dann wird sicher schon einiges Grün sprießen und die Abo-Gemüsebox-Kunden können der Ernte entgegenfiebern.

MDR (gh)

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 26. März 2022 | 08:00 Uhr

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