Interview Feuerökologe Johann Goldammer: "Müssen uns an die neue Lage anpassen"

Wie gut sind wir bei der Waldbrandbekämpfung aufgestellt? Welche Maßnahmen wären sinnvoll? Wie wichtig ist das Thema Waldumbau, um Bränden vorzubeugen? MDR SACHSEN hat darüber mit dem Feuerökologen Johann Georg Goldammer gesprochen.

Feuerökologe Johann Georg Goldammer
Auch Forstleute müssten speziell ausgebildet werden beim Thema Waldbrand, sagt Feuerökologe Johann Goldammer. Bildrechte: FMCR-CAR

MDR: Wo stehen wir in Deutschland in puncto technische Ausstattung und "Know-how" bei der Waldbrandbekämpfung?

Johann Goldammer: Wir müssen uns in Deutschland mit einer neuen Lage befassen. 2018 ist das Jahr, in dem wir die Signale der Klimaveränderung ganz deutlich sehen. Alle sind auf der Suche nach neuen Lösungsmöglichkeiten und schauen dabei auch über die eigenen Grenzen hinweg, beispielsweise nach Südeuropa, um von anderen Ländern zu lernen.

Dieser Prozess des sich neu Aufstellens dauert. Da herrscht auch ein bisschen Staatsbürokratie, die im Wege steht. Auch die Tatsache, dass wir durch den Föderalismus diese Aufsplittung in 13 Flächenländer und die große Zahl der Landkreise haben, bei denen die Hauptverantwortung liegt. Wir haben 22.000 Gemeindefeuerwehren in Deutschland und dadurch die Verantwortung. Das ist im Prinzip auch richtig so. Aber da muss jetzt ein Ausbildungs- und Ausrüstungskonzept greifen, das sich auf diese neue Lage einstellt. Und dabei gibt es noch eine ganze Menge zu tun.

Aber da muss jetzt ein Ausbildungs- und Ausrüstungskonzept greifen, das sich auf diese neue Lage einstellt.

Johann Georg Goldammer | Feuerökologe

Wie könnten diese Maßnahmen bzw. Konzepte aussehen?

Meine Einrichtung liegt in Freiburg im Breisgau. Die Stadt Freiburg kam vor mehr als zehn Jahren auf mich zu und fragte, ob sich auch die Region Freiburg auf den Klimawandel und eine möglicherweise erhöhte Gefährdung durch Waldbrände einstellen soll. Dann haben wir ein Konzept entwickelt, das wie folgt aussieht:

  • Wir haben aus der Berufsfeuerwehr und den elf Freiwilligen Abteilungen zwei Abteilungen herausgesucht. Eine liegt direkt am Schwarzwald, also am Waldrand, die andere in Richtung Rheinebene am offenen Land, wo die Gefährdung durch Landwirtschaftsbrände sehr viel größer ist. Dazu haben wir eine "Taskforce" gebildet, wo diese beiden freiwilligen Feuerwehrabteilungen eine besondere Ausbildung bekommen haben, zudem noch Ausrüstung, die es ihnen erlaubt, nicht nur von dem Feuerwehrfahrzeug von der Straße oder vom Waldweg aus ein Feuer zu bekämpfen, sondern dem Feuer zu Fuß, mit leichten Handgeräten, vor allen Dingen mit sehr leichter Schutzkleidung, die die Feuerwehren bislang normalerweise nicht haben, entgegenzugehen.

  • Freiburg hat ein eigenes Forstamt. Wir haben die Forstmitarbeiter einbezogen in die Ausbildung, in das Training, und zwar in das gleiche, das die Feuerwehr bekommt. Und ferner haben die Forstleute auch die Ausrüstung in ihren Fahrzeugen. Wenn ein Entstehungsbrand gemeldet wird oder selbst von den Mitarbeitern entdeckt wird, dann kann die Feuerwehr gerufen werden. Aber die Forstleute können den Erstangriff machen und vielleicht das Feuer so lange hinhalten oder schon unter Kontrolle bekommen, bis die Feuerwehr erscheint. Und was viel wichtiger ist, dass die Forstmitarbeiter Ortskenntnisse, die Kenntnisse über die Topografie und die einzelnen verschiedenen Waldbilder und Waldtypen, die auch unterschiedliche Empfindlichkeit gegenüber Feuer haben und auch unterschiedlich brennen, haben.

  • Der dritte Punkt ist, dass viele Brände (wie z.B. auch in Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern) im Landwirtschaftsraum entstehen. Während der Erntezeit heißgelaufene Mähdrescher oder andere Landwirtschaftsmaschinen sind oft dafür verantwortlich, dass diese Brände entstehen. Dagegen haben wir mit der Industrie zusammen eine Gerätschaft entwickelt, die mit einem Handgriff an Landwirtschafts- und Forstwirtschaftstraktoren angekuppelt werden kann. Durch die Kraftübertragung der Traktoren wird ein Feuerlöschsatz angekuppelt, der mit Hoch- und Niederdruck die Operateure in die Lage versetzt, das Feuer direkt vor Ort zu bekämpfen bevor die Feuerwehr kommt. Ein Vorteil ist, dass diese Traktoren richtig im Gelände fahren können, und zwar dort, wo die Feuerwehrfahrzeuge nicht hinkommen.

...die Forstleute können den Erstangriff machen und vielleicht das Feuer so lange hinhalten oder schon unter Kontrolle bekommen, bis die Feuerwehr erscheint.

Johann Georg Goldammer | Feuerökologe

Wie wichtig ist das Thema Waldumbau, um Bränden vorzubeugen?

Was der Wald der Zukunft anbelangt, stehen wir vor vielen Fragezeichen. Anhaltende Dürreperioden, anders verteilte Niederschläge - wie sehen dort die Wälder aus? Sind das immer noch solche leistungsfähige, dichte, hoch bestockten sogenannten Hochwälder? Oder wird sich die Entwicklung eher in eine andere Richtung begeben? Zu einer Waldgesellschaft, die insgesamt etwas niedriger vom Wuchs, offen ist, zum Beispiel. Wir sprechen hier dann von von einem Lichtwald. Solche Waldtypen gibt es in verschiedenen Regionen der Erde. Dahin müssen wir uns langsam tasten.

Das komplette Interview hier nachhören:

Feuerökologe Johann Georg Goldammer 11 min
Bildrechte: FMCR-CAR

Aber hier ist die Forstwissenschaft und die Forstwirtschaft vor große Unsicherheiten gestellt, weil wir noch nicht genau wissen, in welche Richtung es geht. Aber auf dem Weg dahin müssen wir versuchen, zu verhindern, dass unsere Wälder großflächig von Feuer betroffen werden. Und das bedeutet, dass man die verschiedenen Waldfunktionen oder die Zielfunktionen der Waldbewirtschaftung so ordnet, dass wir ein Nebeneinander, ein Miteinander haben von beispielsweise Flächen, die sich selbst überlassen werden.

Die müssen aber stark durch Waldbrandschutz-Korridore abgesichert werden, die sehr intensiv bewirtschaftet werden. Das kann ein Erholungswald oder Wirtschaftswald sein, den wir unbedingt brauchen. Alle diese Zielfunktion müssen wir sicherstellen.

Und hier kommt jetzt eine neue Funktion in der Waldbewirtschaftung hinzu, die bei uns in der Vergangenheit keine große Rolle spielte. Das ist die Sicherung vor Waldbrand. Das bedeutet, dass dieser alte Begriff der räumlichen Ordnung, den wir aus der Forstwirtschaft von über 100 Jahren kennen, neu definiert werden muss, in Richtung Waldbrand und Sicherheit. Ich denke, wir müssen an solchen Konzepten arbeiten.

...Es [gilt] das, was wir haben, in die Zukunft zu retten. Aber auf dem Weg dahin müssen wir versuchen, zu verhindern, dass unsere Wälder großflächig von Feuer betroffen werden.

Johann Georg Goldammer | Feuerökologe

MDR (jk/cw)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | 27. September 2022 | 22:00 Uhr

Mehr aus Sachsen