Öffentliche Verkehrsmittel Nur drei Städte in Sachsen haben Sozialtickets

Klimaschutz gilt als das Gebot der Stunde, öffentliche Verkehrsmittel sollen stärker genutzt werden. Nur drei Städte in Sachsen bieten jedoch Sozialtickets für sozial schwächere Menschen an, obwohl etwa 15 Prozent aller Sachsen auf Sozialleistungen angewiesen sind.

Eine Straߟenbahn der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB)
Sozialtickets sollen sozial bedürftigen Menschen helfen, erschwinglich Bus oder Bahn zu fahren. Bildrechte: dpa

Sozialtickets ermöglichen Menschen mit wenig Geld, den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. Für einen günstigeren Preis können sie eine spezielle Monatskarte kaufen und in ihrer Region mobil bleiben. Allerdings haben nur drei Städte in Sachsen diese Sozialtickets. Das hat eine Recherche von MDR SACHSEN ergeben. Demnach halten Leipzig und Dresden Sozialtickets für ihre Bürgerinnen und Bürger bereit. Görlitz bietet zwar kein Sozialticket, jedoch einen "Familienpass" mit dem bedürftige Schülerinnen und Schüler ihre Monatskarte um drei Euro günstiger erhalten.

Keine Sozialtickets in Westsachsen

Keine Sozialtickets und auch keine Aussicht darauf gibt es derzeit im Landkreis Mittelsachsen, im Erzgebirgskreis sowie in Chemnitz und Zwickau. "Nein, wir bieten kein Sozialticket an", heißt es von den Städtischen Verkehrsbetrieben Zwickau. Eine ähnliche Antwort kommt aus Chemnitz: Kein Sozialticket. Verantwortlich sei jedoch der Verkehrsverbund Mittelsachsen. Auch dort heißt es: "Kein Sozialticket". Das Preiskonstrukt für sozial Bedürftige berühre zudem politische Fragen, die die jeweiligen Kommunen beantworten müssten. Der Verkehrsverbund Mittelsachsen umfasst nicht nur den Landkreis Mittelsachsen, sondern auch den Erzgebirgskreis sowie den Landkreis Zwickau sowie die Städte Zwickau und Chemnitz.

Was sagen die Kommunen?

Der Chemnitzer Stadtrat hatte sich bereits 2018 gegen die Einführung eines Sozialtickets entschieden. Das war auch das Votum des Zwickauer Stadtrates im gleichen Jahr. Der Landkreis Mittelsachsen hatte seinen Vorschlag für die Einführung eines Sozialtickets im März 2019 zurückgezogen. Der Verwaltungsaufwand sei viel zu hoch und der finanzielle Aufwand erheblich, hieß es damals im Landratsamt.

Wenn die Finanzierung steht, kann man Sozialtickets integrieren.

Mitteldeutscher Verkehrsverband

Die Finanzierung obliege den Kommunen und Kreisen. Werde hier eine Lösung gefunden, stünde Sozialtickets nichts im Wege.

Trübe Aussichten in Nord- und Ostsachsen

Ähnlich sieht die Situation in ganz Sachsen aus – abseits von Leipzig, Dresden und mit Abstrichen in Görlitz. Es gibt keine Sozialtickets in:

  • Vogtland (Verkehrsverbund Vogtland)
  • Landkreis Leipzig und Nordsachsen (Mitteldeutscher Verkehrsverbund)
  • in der Region um Dresden (Verkehrsverbund Oberelbe; VVO)
  • im Gebiet des Verkehrsverbund Oberlausitz-Niederschlesien GmbH (ZVON).

"Die Verkehrsunternehmen im ZVON bieten kein Sozialticket an", erklärte Sprecherin Sandra Trebesius. Es gebe jedoch günstige Angebote für Schüler, Azubis und Senioren. "Die Einführung eines Sozialtickets ist nicht an uns herangetragen worden. In jedem Fall müsste es durch einen Kostenträger wie den Freistaat und die Kommunen mitfinanziert werden."

VVO-Sozialticket scheiterte bereits 2014

Die fehlende Finanzierung führte bereits im Jahr 2014 zu einer Sozialticket-Schlappe im Gebiet des VVO. Damals sei kein Geldgeber gefunden worden. Zudem hatten sich die Landkreise laut Medienberichten gegen ein Sozialticket ausgesprochen, vermutlich, weil sie eine "Mitfinanzierungspflicht aus ihren kargen Kassen fürchteten", hieß es in den "Dresdner Neuesten Nachrichten".

Leuchttürme Leipzig und Dresden

Die Städte Leipzig und Dresden zeigen, dass es trotzdem sozial im ÖPNV zugehen kann. In beiden Städten haben die jeweiligen Verkehrsbetriebe Sozialtickets. "Bei uns heißt das 'Leipzig Pass Mobil Card", sagte Frank Viereckl, Sprecher der LVV Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft mbH auf Anfrage. "Die Leipziger Verkehrsbetriebe bieten ein Monatsticket für 32 Euro oder ein Jahres-Abo für 365 Euro an."

Dresdner Sozialticket im Abo für 26,85 Euro

Auch in Dresden gibt es ein Sozialticket: "Ein Sozialticket im Abo für die Tarifzone Dresden kostet bei uns 26,85 Euro. Das bezahlt der Anspruchsberechtigte", erklärte Falk Lösch, Sprecher der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB). "Der Anspruch leitet sich ab aus dem Dresden Pass. Vom Sozialamt gibt es den nötigen Stempel, dann kann das Abo bei uns bgeschlossen werden." Die Vergabe des Dresden-Passes erfolge nur durch das Sozialamt, also durch die Stadt Dresden. Ein Sozialticket ohne Abo kostet laut DVB 47,70 Euro.

Eine Straßenbahn der Dresdner Verkehrsbetriebe.
Bildrechte: dpa

97.000 Leipziger nutzen das Sozialticket

Den Angaben zufolge nahmen in diesem Jahr 97.000 Leipzigerinnen und Leipziger ein Sozialticket in Anspruch. Sie kauften etwa 90.000 Monatstickets und 7.000 Jahresabonnements. In Relation zur aktuellen Bevölkerungszahl von mehr als 605.000 Leipzigern, greifen damit etwa sechs Prozent der Einwohner auf ein Sozialticket zurück.

300.000 Sachsen auf Sozialleistungen angewiesen

In Sachsen insgesamt sind etwa 300.000 Menschen auf Sozialleistungen angewiesen. Das geht aus Zahlen des Freistaats hervor, die allerdings noch aus dem Jahr 2019 stammen. Das entspricht etwa einem Anteil von etwa 15 Prozent der Bevölkerung – Empfänger von geringen Löhnen und Renten nicht mit eingerechnet. Die meisten Bedürftigen nach Anteil an der Bevölkerung leben demnach in Leipzig, gefolgt von Chemnitz, Görlitz und Dresden.

Görlitz bietet Familienpass

Die Stadt Görlitz konnte in der Vergangenheit zumindest ein Kompromiss zum Sozialticket verhandeln. Sie hat einen "Familienpass", mit dem Schülerinnen und Schüler aus bedürftigen Familien ihre Monatskarte um drei Euro billiger erhalten. Der Familienpass müsse bei der Stadtverwaltung beantragt werden, erklärte Andreas Kolley von den Görlitzer Verkehrsbetrieben GmbH (GVB). "Das reduzierte Monatsticket kostet 28 Euro, im Abo 24,20 Euro."

Es sei im Jahr 2020 mehr als 400 Mal in Anspruch genommen worden. In diesem Jahr hingegen habe es nur knapp 80 Bestellungen gegeben. "Der Unterschied ist vermutlich zum einen auf Corona und zum anderen auf die Einführung des Bildungstickets zurückzuführen", erklärte Kolley.

Bildungsticket ein großer Erfolg

Bilanz: Es gab in den vergangenen Jahren abseits von Leipzig und Dresden viele Versuche, Sozialtickets in Sachsen einzuführen. Alle scheiterten. Als Erfolg wertete Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) allerdings die flächendeckende Einführung des Bildungstickets (für 15 Euro im Monat) für alle Schüler.

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