Menschenrechte Aktionen gegen Gewalt an Frauen in Sachsen

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Gewalt gegen Frauen eines der größten Gesundheitsrisiken für die weibliche Bevölkerung. So stirbt laut Polizeistatistik in Deutschland jeden zweiten bis dritten Tag eine Frau an den Folgen von Gewalt durch ihren Ehemann, Lebenspartner oder Ex-Partner. Seit 1999 gibt es jedes Jahr zum 25. November einen Gedenktag, bei denen die Einhaltung der Menschenrechte gegenüber Frauen und Mädchen thematisiert wird. Orangefarbiges Licht soll am Donnerstag an Fassaden in Sachsen darauf hinweisen - aber nicht nur.

Eingetaucht in orangefarbenes Licht ist das Neue Rathaus in Leipzig zu sehen. Unter dem Motto "Orange your City" leuchten am Abend in der Messestadt mehrere Gebäude orange.
Unter dem Motto "Orange your City" werden am Abend in Leipzig mehrere Gebäude orange leuchten, unter anderem auch das Neue Rathaus. Hintergrund der Aktion ist der Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen. Bildrechte: dpa

Der 25. November wurde von den Vereinten Nationen zum "Internationalen Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen" erklärt. Auch in Sachsen finden am Donnerstag mehrere Aktionen statt. In Dresden, Leipzig, Radebeul und im Landkreis Görlitz werden am Abend zahlreiche Gebäude orange beleuchtet, um auf die geschlechtsspezifische Gewalt aufmerksam zu machen.

Corona sorgt für Anstieg bei Häuslicher Gewalt

In Sachsen wird das Thema "Gewalt an Frauen" seit Jahren durch den Landesfrauenrat Sachsen hervorgehoben. Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen hat der Rat nun vor den Folgen der Corona-Maßnahmen auf das Vorkommen häuslicher Gewalt gewarnt. Schon im vergangenen Lockdown seien die gemeldeten Zahlen leicht erhöht gewesen, wenn auch nicht so sehr wie erwartet, sagte die Vorsitzende Susanne Köhler.

Dennoch gehen wir fest davon aus, dass die Dunkelziffer noch höher sein dürfte als in normalen Zeiten.

Susanne Köhler Vorsitzende Landfrauenrat Sachsen

"Wenn der gewalttätige Mann im Homeoffice sitzt, können sie nebenbei keine Hilfe rufen", berichtet Köhler. Das beschäftige sie auch jetzt wieder. "Aktuell sind zum Beispiel Kita und Schulen noch offen, wo Gewaltfälle auffallen können. Die Frage ist nur: Wie lange noch?"

In ihrem Beruf als Familienanwältin hat Köhler im Lockdown zudem viele Probleme bei Gerichtsverfahren bemerkt. Gerichte und Jugendämter hätten in der ersten Welle bis Mai 2020 kaum Termine angesetzt. Auch habe es viel länger als gewöhnlich gedauert, bis Entscheidungen etwa zu Annäherungsverboten gefallen seien. Das sei dramatisch, so Köhler.

Gewaltbetroffene zögern meist lange, bis sie sich wehren.

Susanne Köhler Vorsitzende Landfrauenrat Sachsen

Schneller Schutz wichtig

Wenn sie sich dann entschieden haben, sollte es schnell gehen und umfassender Schutz erreicht werden können, findet die Präsidentin des Landesfrauenrates. Das betrifft dann auch die Kinder. Doch da wartet für den Landesfrauenrat das nächste coronabedingte Problem.

Laut Köhler können die sächsischen Schutzeinrichtungen weniger Frauen aufnehmen, als noch vor Corona, da diese sich Gemeinschaftsräume wie die Küche teilen. Obwohl weitere Schutzwohnungen im Lockdown eingerichtet worden seien, gebe es gerade auf dem Land Probleme mit den Kapazitäten.

UN: Gewalt an Frauen ist Schattenpandemie

Durch die anhaltende Corona-Pandemie und die ökonomischen und sozialen Folgen steigt der emotionale Stress. Häufiges Ventil sei dann Gewalt, konstatieren die Vereinten Nationen. Beengte Wohnverhältnisse tun ihr übriges. Der Anstieg der häuslichen Gewalt gegen Frauen weltweit während der COVID-19-Pandemie bezeichnet die UN sogar als "Shadow-Pandemic" (deutsch: Schattenpandemie/Anm. d. Redaktion).

In Deutschland ist die Zahl der angezeigten Gewalttaten insgesamt unter Paaren und Ex-Partnern 2020 gestiegen. Laut einer aktuellen Statistik zur Partnerschaftsgewalt registrierten die Behörden im vergangenen Jahr bundesweit 146.655 Fälle, in denen ein aktueller oder ehemaliger Partner Gewalt ausübte oder dies versuchte - ein Anstieg um 4,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Auch in Sachsen sind die Fälle im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt laut Polizeilicher Kriminalstatistik im vergangenen Jahr gestiegen, um 356 auf 9.235. Allein über 5.900 davon waren Körperverletzungen und die Opfer meist weiblich.

Grafik Häusliche Gewalt
Wie von Psychologen und Kriminologen als Folge von Ausgangsbeschränkungen befürchtet, hat auch in Sachsen die häusliche Gewalt zugenommen. In der Grafik nicht enthalten sind die jeweiligen Geschlechter der Opfer und der Tatverdächtigen. Laut einem entsprechenden BKA-Lagebild sind aber 80 Prozent der Opfer weiblich und 80 Prozent der Tatverdächtigen männlich. Bildrechte: Innenministerium Sachsen

Leipzig leuchtet auf

In Leipzig wird die weltweite Aktion "Orange the World" vom Zonta Club Leipzig Elster organisiert. Die Lichtinstallationen seien ein optischer Wachmacher, erklärte Vereinspräsidentin Renate Matzke-Karasz MDR SACHSEN.

Es ist eine Möglichkeit, das Problem überhaupt erstmal in die Köpfe zu bekommen, dass da etwas ist, das man anpacken muss. Das Problem wird nicht kleiner, das hat Corona nochmal gezeigt.

Renate Matzke-Karasz Präsidentin Zonta Club Leipzig Elster

Gewalt gegen Frauen
Jeden zweiten bis dritten Tag stirbt laut Polizeistatistik in Deutschland eine Frau an den Folgen von Gewalt durch ihren Ehemann, Lebenspartner oder Ex-Partner. Bildrechte: Colourbox.de

So werden mit Einbruch der Dämmerung 24 Gebäude in Leipzig orange angestrahlt. Neben dem Neuen Rathaus werden unter anderem auch das Schauspiel Leipzig, das Wintergartenhochhaus, das Gas- und Dampfturbinenkraftwerk in der Eutritzscher Straße, das Klinikum St. Georg sowie das Gebäude der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland orange illuminiert oder dekoriert.

Licht und digitale Veranstaltungen

Auch in Dresden, Radebeul und im Landkreis Görlitz werden am Abend zahlreiche Gebäude in Orange leuchten. Unter dem diesjährigen Motto "Orange the world: Fund, Respond, Prevent, Collect!" beteiligen sich in Dresden und Radebeul unter anderem:

  • das Rektoratsgebäude sowie der Gerberbau der TU Dresden
  • das Sächsische Staatsministerium der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung
  • Agentur für Arbeit und Jobcenter Dresden
  • Kraftwerk Mitte
  • Haus der Kirche Dresden an der Dreikönigskirche
  • Kreativ Werkstatt Dresden e.V.
  • Wasserturm und Weingut Haus Steinbach, Radebeul


Vor dem Historischen Rathaus in Radebeul weht zudem wieder die Flagge von Terre des Femmes "Frei leben ohne Gewalt".

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen Unter dem Stichwort #schweigenbrechen hat das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend ein Hilfetelefon unter der Nummer 08000 116 016 geschaltet.

Im Landkreis Görlitz beteiligen sich an "Orange the World" unter anderem:

  • das Landratsamt Görlitz
  • Polizeidirektion Görlitz
  • Ca-Tee-Drale e.V.
  • Opferhilfe Sachsen e.V. in Görlitz
  • Kino-Café in Rietschen
  • Camillo in Görlitz
  • Rathaus der Stadt Zittau
  • Rathaus der Stadt Ostritz

Es werden aber nicht nur Gebäude beleuchtet, um so auf das Thema aufmerksam zu machen. Auch viele Veranstaltungen werden angeboten. Coronabedingt zum Teil interaktiv oder mit einer Teilnehmerbeschränkung. So wird es an der TU Dresden digitale Workshops zu Techniken verbaler und körperlicher Selbstbehauptung angeboten und für den Abend hat die Gleichstellungsbeauftragte der Hochschule, Jutta Eckhardt, zu einer digitalen Podiumsdiskussion geladen.
Auch in Freital wird der Gedenktag genutzt, um auf das Thema Gewalt an Frauen hinzuweisen. Ab 16 Uhr können Kerzen vor dem Haupteingang des Weißeritz-Parks abgestellt werden.

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen 1999 verabschiedete die UN-Generalversammlung eine Resolution, nach der der 25. November zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen bestimmt wurde.

Hintergrund für den weltweiten Aktionstag war die Entführung, Vergewaltigung und Folterung dreier Schwestern und schließlich ihre Ermordung am 25. November 1960. Die Schwestern Mirabal waren in der Dominikanischen Republik durch Militärangehörige des damaligen Diktators Rafael Trujillo verschleppt worden. Schon seit 1981 organisierten Menschenrechtsorganisationen alljährlich zum 25. November Veranstaltungen, bei denen die Einhaltung der Menschenrechte von Frauen und Mädchen auf die Agenda gesetzt werden.

Quelle: MDR/bb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalnachrichten aus dem Studio Leipzig | 25. November 2021 | 07:30 Uhr

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