Kreislaufwirtschaft Umweltschützer kritisieren Kunststoff-Recyclinganlage in Böhlen

Im Landkreis Leipzig in Böhlen soll die größte Kunststoff-Recyclinganlage Europas entstehen. Mittels eines besonderen chemischen Verfahrens sollen künftig alle Arten von Plastik recycelt werden können. Die geplante Anlage, die vom US-Chemiekonzern Dow und dem britischen Recyclingunternehmen Mura Technologies gebaut werden soll, stößt bei Umweltschützern auf Kritik.

Das Bild zeigt ein Modell für eine Recyclinganlage, in der Kunststoffabfälle verarbeitet werden sollen
Für den BUND ist die geplante Kunststoff-Recyclinganlage kein wirklicher Segen. Die Umweltschützer kritisieren sie als Verwertungsanlage, die Unmengen an Energie verbraucht und nicht hilft, Müll zu vermeiden. Bildrechte: Dow Chemical

Europas größte Kunststoff-Recyclinganlage, die in Böhlen im Landkreis Leipzig gebaut werden soll, stößt auf Kritik. Wie Janine Korduan, Referentin für Kreislaufwirtschaft beim Bund für Umwelt und Natur (BUND) MDR SACHSEN sagte, ist die Anlage keine Recycling- sondern eine chemische Verwertungsanlage. Diese verbrauche enorm viel Energie, um Plastik in seine Bestandteile zu zerlegen und würde dabei auch Giftstoffe produzieren. "Solche Anlagen lenken von dem ab, was eigentlich getan werden müsste. Nämlich ein System zu entwickeln, wie Müll vermieden werden kann", sagte Korduan.

Plastikwende gefordert

Korduan fordert die Verpackungsindustrie auf, auf einheitliche Verpackungsmaterialien zu setzen, die leicht zu säubern und schnell wieder in Umlauf gebracht werden können. Auch Umweltbiotechnologe Dr. Hermann J. Heipieper vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung findet, es ist Zeit für eine Plastikwende analog zur Energiewende 2011. "Wir benötigen eine Umstellung von einer linearen, ölbasierten "unterirdischen" auf eine zirkuläre, biobasierte "oberirdische" Kunststoffwirtschaft", sagte der Wissenschaftler auf Anfrage von MDR SACHSEN. Mit "unterirdisch (below ground)” ist dabei die Ölförderung gemeint, mit "oberirdischer (above ground)“ der Anbau von Pflanzen bzw. die biotechnologische Synthese zur Gewinnung von Plastik-Rohstoffen.

Verfahren besser als bisher etablierte Methoden

Christian Sonnendecker vom Institut für Analytische Chemie an der Universität Leipzig widerspricht dem BUND, dass die Anlage nicht wirklich recyceln würde. Bei dem Verfahren in Böhlen werde wohl vornehmlich eine stoffliche Verwertung stattfinden und keine thermische, erklärte er auf Anfrage von MDR SACHSEN. Nach EU-Richtlinie und dem Kreislaufwirtschaftsgesetz würde es sich damit um echtes Recycling handeln. Zwar sei ein vollständig geschlossener Kunststoffkreislauf nicht möglich, da die Kunststoffe unspezifisch gespaltet würden, dennoch könnte ein guter Teil in einem gewissen Kreislauf gehalten werden, so Sonnendecker. "Das ist allemal besser als es die heute etablierten Methoden erlauben," erklärte Sonnendecker. Die geplante Recycling-Anlage sei daher ein Schritt in die richtige Richtung.

Unternehmen wollen Kreislaufwirtschaft

Vergangene Woche kündigte der US-Chemiekonzern Dow und das britische Recyclingunternehmen Mura Technology mit, in Böhlen Europas größte Kunststoff-Recyclinganlage bauen zu wollen. 2025 soll sie den Angaben zufolge in Betrieb gehen. Beide Unternehmen planen durch diese und weitere Anlagen eine Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe zu schaffen.

120.000 Tonnen Kunststoffmüll sollen verarbeitet werden

Kunststoffabfälle würden in der Anlage aufbereitet und dabei verunreinigende Stoffe herausgefiltert, sagte Oliver Borek, der bei Mura Technology für die Leitung und Koordinierung der Produktentwicklung verantwortlich ist. "Mit Wasser wird dabei der Kunststoff gekocht. Dieser Prozess zersetzt die Kunststoffformen zurück in ihre Ursprungsformen und schließlich in ein synthetisches Rohöl", erklärt Borek das Verfahren.

Dieses Rohöl würde danach in anderen Unternehmen wieder zur Kunststoffherstellung verwendet. Etwa 120.000 Tonnen Kunststoffmüll sollen pro Jahr in der Anlage verarbeitet werden. Durch das chemische Verfahren soll die Recyclingkapazität deutlich erhöht werden, so Borek. Das Entscheidende dabei: Dieselben Materialien könnten bei dem Verfahren wiederholt recycelt werden. Damit könne etwa verhindert werden, dass Einwegplastik auf Mülldeponien landet oder verbrannt wird.

Dow Chemical, Standort Böhlen
In Böhlen betreibt Dow Chemical bereits ein Werk. Die neue Anlage für das Kunststoffrecycling soll auf dem gleichen Industriegelände entstehen (Archivfoto). Bildrechte: Dow Chemical

Weitere Anlagen bis 2030 in den USA und Europa geplant

Die geplante Anlage in Böhlen ist Dow und Mura zufolge eine wichtige Ergänzung zum mechanischen Recycling, so Firmen-Präsidentin Wodjereck: "Wir sehen Plastikmüll als wertvollen Rohstoff, den wir auch genauso behandeln wollen." Neben der Anlage in Böhlen plant Dow bis 2030 weitere Anlagen in den USA und in Europa , in denen einmal 300.000 Tonnen Kunststoffmüll verarbeitet werden sollen.

Die Ansiedlung sei ein großer Erfolg für den Industrie- und Innovationsstandort Sachsen, sagte Michael Kretschmer bei seinem Besuch in Böhlen: "Chemisches Recycling ist eine Schlüsseltechnologie auf dem Weg zu einer ressourcenschonenden und klimaneutralen Kreislaufwirtschaft." Mit der Anlage leisteten Dow und Mura einen wertvollen Beitrag für eine nachhaltige Welt. 

Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident von Sachsen
Sachsens Ministerpräsident, Michael Kretschmer (CDU), sieht in der Neuansiedlung einen großen Erfolg für den Industriestandort Sachsen (Archivfoto). Bildrechte: dpa

Chemisches Recycling ist eine Schlüsseltechnologie auf dem Weg zu einer ressourcenschonenden und klimaneutralen Kreislaufwirtschaft.

Michael Kretschmer (CDU) Ministerpräsident von Sachsen

Gute Infrastruktur und Vertrauen sprechen für Standort

Die Präsidentin von Dow Deutschland, Katja Wodjereck, spricht von einem sehr großen Investment für die Nachhaltigkeit, aber auch für die Region Sachsen: "Es ist ein wichtiger Schritt, um den Kunststoff-Kreislauf zu schließen und das Thema Plastikmüll anzugehen."

Eine Frau mit langen braunen Haaren in einem grau-schwarzen Anzug und einer bunten Kette
Die Präsidentin von Dow Deutschland, Katja Wodjereck, hebt die hervorragende Infrastruktur am Standort Böhlen hervor. Doch nicht nur deswegen hat sich das Unternehmen für die Neuansiedlung an diesem Ort entschieden. Bildrechte: Dow Chemical

Warum sich der global agierende Kunststoff-Hersteller weiter in Sachsen engagiert, begründet Katja Wodjereck nicht nur mit der bald 30-jährigen Geschichte des Standorts in Böhlen: "Wir haben ein ganz großes Vertrauen in die Region. Wir haben hier eine hervorragende Infrastruktur und Nähe zu Produktionsstandorten." Zudem könnte nachhaltiger Strom aus der Region helfen, die CO2-Emissionen zu senken.

Lärmbelästigung nicht zu befürchten

Laut Mura sollen rund 100 neue Arbeitsplätze im neuen Werk in Böhlen entstehen. Investiert werde ein dreistelliger Millionenbetrag. Baubeginn soll Ende 2023 sein. Gebaut wird im gleichen Industriegebiet, in dem die Firma Dow bereits ein Werk betreibt. Einwohner müssten laut Borek nicht befürchten, dass es zu einer Lärmbelästigung kommt: "Wir werden gemäß der gesetzlichen Verordnungen die Lärmbeschränkungen einhalten. Die neue Anlage sollte zu keiner zusätzlichen Belastung der dort lebenden Menschen führen."

MDR (phb/bbr)/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Nachrichten | 20. September 2022 | 07:00 Uhr

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