Führerscheinausbildung Stau in Sachsens Fahrschulen

An Sachsens Fahrschulen scheint aktuell vor allem eine Verkehrssituation besonders geübt zu werden: Stau. Den gibt es bei Prüfungsterminen und Fahrstunden. Die Wartezeiten, um Praxisdstunden nehmen zu können oder sich für Prüfungen anzumelden, haben sich verlängert. Schuld daran hat aber nicht nur die Corona-Pandemie.

Fahrlehrer mit Fahrschüler
Aktuell müssen sich Fahrschüler in Sachsen in Geduld üben. Wartezeiten für Prüfungen und Fahrstunden haben sich verlängert. Bildrechte: dpa

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Mancher Fahrschüler von Andreas Lempe in Oschatz steckt im wahrsten Sinne des Wortes im Stau. Das seien vor allem die, die ihren Plan, den Führerschein erwerben zu wollen, nicht rechtzeitig begonnen haben, erklärt der Fahrlehrer MDR SACHSEN. "Die kurzfristig kommen und sagen: Ich hätte doch gerne einen Führerschein. Das ist schwierig momentan", beschreibt der 44 Jahre alte Unternehmer die aktuelle Lage.


Mal fix den Führerschein machen, geht also nicht mehr. Lempe sieht mehrere Gründe für die Verzögerungen. Neben den Auswirkungen der Corona-Pandemie wurde die Fahrausbildung umstrukturiert, Prüf- und Fahrzeiten verlängert, ein Fahraufgaben-Katalog eingeführt. Und ausgebildete Fahrlehrer, die gerade ohne Job sind, seien auch selten.

Die kurzfristig kommen und sagen: Ich hätte doch gerne einen Führerschein Das ist schwierig momentan.

Andreas Lempe Fahrlehrer aus Oschatz

Nachwuchs selber generieren

Gut drei Jahre hat Fahrlehrer Lempe für seine Oschatzer Fahrschule nach neuen Mitarbeitern gesucht, ohne Erfolg. Kurzerhand hat er selbst noch einmal aufgesattelt, bildet jetzt selber Fahrlehrer aus. Das hilft ein wenig, die Wartezeiten in seiner Fahrschulezu verkürzen. Weil sich aber auch die Prüfzeiten verlängert haben, kann es an dieser Stelle erneut einen Rückstau geben. Mehr Zeit pro Prüfung bedeutet aber auch, ein bis zwei Prüfungen weniger am Tag, hat Lempe in der Praxis festgestellt.

Für 2022 kann Lempe keine neuen Fahrschüler mehr aufnehmen. Seine Schule ist zu 100 Prozent ausgelastet. Und auch für das nächste Jahr gebe es schon zahlreiche Anmeldungen. 30 Prozent seien bereits gebucht, erklärt der Fahrlehrer.

An einem Fahrschulauto steht die Fahrertür offen. Daneben steht eine junge Frau und schaut einen älteren Mann an. Beide lächeln.
Der Oschatzer Fahrlehrer Andreas Lempe bringt der 17-jähirgen Chiara Schütze das Autofahren bei. Bildrechte: MDR/ROland Kühnke

Fahrlehrerverband: Schuld am Stau hat nicht nur Corona

Neben den Auswirkungen der Corona-Pandemie, inklusive des halbjährigen Tätigkeitsverbots der Fahrschulen während der Lockdowns verursacht auch die stärkere Nachfrage nach allen Führerscheinarten lange Wartezeiten in den Fahrschulen und Prüfungsstellen. Das sagt zumindest Andreas Grünewald, Fahrlehrer aus Leipzig und Vorsitzender des Landesverbands sächsischer Fahrlehrer.

Der Fahrerlaubniserwerb dauert länger und kostet mehr als vergleichbar vor fünf, acht oder zehn Jahren.

Andreas Grünewald Landesverband sächsischer Fahrlehrer e.V.

Dazu komme der Fachkräftemangel, der Mehraufwand durch die geänderten Prüfungsabläufe, wie längere Prüf- und Fahrzeiten und neue Aufzeichnungs- und Dokumentationsmöglichkeiten wie das digitale Prüfprotokoll, sagt er im Gespräch mit MDR SACHSEN. Ganz neu müsse seit Juni auch der Umgang mit Fahrerassistenzsystemen in der praktischen Prüfung geprüft werden. Das sei ein sehr weites Feld und kostet auch Zeit, so Grünewald. "Der Fahrerlaubniserwerb dauert länger und kostet mehr, als vergleichbar vor fünf, acht oder zehn Jahren."

Gut geplant ist halb gewonnen

Konnte man früher mit viel Glück in drei Monaten seinen Führerschein in den Händen halten, dauert das heutzutage auch mal bis zu acht Monate oder länger. Grünewalds Botschaft daher an alle, die einen Führerschein machen wollen: Strukturiert an die Sache herangehen. "Kümmert Euch ungefähr ein Jahr bevor die Ausbildung beginnen soll, bei welcher Schule und zu welchen Konditionen, es wann stattfinden kann."

Eine junge Frau nimmt bei Fahrlehrer eine Fahrstunde
Den Führerschein heutzutage zu machen, dauert länger und kostet mehr als noch vor fünf Jahren. Bildrechte: Colourbox.de

Kümmert Euch ungefähr ein Jahr bevor die Ausbildung beginnen soll, bei welcher Schule und zu welchen Konditionen, es wann stattfinden kann.

Andreas Grünewald Landesverband sächsischer Fahrlehrer e.V.

Wie viel in Sachsen im Durchschnitt für die Fahrerlaubnis gezahlt werden muss, konnte Andreas Grünewald nicht sagen. "Der Theorieunterricht ist reglementiert", erklärt er. "Die Anzahl der Fahrstunden ist es ja, worum es geht, wenn zu klären ist, wie teuer der Führerschein wird. Das kann man in Zahlen nicht mehr fassen."

Technische Prüfstelle Dekra gibt leichte Entwarnung

Die zuständige Prüfstelle, Dekra, gibt mittlerweile leichte Entwarnung in Sachen Prüfungsmöglichkeiten. Auf Anfrage von MDR SACHSEN teilte das Unternehmen mit, "trotz des immer noch hohen Aufkommens an Bewerbern, welche in den Fahrschulen vorhanden sind, hat sich die Situation der Wartezeit auf einen Prüftermin in den letzten Wochen entspannt." 

Trotz des immer noch hohen Aufkommens an Bewerbern, welche in den Fahrschulen vorhanden sind, hat sich die Situation der Wartezeit auf einen Prüftermin in den letzten Wochen entspannt.

Unternehmenssprecherin Dekra e.V.

Möglich sei das gewesen, da an allen Niederlassungen Personal aufgestockt wurde, erklärte eine Dekra-Unternehmenssprecherin. So konnte im ersten Halbjahr dieses Jahres in Sachsen etwa 23 Prozent mehr praktische Prüfungen durchgeführt werden, als im Durchschnitt des 1. Halbjahres der letzten drei Jahre.

Führerscheinprüfungen und Durchfaller in Sachsen 2021 - 2021 wurden in Sachsen 62.574 theoretische Fahrprüfungen abglegt, 9,9 Prozent weniger als 2020.
- Nicht bestanden haben 38,2 Prozent der Prüflinge.
- Praktische Fahrprüfungen wurden 2021 59.797 abgelegt, 1,5 Prozent weniger als im Jahr 2020. 33,4 Prozent fielen durch den Praxisteil der Prüfung. Kraftfahrzeugbundesamt

MDR (bbr/Roland Kühnke/Ines Adam)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 27. August 2022 | 19:00 Uhr

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