Ausbildung Die Stadt der Zeit: Glashütte und seine Uhrmacher - Teil 3

Seit 177 Jahren werden im sächsischen Glashütte Uhren gefertigt. Ihre Genauigkeit wird in der gesamten Welt geschätzt. Doch erst seit Februar genießen Glashütter Uhren einen besonderen Markenschutz. Wie kam der zustande? Und wie wurde Glashütte überhaupt zum Zentrum der deutschen Uhrmacher-Kunst? Ralf Geißler hat die Kleinstadt bei Dresden besucht. Lesen Sie hier Teil 3.

Portrait Uhrmacher bei Lange&Söhne in Glashütte
Tino Bobe, Manufakturchef von Lange & Söhne in Glashütte, bildet jedes Jahr bis zu zwölf junge Menschen zum Uhrmacher aus. Bildrechte: MDR/Ralf Geißler

Tino Bobe eilt die Stufen eines Nebengebäudes bei Lange & Söhne hinauf. Ein drahtiger Mann mit Wuschelfrisur und blütenweißem Hemd. Der 53-Jährige ist Manufakturchef der traditionsreichsten und vermutlich auch wertvollsten Firma in Glashütte. Bobe hütet und pflegt das Erbe von Ferdinand Adolf Lange, dem Gründer von Lange & Söhne. Und Bobe vermittelt dieses Erbe weiter:

"Also wir haben jetzt zwischen zehn und zwölf Azubis pro Lehrjahr. Bei drei Jahren Lehrzeit sind das so 30 Leute", sagt er. Es sei aber nicht immer so, dass die zwölf Plätze komplett voll gemacht werden. "Wir machen einen zweitägigen Test, wo wir schauen, ob der Hut nicht zu groß ist für die jungen Leute, die sich dafür interessieren. Wir testen verschiedenste Sachen. Auch Mathematik, Deutsch, technisches Verständnis", erzählt Bobe.

Vorbereitung auf die Abschlussprüfung mit Lupe und Pinzette

Die Azubis, die an diesem Vormittag auf ihren Plätzen still vor sich hinarbeiten, haben diese Tests längst bestanden. Sie bereiten sich auf die Abschlussprüfung vor. Sie sitzen wie Elias Plessing vor Glasschälchen mit winzigen Schräubchen und Zahnrädern. Mit Lupe und Pinzette vertieft sich Plessing gerade in ein Uhrwerk.

"Das ist eine Übungsuhr, die ich hier auf dem Platz habe. Da üben wir für die Prüfung", sagt er. "Das heißt, da werden von den Lehrmeistern Fehler eingebaut, die auch in der Prüfung eingebaut werden könnten. Und die muss ich dann suchen, beheben und dann so wieder abgeben, dass man sie in der Form theoretisch einem Kunden geben könnte."

Ein Uhrmacher montiert eine Jubiläumsuhr der Marke Union Glashütte.
Beim Montieren der Uhren kommt es auf Fingerfertigkeit und Präzision an. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Perfektion der Uhren auf die Spitze treiben

Plessing stammt aus dem bayerischen Gunzenhausen. Er hat sich bewusst für eine Ausbildung in Glashütte entschieden. Genauso wie Nele Müller aus Stralsund. Sie findet mechanische Uhren viel interessanter als digitale. "Bei elektrischen Sachen sehe ich ja nur den Chip, aber ich weiß nicht, was darin passiert. Also ich kann es nicht nachvollziehen", erzählt sie. "Und bei mechanischen Uhren sieht man halt wirklich, wie die Räder ineinander eingreifen, wie die Kraft übertragen wird und das finde ich ästhetischer. Mir gefällt es optisch mehr. Es sind schöne Uhren."

Nele hat gerade ein Uhrwerk gereinigt. Vorsichtshalber. Denn womöglich ist sie mit dem bloßen Finger auf ein Bauteil geraten. Neusilber sei da ja sehr empfindlich, sagt sie. Also lieber einmal zu viel polieren. Generell bauen die Uhrmacher von Lange & Söhne jede Uhr zwei Mal zusammen. Das Prinzip der sogenannten Zweifachmontage klingt erst einmal verrückt. "Vielleicht sind wir auch ein Stück verrückt, weil wir natürlich die Qualität und die Perfektion der Uhren wirklich auf die Spitze treiben", sagt sie.

Uhrmacher Stephan Obst 7 min
Uhrmacher Stephan Obst Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir montieren die Uhren einmal bis dann die Funktion sichergestellt ist, machen alle Tests, sind uns sicher: alles funktioniert perfekt", ergänzt Manufakturchef Tino Bobe. "Und dann montieren wir wesentliche Bestandteile nochmal auseinander und dann wird erst so der letzte Schliff, zum Beispiel auf der Räderbrücke der Glashütter Wellenschliff aufgebracht damit wirklich kein Kratzer, kein Körnchen Staub mehr da ist."

Komplexe Luxusuhren von Hand gefertigt

Das klingt nicht sonderlich effizient. Aber um Effizienz geht es bei Lange & Söhne nicht. Es sind komplexe Luxusuhren, die hier entstehen. Das einfachste Uhrwerk aus der Manufaktur hat 164 Teile, das komplizierteste 771. "Das muss alles von Hand zusammengebaut werden. Da braucht es wirklich die Fingerfertigkeit des Menschen. Das ist nichts mit Robotern oder so", sagt Bobe. "Im Endeffekt ist es ja auch so, dass wir verschiedene Uhren gleichzeitig im Portfolio haben. Das möchten die Kunden auch so. Natürlich ist eine Lange 1 genauso gefragt wie eine Mehrfachkomplikation, wo ein Chronograph, ein Tourbillon, ein ewiger Kalender drin ist. Und da sind die Stückzahlen auch extrem klein, die wir so im Jahr fertigen."

Eine günstige Uhr von Lange & Söhne kostet 20.000 Euro. Man kann aber auch das Zehnfache ausgeben. Die Uhrenmanufaktur gehört seit 20 Jahren zum börsennotierten Schweizer Luxusgüterkonzern Richemont. Das hat ihrem Ruf als feine sächsische Werkstatt aber nicht geschadet. Der Absatz stimmt.

Deutsches Uhrenmuseum Glashütte 30 min
Deutsches Uhrenmuseum Glashütte Bildrechte: MDR/Henrik Flemming

Auch die Corona-Zeit, in der 80 Prozent der Geschäfte weltweit geschlossen waren, änderte nichts daran. "Die Leute haben sich schlau gemacht, sich belesen haben und wir sehen jetzt eine besonders starke Nachfrage", so Bobe.

Also im Moment können wir nicht genug Uhren bauen. Da wird uns jede Uhr aus der Hand gerissen.

Tino Bobe Manufakturchef von Lange & Söhne

Luxusuhren als Wertanlage in Zeiten der Inflation

Das mag daran liegen, dass Uhren in Zeiten der Inflation auch als Wertanlage angesehen werden. Es mag auch daran liegen, dass es in turbulenten Zeiten eine Rückbesinnung auf das Verlässliche gibt. Nahezu nichts läuft verlässlicher als eine Uhr aus Glashütte. In der Stadt wirbt selbst der Museumschef Ulf Molzahn dafür, dass Menschen, die sich nahestehen, wieder Uhren schenken.

"Weil man sich nämlich sehr genau an den Moment erinnern kann, an dem man diese Uhr geschenkt bekommen hat und man kann sich daran erinnern von wem. Ich bin von Hause aus Historiker. Ich wünsche mir nichts mehr als solche Objekte, die Geschichte transportieren", sagt er. "Uhren sind da ganz besonders Träger von Erinnerungen. Denn eine solche Uhr kauft man im Leben nicht ein zweites Mal. Und wenn man sie regelmäßig in die Pflege gibt, ist es nicht nur ein nachhaltiges Produkt, sondern auch funktionierend und zuverlässig."

MDR (ali)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Die Reportage | 15. August 2022 | 19:05 Uhr

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