Generationswechsel? Wie Seiffen das Kunsthandwerk im "Spielzeugwinkel" retten will

Im Erzgebirge liegt ein ganz besonderer Ort: Seiffen – das Dorf der Spielzeugmacher. Doch viele Handwerksmeister haben das Rentenalter erreicht und Mühe, verlässliche Nachfolger zu finden. Erste Schließungen drohen. Dem Sterben des "Spielzeugwinkels" stellen sich die "Initiative Denkstatt Erzgebirge" und die "Holzspielzeugmacher- und Drechslerschule Seiffen" entgegen.

Bilder einer Weihnachtswerkstatt
Seiffen - im Land der Spielzeugmacher. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jedes Jahr im Advent verwandelt sich der Erzgebirgsort Seiffen in ein großes Weihnachtswunderland. In dem gibt es an jeder Ecke, was Menschen aus aller Welt erfreut: Räuchermännel, Nussknacker, Pyramiden, Schwibbögen, Engel und Bergmann – hergestellt in mehr als 100 Seiffener Holzspielzeugmacher-Werkstätten.

Noch gibt es diese einmalige Ballung von Kunsthandwerksbetrieben. Viele von ihnen stehen vor großen Veränderungen. Die alten Meister gehen in Rente, doch Nachfolger fehlen vielerorts. Zum ersten Mal in seiner Geschichte steht Seiffen vor der Frage: Wer führt die Tradition fort?

Drei farbige Clownfiguren aus Holz. 44 min
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Familien-Tradition

Die meisten Spielzeugmacher-Manufakturen sind in Seiffen seit Generationen in Familienhand. Auch Familie Werner setzt auf diese Tradition. Christian Werner ist Reifendreher. Ein einzigartiges Handwerk, das es nur noch in Seiffen gibt. Kurz vor der Wende hat er sich selbstständig gemacht . Das Wagnis habe er bis heute nicht bereut.

Bilder einer Weihnachtswerkstatt
Jeder Handgriff muss sitzen: Reifendreher Christian Werner bei der Arbeit Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich habe das Reifendrehen aus dem Museum geholt und es wieder marktfähig gemacht. Und wie man sieht, kann man davon leben.

Christian Werner Reifendreher in Seiffen

Sein Bruder Wolfgang Werner hat sich auf mechanisches Holzspielzeug spezialisiert. Seine Idee: Er interpretiert altes Spielzeug nach historischen Vorlagen neu. Der Jüngste im Bunde ist Siegfried Werner und bekannt für seine Holzfiguren. Er hat die Spielzeugmacher-Manufaktur vom verstorbenen Vater übernommen.

Entdecke, Der Osten Seiffen - Generationswechsel im Weihnachtsdorf
Die Werner-Brüder: Christian, Wolfgang und Siegfried (v.l.n.r.) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Geschichte der Werners ist exemplarisch für Viele im Ort. Mit Mühe retten die Werners ihre Selbstständigkeit durch die DDR, nach der Wende müssen sie sich im internationalen Konkurrenzkampf behaupten. Doch die Qualität von Erzgebirgischem Kunsthandwerk ist mittlerweile selbst in fernen Ländern hochgeschätzt und findet Absatz.

Die drei Werner-Brüder wären eigentlich in einem Alter, um der nächsten Generation die Geschäfte zu übergeben. Doch das ist heute nicht mehr selbstverständlich. Siegfried Werners Sohn Samuel - Geselle in der Werkstatt des Vaters - weiß schon jetzt, dass er sich beruflich anders orientieren will.

Ich habe nicht so die Geduld für die filigranen Arbeiten. Auch die Bezahlung ist für mich nicht gut genug. Wenn ich meinen Vater immer so rennen sehe und letztendlich kommt nicht viel dabei raus, da will ich einen neuen Job ausprobieren und was Anderes machen.

Samuel Werner Sohn einer Spielzeugmacherfamilie

Auch Wolfgang Werners Kinder werden die Tradition seiner Manufaktur nicht fortführen. Sein Sohn ist Ingenieur und arbeitet im Schiffbau, seine Tochter ist Sozialarbeiterin in einer Schule. Und so denkt er darüber nach, seine Firma in andere Hände zu geben.

Allein Christians Sohn Andreas wird den väterlichen Betrieb übernehmen. Erst nach langem Zögern und Abwägen sei er nun dazu bereit, heißt es. Ein wichtiger Grund für seinen Entschlusswar, dass seine Frau sich für ein Leben mit ihm in Seiffen entschieden habe.

Tradition neu denken

Bilder einer Weihnachtswerkstatt
Ausprobieren in der Denkstatt in Seiffen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie den Werners geht es vielen kleinen und mittleren Werkstätten im Ort. Erste Schließungen drohen. Dem Sterben des "Spielzeugwinkels" stellt sich die Initiative Denkstatt Erzgebirge entgegen. Mit frischen Ideen wollen sie junge Menschen fürs Handwerk begeistern, Werkstätten mit jungen Kreativen zusammenbringen, bei Neuansiedelungen oder Firmen-Übernahmen helfen.

Der Name ist Programm: Denken und Werkstatt, arbeiten und überlegen. Wir haben hier nicht nur einen freien Raum, wir haben Freiraum, wo man sich ausprobieren und vernetzen kann.

Wolfgang Braun Leiter der Initiative "Denkstatt"
Bilder einer Weihnachtswerkstatt 2 min
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2 min

Sich als junger Spielzeugmacher selbständig zu machen, wird heute gefördert. Wie hier in der "Denkstatt Erzgebirge".

Mi 01.12.2021 10:35Uhr 01:50 min

https://www.mdr.de/entdecke/video-577458.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Bilder einer Weihnachtswerkstatt 2 min
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Und so kommen Studierende des Fachbereichs Spielzeugdesign der Burg Giebichenstein Halle mit ihrer Professorin nach Seiffen, um die Feinheiten der Holzbearbeitung und Spielzeuggestaltung kennen zu lernen. Im Seminar in der Denkstatt erfahren sie nicht nur etwas über Holz, sondern auch über den Ort, seine Kultur und Geschichte.

Wie aus Bergleuten Kunsthandwerker wurden - Zisterzienser-Mönche entdecken um 1300 Zinnvorkommen in der Region, die aus dem namenlosen schwarzen Wald zwischen Böhmen und Sachsen das Erzgebirge machen.
- Sie gründen den Ort "Seiffen", dessen Name vom "Zinn seifen", dem Zinn waschen, kommt.
- Jahrhunderte später rentiert sich der Erzabbau nicht mehr. Die Familien sind gezwungen, auf einen anderen Rohstoff umzusatteln und nutzen Holz.
- Drechseln, schnitzen, Reifen drehen wird nun zu ihrem Beruf und erzgebirgische Volkskunst zum Markenzeichen der Region.

Einmaliger Ausbildungsberuf

Auch in der Holzspielzeugmacher- und Drechslerschule in Seiffen geht es um die Fortführung gelebter Tradition. Seit 1936 gibt es den Beruf des Holzspielzeugmachers. Seit 1995 ist er bundesweit als Ausbildungsberuf anerkannt, wird aber nur in Seiffen ausgebildet.

Jahr für Jahr wachsen die Klassen an der Schule und auch immer mehr Mädchen begeistern sich für die Arbeit an der Drechselbank. Mit Beginn des neuen Ausbildungsjahrs haben elf Lehrlinge ihre Lehre zum Holzspielzeugmacher angetreten, der positive Trend der letzten Jahre setzt sich fort.

Neben der Lehre an der Holzspielzeugmacherschule bilden auch einige Betriebe der Branche aus. Für Spielzeugmacher Wolfgang Werner hat sich die lange Suche nach einer geeigneten Auszubildenden gelohnt: Anika begeistert sich seit ihrer Kindheit für Holzspielzeug. Sie will 2022 nach Abschluss der 10. Klasse bei ihm in die Lehre gehen.

Das freut uns sehr, dass sich der Blick auf das Handwerk unter den jungen Leuten geändert hat. Und vielleicht kann da auch Anika eine sein, die vornweg geht und andere motiviert.

Wolfgang Werner Spielzeugmacher

Eine junge Frau mit langen Haaren
Anika freut sich schon auf ihre Lehre bei Wolfgang Werner. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - Entdecke, wo du lebst | 07. Januar 2022 | 21:00 Uhr

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