Unfälle Ranfahren, hupen, drängeln: Raser auf der Autobahn

Hohe Geschwindigkeit, wenig Abstand, helle Scheinwerfer – so drängeln immer wieder Fahrer mit ihren Autos auf der Autobahn. Dabei ist das eine der häufigsten Unfallursachen in Deutschland. Doch hohe Strafen schrecken offenbar nicht ab. Da hilft nur ein Tempolimit, sagt ein Verkehrspsychologe.

Rasant kommt die schwarze, große Limousine näher. So nah, dass sie den Rückspiegel fast komplett ausfüllt – mitten auf der Autobahn, bei Tempo 120, linke Spur. Dann setzt die Fahrerin des schwarzen Wagens zum Überholen an und zieht rechts vorbei. Hochriskant und sehr gefährlich: Immer wieder kommt es zu solchen Vorfällen. Wenn es auf den Straßen kracht, dann liegt es meistens an überhöhter Geschwindigkeit oder am Drängeln. Unfälle mit Personenschäden aufgrund fehlenden Abstands nehmen zu. 2010 waren es 5.478. 2019 es bereits 8.692.

Diesen Trend hat Corona im letzten Jahr gebremst. Einfach, weil es weniger Verkehr gab. Doch die Aggressivität hat offenbar nicht abgenommen. Die Verkehrspolizei in Bautzen kennt das Problem. Auf der A4 geht sie mit einem Hubschrauber und einer Spezialkamera in den Einsatz. So sollen drängelnde LKW-Fahrer herausgefischt werden. Mehrere werden an diesem Tag erwischt.

20 Meter Abstand bei Tempo 150

Am Boden kümmern sich zwei weitere Kommissare um die PKW. In einem schwarzen Wagen nehmen sie ein Auto ins Visier und fahren mit Abstand hinterher. Die Kamera an der Frontscheibe zeichnet alles auf. Das Auto fährt viel zu dicht auf, am Ende sind es 22 Meter bei mehr als 150 Kilometer pro Stunde. Eigentlich gilt immer eine halbe Tacholänge Abstand – in diesem Fall also mindestens 75 Meter.

Wenig später lassen die Kommissare Ralf Schütze und Jörg Kujau in der Heckscheibe ihres Wagens in roter Schrift aufleuchten: "Stopp Polizei". Der Fahrer wird zur nächsten Abfahrt geleitet und mit den Tatsachen konfrontiert. "Nicht gut", sagt er nur kurz. Das Bußgeld beträgt inklusive Gebühr 205 Euro. Außerdem erhält er einen Punkt. Als Ausreden hören die Beamten ganz oft: Termindruck.

Umfrage: Drängeln, wenn der Vordermann bummelt

In einer Studie zum Verkehrsklima in Deutschland gab ein Drittel der Befragten an, zu drängeln, wenn der Vordermann bummelt. Was steckt dahinter? 48 Millionen Autos sind momentan auf den Straßen in der Bundesrepublik unterwegs. Durch den vielen Verkehr und erhöhten Termindruck hat die Aggressivität zugenommen, sagt der Verkehrspsychologe Bernhard Schlag, Professor an der TU Dresden.

Das Problem: Wer rücksichtslos fährt, kommt meist schneller ans Ziel. Deshalb findet solches Verhalten auch Nachahmer. "Das ist empirisch bewiesen", sagt Schlag. Es sei eine Art stellvertretendes Verstärkungslernen. "Wenn ich bei anderen sehe, dass die Vorteile haben, dann möchte ich nicht zurückstehen auf Dauer. Da muss ich schon stark sein und mich im Grunde moralisch einwandfrei verhalten. Und wir wissen alle, dass das nicht alle tun wollen."

80 Drängler auf der A4 in drei Stunden erwischt

Die Polizei nimmt an diesem Tag den Verkehr auch von einer Brücke genauer unter die Lupe. Die Spezialtechnik im Wert von rund 120.000 Euro betreut Polizeihauptmeister Henry May. In gut drei Stunden sind an diesem Tag schon 80 Drängler auf der A4 ins Netz gegangen. "Die Leute sind da relativ gleichgültig", sagt er. "Die haben da irgendwie kein Unrechtsbewusstsein. Es wird gefahren, auf Teufel komm raus." Offenbar ist egal, wie hoch die Strafen sind.

Doch mehr Kontrollen sind aus personellen Gründen nicht möglich. Experten fordern ein generelles Tempolimit – auch Verkehrspsychologe Bernhard Schlag. Für ihn hätte das viele positive Effekte. Es gäbe weniger Staus, der Verkehr würde insgesamt flüssiger. "Dann haben Sie möglicherweise etwas rausgenommen, dass gedrängelt wird." Denn mit Tempolimit könne auch nach dem Überholen nur 130 gefahren werden. Außerdem könnten die geringeren Geschwindigkeiten seiner Meinung nach auf unseren Autobahnen pro Jahr bis zu 140 Todesopfer verhindern.

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 01. Dezember 2021 | 05:00 Uhr

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