Jugendclubs in der Pandemie Welche Folgen Corona für die Jugendarbeit im Land hat

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Die Corona-Pandemie hat auch für die Jugendclubs in Sachsen-Anhalt spürbare Folgen: weniger Personal, steigende Kosten, teilweise ausbleibende Besucherinnen und Besucher. Verantwortliche aus der Jugendarbeit wünschen sich daher mehr Unterstützung aus der Politik.

Jugendliche spielen im Mauerpark Basketball.
Gemeinsam Sport machen, spielen oder Freunde treffen: In Jugendclubs können Kinder und Jugendliche ihre Freizeit sinnvoll nutzen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Kickern, Freunde treffen, die Freizeit ohne Eltern genießen: Es sind vor allem solche Momente der Freiheit, die junge Besucherinnen und Besucher ins soziokulturelle Zentrum des Vereins Lebendige Steine im Stendaler Stadtteil Stadtsee III locken. Im Kidsclub und dem Jugendclub Eckstein kümmern sich Sozialdiakon und Geschäftsführer Samuel Kloft und sein Team täglich um bis zu 50 Kinder und Jugendliche aus dem Plattenbauviertel.

Momentan allerdings müssen sich die jungen Gäste ihre Zeit im Kids- und Jugendclub gut einteilen. Denn aufgrund der Corona-Auflagen darf nur noch eine begrenzte Anzahl an Menschen gleichzeitig die Angebote des Zentrums nutzen, berichtet Samuel Kloft. Während die Jüngeren im "Schichtbetrieb" zwei Stunden täglich kommen können, müssen sich ältere Jugendliche per WhatsApp voranmelden, wenn sie den Club besuchen wollen. Zutritt bekommt außerdem nur, wer vormittags bereits in der Schule negativ auf Corona getestet wurde.

Ein Mann steht neben dem Schild eines Jugendclubs 1 min
Bildrechte: Samuel Kloft
1 min

00:53 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/stendal/stendal/audio-1904320.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Ersatzangebote während des Lockdowns

"Wir sind froh, dass uns die aktuelle Corona-Eindämmungsverordnung überhaupt weiterhin offene Jugendarbeit ermöglicht", sagt Samuel Kloft. Das war nicht immer so. Zu Beginn der Corona-Pandemie mussten sowohl Kids- als auch Jugendclub der "Lebendigen Steine" schließen. Kloft und sein Team bemühten sich damals, ein Ersatzprogramm auf die Beine zu stellen, lieferten etwa Essen zu Familien nach Hause und boten Einzelgespräche für Kinder und Jugendliche an.

Doch adäquat ersetzen ließ sich das normale Jugendarbeitsangebot dadurch nicht. "Wir leben von den Beziehungen, die wir miteinander haben, und diese Beziehungen leben von Präsenz", sagt Sozialdiakon Kloft. "Präsenzarbeit ist das, was die Kinder und Jugendlichen bei uns im Stadtteil haben wollen."

Ein Mann steht vor einer Plattenbausiedlung, darunter der Text: Stendal-Stadtsee, Plattengeschichten. 26 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nicht alle Stammgäste kommen wieder

Die Auswirkungen der Pandemie spürt das Team des soziokulturellen Zentrums nun bei der täglichen Arbeit. "Manche Kinder und Jugendliche kommen seit der Pandemie gar nicht mehr zu uns", berichtet Kloft. Das betreffe vor allem diejenigen, die sich stark ins Digitale und die Medienwelt begeben hätten und denen es nun schwerfalle, diese Welt wieder zu verlassen. "Wenn man mal drei Monate am Stück bestimmte Spiele gespielt hat und auch Geld gezahlt hat, um entsprechend weiter zu kommen, dann wird es ganz schwer, um aus diesem fast schon Suchtverhalten rauszukommen", hat Kloft beobachtet.

Allerdings: Durch die neuen Angebote während der Pandemie wie etwa die Essenslieferungen sei es auch gelungen, Kinder und Jugendliche auf die Jugendarbeitsangebote des Vereins aufmerksam zu machen, die vorher nicht zur "Stammkundschaft" gezählt hätten, so Kloft. Die Zahl der täglichen Gäste im Kids- und Jugendclub liege daher insgesamt etwa auf Vor-Pandemie-Niveau.

Aus Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen weiß Kloft, dass die Lage bei vielen anderen Jugendeinrichtungen im Landkreis Stendal schlechter aussieht. Gerade kleine Jugendclubs, die meist nur einen hauptamtlichen Mitarbeiter haben, hatten nicht die Möglichkeit, während der Lockdowns Ersatzangebote zu organisieren.

Wenn man mehrere Monate geschlossen hatte, orientieren sich die Kinder und Jugendlichen um und man braucht sehr lange, um die alten Stammgäste wiederzubekommen.

Samuel Kloft

AWO will verstärkt auf Präsenzangebote setzen

Auch das Jugendwerk der AWO in Sachsen-Anhalt musste seine Angebote in der Kinder- und Jugendarbeit wegen der Corona-Pandemie an vielen Stellen einschränken oder anpassen. "Während der Lockdowns haben wir verschiedene digitale Angebote organisiert", sagt Tom Bruchholz, der Geschäftsführer des Jugendwerkes der AWO. So habe es etwa digitale Ferienfreizeiten gegeben, bei denen die Kinder und Jugendlichen gemeinsam kreativ gearbeitet hätten. Die nötigen Materialien wurden im Vorfeld per Post verschickt; Teilnehmende, die keinen Laptop oder Tablet besitzen, bekamen auch ein entsprechendes Gerät gestellt.

Ein Mann vor dem Schild der AWO
Tom Bruchholz ist Geschäftsführer des Jugendwerkes der AWO in Sachsen-Anhalt. Bildrechte: Tom Bruchholz

"Diese Angebote haben unterschiedlich gut funktioniert", sagt Bruchholz. "Kinder sind digital einfach nicht mit so viel Elan dabei wie in Präsenz." Die Pandemie habe gezeigt, wie wichtig persönliche Begegnungen für die Kinder- und Jugendarbeit seien. Immerhin seien durch die digitalen Angebote junge Menschen erreicht worden, für die die Anreise zu regulären Veranstaltungen zu weit oder zu teuer gewesen wäre. Obwohl die AWO wieder stärker auf Präsenzangebote setzen will, sobald das Pandemiegeschehen das zulässt, sollen ergänzende digitale Formate erhalten bleiben.

Politik wegen steigender Kosten gefragt

Für die Zukunft wünscht sich Tom Bruchholz mehr finanzielle Unterstützung des Landes für die Kinder- und Jugendarbeit. "Aktuell gibt es das Aktionsprogramm 'Aufholen nach Corona', durch das viele neue Angebote finanziert werden. Das kann man lobend erwähnen, dass dieses Geld tatsächlich bei den Kindern und Jugendlichen ankommt", sagt er. Aber: "Besser als solch ein 'Strohfeuer' wären dauerhafte Strukturen", so Bruchholz.

Weil pandemiebedingt die Kosten steigen, etwa durch begrenzte Teilnehmerzahlen und verpflichtende Corona-Tests, drohten Ausflüge und Ferienfreizeiten zudem für ärmere Familien zu teuer zu werden. "Wir können in Sachsen-Anhalt keine Angebote machen, die pro Woche 500 Euro kosten. Das funktioniert hier nicht", sagt AWO-Jugendwerksgeschäftsführer Bruchholz. "Wenn die Politik davon spricht, dass Kinder und Jugendliche die Hauptleidtragenden der Pandemie sind, dann muss sie jetzt die Angebote in der Jugendarbeit so finanzieren, dass sie für alle Familien bezahlbar bleiben."

Problematische Personalsituation

Sozialdiakon Samuel Kloft aus Stendal bereitet derweil vor allem die personelle Situation in der Jugendarbeit im Landkreis Stendal Sorgen. Für feste Stellen sei kaum Geld da, viele der von der Arbeitsagentur vermittelten Hilfskräfte seien während der Pandemie weggebrochen, ohnehin werde deren Zahl von Jahr zu Jahr kleiner.

"Wir erwarten, dass wir in ein bis zwei Jahren gar keine Hilfskräfte aus Arbeitsmarktmaßnahmen mehr bekommen. Daher müssen wir uns auf Landkreisebene bereits mit dem Gedanken befassen, ob und wie wir Angebote streichen", sagt Kloft. Dem entgegenzuwirken, sei Aufgabe der Politik – damit Kinder und Jugendliche im Landkreis Stendal auch nach der Pandemie noch flächendeckend die Möglichkeit haben, in Jugendclubs zu kickern, Freunde zu treffen und die Freiheit von den Eltern zu genießen.

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Über den Autor Lucas Riemer arbeitet seit Juni 2021 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Wittenberger hat Medien- und Kommunikationswissenschaft in Ilmenau sowie Journalismus in Mainz studiert und anschließend mehrere Jahre als Redakteur in Hamburg gearbeitet, unter anderem für das Magazin GEOlino.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er vor allem über kleine und große Geschichten aus den Regionen des Landes.

MDR (Lucas Riemer)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 09. Dezember 2021 | 15:30 Uhr

404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/ddd1e121-44c7-4036-a07a-22ccb0c75d6b was not found on this server.

Mehr aus Altmark und Elb-Havel-Winkel

Mehr aus Sachsen-Anhalt