Podcast "Digital leben" Cyberagentur und Innovationsagentur Sprind wollen stärker zusammen arbeiten

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Sie machen in Zukunftstechnologien: die Cyberagentur des Bundes in Halle und die Agentur für Sprunginnovationen Sprind in Leipzig. Die Chefs der beiden Innovationsagenturen sprechen im Podcast "Digital leben" erstmals über ihre Vorhaben und darüber, dass sie stärker zusammenarbeiten wollen.

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Als Christian Hummert (42) Forschungsdirektor der Cyberagentur in Halle wurde, ging einer seiner ersten Anrufe nach Leipzig – zu Rafael Laguna (57), dem Chef der Agentur für Sprunginnovationen (Sprind) in Leipzig. "Er war einer der ersten Menschen, die ich angerufen habe, um mich auszutauschen. Ich glaube, wenn wir beide nicht zusammenarbeiten können, dann läuft etwas falsch", sagt Hummert im MDR SACHSEN-ANHALT Podcast "Digital leben". Die Agenturen seien dazu gemacht, zusammenzuarbeiten.

Wir betreten Neuland in den Bereichen, für die wir zuständig sind.

Rafael Laguna

Laguna sagt, er wollte mit Hummert auf den Leipziger Weihnachtsmarkt, doch das habe wegen Corona nicht geklappt. Im neuen Jahr soll ein persönliches Treffen folgen. Denn dass sich die Agenturen ergänzen, das hat die Bundesregierung von Anfang an gesagt.

Unsere beiden Agenturen identifizieren und fördern Schlüsseltechnologien und Sprunginnovationen.

Christian Hummert

Beide Agenturen würden auf schwache Signale achten, sagt Hummert. "Wir schauen uns die Welt an, wie sie in zehn oder fünfzehn Jahren aussieht." Während die Sprind sich um Sprunginnovationen für die Gesellschaft kümmern soll, geht es bei der Cyberagentur vor allem um Innovationen für die Cybersicherheit. Daran sind auch die Polizei, Geheimdienste und die Bundeswehr interessiert.

Budget und Mitarbeiter von Cyberagentur und Sprind

Die Cyberagentur soll einmal 100 Mitarbeitende haben. Derzeit sind es 27. Ende Februar werden es 33 sein. Jährlich stehen der Cyberagentur 80 Millionen Euro zur Verfügung.

Die Sprind hat eine Milliarde Euro über zehn Jahre zur Verfügung. Das sind in der Gründungsphase bis Ende des Jahres 150 Millionen Euro. Sie hat 35 Mitarbeitende und soll maximal 50 haben.

Stärkere Zusammenarbeit geplant

Im digitalen Raum können Cybersicherheit und Innovationen für die Gesellschaft nicht immer klar getrennt werden. Cyberagentur-Chef Hummert überlegt zum Beispiel, wie man mit heutigem Wissen das Internet neu aufbauen würde. Diese und andere Fragen würde auch zur Sprind passen. Deshalb wollen Sprind und Cyberagentur zusammenarbeiten. "Wir wollen den regelmäßigen Austausch hochfahren", sagt Laguna.

Was beide Agenturen bereits eint: So schnell können sie wohl keine konkreten Ergebnisse liefern. "Sprunginnovationen brauchen ein paar Jährchen, bis sie sich entfalten. Wir werden nicht nach drei Jahren Startphase Mega-Giga-Sprunginnovationen abliefern können", sagt Laguna. Aber man könne zeigen, ob es Bedarf und auch genügend Einreichungen gebe.

Der Gründungsdirektor der Agentur für Sprunginnovationen (SPRIND), Rafael Laguna de la Vera
Rafael Laguna, Chef der SprinD in Leipzig Bildrechte: dpa

Die Sprind war im Herbst 2019 gegründet worden, die Cyberagentur knapp ein Jahr später. Nach einem Jahr war der Gründungsdirektor der Cyberagentur ausgeschieden, bislang hat sie nur eine Handvoll Projekte angestoßen. Die Sprind hat sich 800 Projekte angeschaut, sechs davon seien in die Großfinanzierung gekommen, 20 weitere bereits validiert, sagt Sprind-Chef Laguna.

Koalitionsvertrag der Bundesregierung: Bessere Rahmenbedingungen für Sprind

Laguna ist stolz darauf, dass es die Sprind in den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung geschafft hat. "Wir standen auch schon im Sondierungspapier". Im Koalitionsvertrag steht nun auf Seite 19, dass die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen für die Sprind "umgehend substanziell" verbessert werden sollen. So könne "sie freier agieren und investieren". Die Arbeit der Sprind soll in der laufenden Wahlperiode evaluiert werden. Laguna dazu: "Wir werden uns wissenschaftlich begleiten lassen. Das ist spannend, darauf freue ich mich."

Der lange Weg zur Cyberagentur im Raum Leipzig-Halle

August 2018: Das Bundeskabinett beschließt die Gründung einer Cyberagentur, die als GmbH gemeinsam von Bundesverteidigungs- und Bundesinnenministerium getragen werden soll.
September 2018: Die Leiterin des Aufbaustabs im Verteidigungsministerium sagt, die Agentur solle noch 2018 gegründet werden.
Januar 2019: Bundesverteidigungsministerin von der Leyen und Bundesinnenminister Seehofer verkünden in Berlin, dass der Standort der Cyberagentur der Raum Halle/Leipzig werden soll.
Februar 2019: Die Leiterin des Aufbaustabs sagt MDR SACHSEN-ANHALT, um Fachkräfte anzulocken und marktgerecht zu bezahlen, sei für einen Teil der 100 Mitarbeiter eine Ausnahmeregel mit dem Finanzministerium vereinbart worden.
Juni 2019: Der Haushaltsausschuss des Bundestages und der Bundesrechnungshof erhalten 112 Seiten, in denen das Verteidigungsministerium Finanzrahmen, Ziele und Aufbau der Cyberagentur darlegt.
Juni 2019: Der Bundesrechnungshof stellt die Agentur infrage, kritisiert, dass es keine Erfolgskontrolle gibt, dass das Bundesinnenministerium sich finanziell nicht paritätisch beteiligt, fragt, wie hochqualifiziertes Personal angelockt werden soll, und empfiehlt, die Cyberagentur als siebenjähriges Pilotprojekt anzulegen.
Juli 2019: Auf dem Flughafen Leipzig/Halle verkünden Bundesinnenminister Seehofer, das Verteidigungsministerium und die Ministerpräsidenten von Sachsen und Sachsen-Anhalt, dass die Agentur in Halle gegründet werden und später auf den Flughafen Leipzig/Halle ziehen soll.
Juni 2019: Der stellvertretende Vorsitzende des Haushaltsausschusses im Bundestag, Dennis Rohde (SPD), kritisiert, dass keinerlei parlamentarische Kontrolle der GmbH vorgesehen ist.
November 2019: Nachdem die Cyberagentur immer wieder von der Tagesordnung des Haushaltsausschusses gestrichen wurde, einigen sich Vertreter der Regierungsfraktionen auf eine Lösung.
14. November 2019: Erst in der letzten Sitzung für den Haushaltsplan 2019, der sogenannten Bereinigungssitzung, kommt die Cyberagentur auf die Tagesordnung. Die Gelder werden unter strengen Auflagen freigegeben.
Ende 2019: Der Vertrag mit einem ersten Geschäftsführer kommt nicht zustande.
Mai 2020: Das Bundeskabinett bestätigt Christoph Igel als Forschungsdirektor. Frank Michael Weber wurde kurz darauf als Kaufmännischer Direktor und Geschäftsführer bestellt.
11. Juni 2020: Der Gründungsvertrag wird unterschrieben.
15. Juni 2020: Die Agentur nimmt im Süden Halles ihre Arbeit auf.
11. August 2020: Innen- und Verteidigungsministerium informieren offiziell über den Start der Agentur.
März 2021: Der kaufmännische Geschäftsführer verlässt die Cyberagentur.
April 2021: Die Stelle des Forschungsdirektors wird neu ausgeschrieben.
Mitte Juni 2021: Gründungsdirektor Christoph Igel verlässt nach einem Jahr die Cyberagentur.
1. Oktober 2021: Dr. Christian Hummert übernimmt die Leitung der Cyberagentur.

Laguna hat offenbar einen kurzen Draht nach Berlin und sagt im MDR SACHSEN-ANHALT Podcast "Digital leben", dass er mit der Sprind noch mehr vorhat. Auch mit Rückendeckung aus Berlin: "Die Kanzlerin selbst hat mir gesagt, dass ich darauf hinarbeiten soll, dass die neue Regierung die wirklich großen Brocken umsetzt."

Dass es seine Cyberagentur nicht in den Koalitionsvertrag geschafft hat, stört Christian Hummert nicht. "Auch die Bundespolizei steht nicht drin, aber niemand rechnet damit, dass die jetzt abgeschafft wird", sagt Hummert. Im Koalitionsvertrag stünden viele Dinge, die auch gut für die Cyberagentur seien. Hummert glaubt, dass so auch die Cyberagentur profitiert: "Wenn sich die Bedingungen für die Sprind ändern, dann wird man sich sicher auch angucken, ob man Anpassungen für die Cyberagentur vornehmen muss." 

Gibt es zu viele Cyberbehörden?

Wo Hummert keinen Änderungsbedarf sieht: Bei der Vielzahl der Behörden und Organisationen in Deutschland, die sich um Cybersicherheit kümmern. Dass Cybersicherheit an so vielen Orten und Institutionen in Deutschland erforscht und entwickelt wird, wird immer wieder kritisiert. Die Stiftung neue Verantwortung aktualisiert beispielsweise regelmäßig eine Art Wimmelbild zu allen Cybersicherheitsbeteiligten in Deutschland und der EU.

Schaubild mit vielen Kästen, die die Institutionen zur Cybersicherheit in der EU, der Bundesrepublik und den einzelnen deutschen Bundesländern darstellt.
Das "Wimmelbild" der Stiftung Neue Verantwortung zu Organisationen, die sich um Cybersicherheit kümmern Bildrechte: Stiftung Neue Verantwortung / CC-BY-SA 4.0

Hummert findet es sogar gut, dass es viele verschiedene Organisationen gibt: "Der Gegenentwurf wäre ja eine allmächtige Cyberbehörde, die Forschung, Entwicklung und auch die Anwendung der Werkzeuge und Methoden unter sich hätte. Eine so allmächtige Cyberbehörde möchte wirklich niemand." Die verschiedenen Player könnten sich aneinander reiben und so auch Innovationen entstehen lassen. Das sei eine gute Nachricht für Deutschland, so Hummert, der zuvor bei der Zentralen Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich (ZITis) gearbeitet hatte – auch einer Behörde auf dem “Wimmelbild“, die im Auftrag der Sicherheitsbehörden technische Lösungen für die Strafverfolgung erforscht und entwickelt.

Wem gehören die Forschungsergebnisse von Sprind und Cyberagentur?

Die Nutzungsrechte für die Ergebnisse der Forschungen, die die Cyberagentur beauftragt, gehören zu 100 Prozent der Bundesrepublik Deutschland. Sie kann damit theoretisch Geld verdienen. Das könnte aber manche Forscher oder Unternehmen davon abhalten, sich an Ausschreibungen der Cyberagentur zu beteiligen. Aber Cyberagentur-Chef Hummert sagt, er würde sich gerade bemühen, diese Vorgabe etwas aufzuweichen. Der Staat müsse zwar Einfluss habe und zum Beispiel auch unterbinden, dass bestimmte Technologien an bestimmte Staaten gehen würden. Auf der anderen Seite sollten die Forschenden auch ihre eigenen Ergebnisse nutzen und damit Geld verdienen dürfen. "Da werden wir in nächster Zeit eine Änderung herbeibringen", sagt Hummert.

Die Sprind sei bei den Verwertungsrechten etwas flexibler, sagt Laguna. "Bei Forschungsergebnissen aus unseren Wettbewerben bekommen wir eine Lizenz. Aber wir haben damit nichts vor. Das eigentliche Recht bleibt bei den Erfindern." Denn mit den Forschungsergebnissen sollten autarke Unternehmen entstehen, die sich in einem Markt bewegen. Bei den Großfinanzierung würden die Verwertungsrechte allerdings in einem fairen Verfahren an die Erfinder verkauft.

Dass es so viele verschiedene Organisationen im Bereich der Cybersicherheit gibt, lässt sich auch anders deuten: Es könnte in anderen Organisationen an Wissen und Kompetenz fehlen – zum Beispiel in Ministerien.

Symbolisch: Urknall
Innovationen: Reicht es, wenn sie aus den Innovationagenturen kommen oder müssen sie auch aus Behörden selbst kommen? Bildrechte: IMAGO / Shotshop

Sind Innovationen und Ministerien ein Widerspruch?

Laguna, der in der Nähe von Leipzig aufgewachsen und als Zehnjähriger nach Westdeutschland übergesiedelt ist, sagt, man müsse unbedingt digitales Know-How in den Ministerien aufbauen. Er sieht das aber nicht als Widerspruch: "Als Agenturen können wir das in den Ministerien befeuern, erleichtern und eine gewisse Stimmung dafür machen, dass diese Kompetenzen intern aufgebaut werden. Dafür sind wir so ein bisschen Vorkämpfer."

"Ohne jemandem zu nahe zu treten: Eine ministerielle Behördenlandschaft ist nicht der Hort der Innovation", sagt Hummert. Es gebe dort sehr viele kluge Menschen, aber Innovationen brauchten eine gewisse Freiheit, gewisse Räume und ein gewisses Ambiente. "Und der Bendlerblock oder das Bundesinnenministerium sind jetzt keine Gebäude, die darauf ausgelegt sind, so etwas zu befördern." Insofern sei es gut, wenn Ideen und Innovationen von außen in die Ministerien hereingetragen würden. Trage er seine Ideen in Ministerien vor, hieße es meistens, es sei eine fantastische Idee: "Und dann wird diskutiert. Diesen Prozess empfinde ich als wertvoll", sagt Hummert.

Was in der Politik allerdings fehle, sei ein Verständnis für das Digitale. "Der Grundfehler ist, dass man versucht, analoge Prozesse eins zu eins ins Digitale zu bringen. Das sehe ich oft. Und das ärgert mich jedes Mal. Digital heißt für mich auch: neu denken."

Deutschlandfahne vor der Cyberagentur in Halle
Der Standort der Cyberagentur in Halles. Bildrechte: IMAGO / VIADATA

Bleibt die Cyberagentur in Halle?

Weiterhin nachgedacht wird auch über den endgültigen Standort der Cyberagentur. Denn in der Absichtserklärung, die das Verteidigungs-, das Bundesinnenministerium und die Ministerpräsidenten von Sachsen und Sachsen-Anhalt zur Cyberagentur unterzeichnet haben, heißt es, dass die Agentur ab 2022 auf das Gelände des Flughafen Leipzig-Halle zieht.

Dort muss ein neues Gebäude errichtet werden. Aber: "Ich glaube nicht, dass wir das in nächster Zeit schaffen", sagt Hummert. Deshalb würde die Cyberagentur im Oktober aus ihren Gründungsbüros in ein größeres Gebäude in Halle ziehen. Der Mietvertrag dafür laufe zwei Jahre und könne auf vier oder sechs Jahre verlängert werden. "Vielleicht ändert die Politik ja auch ihre Einschätzung zu der Frage. Ich fühle mich sehr wohl in Halle. Aber ich mag auch Leipzig und ich bin Beamter genug, um dort zu arbeiten, wo man mich hinsetzt." Er überlasse es den Ministerpräsidenten, die Standortfrage zu klären, sagt Hummert.

Geschäftsmann drückt Knopf auf einem Touchscreen um sich mit vielen Menschen im sozialen Netzwerk zu verbinden
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MDR (Marcel Roth)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 05. Januar 2022 | 13:42 Uhr

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