Kinderbetreuung Warum es in Sachsen-Anhalts Kitas kaum männliche Erzieher gibt

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
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Sachsen-Anhalts Kitas sind fest in Frauenhand: Nur sieben Prozent des Personals sind Männer. Viele Eltern und Experten wünschen sich mehr männliche Erzieher, doch Geschlechterklischees, schlechte Bezahlung und ein kompliziertes Ausbildungsverfahren schrecken offenbar viele potenzielle Bewerber ab.

Ein glatzköpfiger Mann auf einem Spielplatz
Markus Strauß ist der einzige männliche Erzieher in der Magdeburger Kita "Au Clair de la Lune". Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Eine Rutsche, eine Schaukel, Sandkästen, dazwischen toben Kinder umher, die in der Frühlingssonne spielen. Markus Strauß sitzt auf einer Bank im Außenbereich der Magdeburger Kita "Au Clair de la Lune", beobachtet das Treiben und passt auf, dass niemand über die Stränge schlägt. Insgesamt 13 Erzieherinnen und Erzieher kümmern sich in der bilingualen, deutsch-französischen Kita im Stadtteil Brückfeld um rund 70 Kinder. Genauer gesagt: Zwölf Erzieherinnen und Markus Strauß.

Der 29-Jährige ist der einzige männliche Erzieher in der Einrichtung. Einer von dreizehn, das entspricht einem Männeranteil beim pädagogischen Personal von 7,7 Prozent. Damit liegt die Kita "Au Clair de la Lune" beinahe exakt im landesweiten Durchschnitt von sieben Prozent. Auch wenn der Trend positiv ist – im Jahr 2006 lag der Männeranteil beim Kitapersonal in Sachsen-Anhalt bei gerade einmal 1,1 Prozent – gehören Erziehende noch immer zu den Berufsgruppen mit der größten Ungleichverteilung zwischen den Geschlechtern. Ein Grund dafür: in der Gesellschaft verankerte Rollenklischees.

"Meine Großeltern waren anfangs wenig begeistert, als ich davon erzählt habe", sagt Markus Strauß, wenn er von seiner Entscheidung für den Erzieherberuf erzählt. "Für die gehören Männer eher ins Handwerk oder in die Autobranche. Meine Mutter und meine Freunde haben mich aber total unterstützt." Tatsächlich wollte auch Strauß ursprünglich beruflich etwas mit Autos machen. "Doch dann habe ich mir überlegt, dass ich lieber mit Menschen arbeiten möchte", sagt er. Inzwischen arbeitet er seit sechs Jahren als Erzieher, und wenn es nicht schon später Nachmittag ist, betreut er gemeinsam mit einer Kollegin in der Kita "Au Clair de la Lune" eine Gruppe von sechs Einjährigen.

Eltern reagieren positiv

"Im erzieherischen Bereich haben wir hier alle die gleichen Aufgaben", sagt Strauß. "Aber wenn's ums Fußballspielen geht oder ums Buddeln draußen im Sandkasten mit den Kindern, dann habe ich das Gefühl, dass ich das mehr mache. Dafür machen meine Kolleginnen halt andere Sachen. Da gibt es doch so eine kleine Aufteilung, die hat sich im Laufe der Zeit entwickelt." Die Reaktionen der Eltern auf ihn seien durchweg positiv, sagt Strauß, sowohl von Müttern als auch von Vätern.

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Eine Mutter, die gerade ihre Tochter aus der Kita abholt, bestätigt das. "Ich glaube, gerade Jungs brauchen so ein männliches Vorbild. Aber ich finde das auch für Mädchen ganz okay. Als meine Tochter sehr klein war, musste sie sich zwar erst an einen Mann in der Kita gewöhnen. Aber das ging dann sehr schnell, weil sie es eigentlich auch genossen hat."

Felix Papajewski, dessen Sohn in die Kita "Au Clair de la Lune" geht, wünscht sich sogar ausdrücklich mehr Männer in der Kinderbetreuung. "Ich finde männliche Erzieher sehr gut", sagt er, "weil die nochmal einen ganz anderen Ansatz reinbringen, was die Erziehung angeht und Klischees ein bisschen aufbrechen. Deswegen finde ich, dass es immer noch viel zu wenige männliche Erzieher sind."

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Vorurteile und Klischees

Allerdings: Nicht alle begegnen männlichem Personal in Kitas vorurteilsfrei. So hat etwa ein Mann, der anonym bleiben möchte, MDR SACHSEN-ANHALT berichtet, dass er als Sozialassistent in einem Kindergarten schlechte Erfahrungen mit Eltern gemacht habe. "Ich habe von Pädophilie-Vorwürfen bis hin zu 'Männer misshandeln Kinder' alles erlebt und dann beschlossen, in keinem Kindergarten mehr zu arbeiten", sagt er.

Markus Strauß kennt ebenfalls Vorurteile und Klischees, wenn auch nicht aus eigener Erfahrung. "Während der Ausbildung habe ich viele Geschichten gehört, dass Männer von anderen Erzieherinnen oder Eltern nicht gerne gesehen waren, weil bei denen die Meinung vorherrschte, dass ein Mann so einen Job nicht kann", sagt er.

Experten fordern höheren Männeranteil

Dabei sind sich Forschende sowie Expertinnen und Experten längst einig, dass in Kitas dringend mehr männliches Personal benötigt wird. So argumentierte etwa die von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin getragene "Koordinationsstelle Männer in Kitas" schon 2019, dass männliche Erzieher ein Baustein zu mehr Heterogenität des pädagogischen Personals seien, dass sie einen Mangel an männlichen Bezugspersonen im familiären Umfeld abfedern und die Teamkultur in Kindertagesstätten positiv beeinflussen könnten. Zudem sei im Sinne der Gleichberechtigung eine Parität der Geschlechter in allen gesellschaftlichen Bereichen wünschenswert, auch in der Kinderbetreuung.

"Männer bringen eine andere Mentalität rein und eine gewisse Ruhe ins Team", sagt Anja Jakobi, die Geschäftsführerin der Magdeburger Kita "Au Clair de la Lune". Man achte zwar bei Neueinstellungen in erster Linie auf die fachliche und menschliche Eignung und nicht auf das Geschlecht der Bewerberinnen und Bewerber, grundsätzlich wolle man aber den Anteil der männlichen Erzieher künftig erhöhen.

Kaum männliche Bewerber

Doch oft fehlt es schlicht an männlichen Bewerbern. Das weiß auch die Politik – an effektiven Gegenmaßnahmen fehlt es allerdings bislang. So richtet ein Sprecher des Magdeburger Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT aus: "Rollenklischees scheinen sich noch immer in der Berufsauswahl niederzuschlagen. Bekannt ist auch, dass das Verdienstniveau sowie die generellen Arbeitsbedingungen einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die Berufswahl von Jugendlichen haben. Trotz deutlicher Gehaltssteigerungen in den letzten Jahren ist der Erzieherberuf offenbar noch nicht so attraktiv für männliche Jugendliche geworden, dass sich eine Vielzahl für diesen entscheidet."

Man unterhalte jedoch keine speziellen Programme, um gezielt die Männerquote unter Erzieherinnen und Erziehern zu erhöhen. Vielmehr wolle man bestehende Maßnahmen der Fachkräftesicherung nutzen, etwa die Unterstützung bei der Gewinnung von Quereinsteigern, um auch den Männeranteil zu erhöhen.

Mehr Geld im Job und in der Ausbildung?

Ein Spielplatz
Rund 70 Kinder werden in der Magdeburger Kita Au Clair de la Lune betreut. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Markus Strauß hat genaue Vorstellungen, was passieren müsste, damit sich mehr Männer für den Erzieherberuf entscheiden. "Es gibt Jobs, in denen man wesentlich mehr verdienen kann. Und nach denen streben Männer vielleicht mehr als Frauen. Für mich war das nicht der entscheidende Punkt. Trotzdem finde ich, dass der Job besser bezahlt werden sollte." Außerdem, sagt Strauß, wünsche er sich eine Reform der Erzieher-Ausbildung. Die dauert derzeit drei Jahre und wird in der Regel nicht vergütet. Wer einen Realschulabschluss hat, muss zuvor bereits eine zweijährige Ausbildung zum Sozialassistenten oder zur Kinderpflegerin absolviert haben, die ebenfalls meistens nicht bezahlt wird.

"Ich denke, man sollte das so umstrukturieren, dass man während der Ausbildung eine Vergütung bekommt, wie es bei vielen anderen Berufen ja üblich ist", sagt Strauß. Immerhin an diesem Punkt hat das Land bereits mit einem ersten Schritt reagiert: Im Koalitionsvertrag haben die Regierungsparteien CDU, SPD und FDP festgelegt, jährlich 200 vergütete Ausbildungsplätze für Erzieherinnen und Erzieher anzubieten.

Markus Strauß hat von dieser Regelung bei seiner Ausbildung noch nicht profitiert. Bereut habe er es aber trotzdem nie, dass er sich damals gegen die Kfz-Branche entschieden hat, sagt er: "Es war die richtige Entscheidung, mir macht dieser Job sehr viel Spaß." Mit Eltern eine Art Erziehungspartnerschaft einzugehen, Kinder beim Aufwachsen zu begleiten, das sei es, was den Job in der Kita für ihn so erfüllend mache – und was er in einer Auto-Werkstatt nie erlebt hätte.

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
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Über den Autor Lucas Riemer arbeitet seit Juni 2021 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Wittenberger hat Medien- und Kommunikationswissenschaft in Ilmenau sowie Journalismus in Mainz studiert und anschließend mehrere Jahre als Redakteur in Hamburg gearbeitet, unter anderem für das Magazin GEOlino.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er vor allem über gesellschaftliche und politische Themen aus den Regionen des Landes.

MDR (Lucas Riemer)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 17. April 2022 | 09:00 Uhr

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