Reportage Demo in Magdeburg: Warum Teilnehmer auf die Straße gehen

Seit Anfang September laufen tausende Menschen unter Aufruf der AfD durch Magdeburg. Auch am Tag der Deutschen Einheit hatte der Landesverband zu einer Kundgebung auf dem Domplatz aufgerufen. Erhofft hatte sich die Partei am Feiertag einen großen Zustrom. Am Ende liefen rund 2.700 durch Magdeburg, ähnlich wie in der Vorwoche. MDR SACHSEN-ANHALT hat sich mit Demoteilnehmenden über ihre Beweggründe unterhalten, auf die Straße zu gehen.

Demonstration in Magdeburg. AfD Bühne vor dem Magdeburger Dom.
Demo auf dem Domplatz in Magdeburg: Tausende demonstrieren am Montag vor der Bühne der AfD. Bildrechte: MDR/Lars Frohmüller

Lina ist gerade 18 Jahre alt. Sie macht eine Ausbildung im medizinischen Bereich. Mit ihrem beigen schicken Stoffmantel und Regenschirm steht sie am Rande der Demo am Alten Markt. Nur knapp 200 Menschen treffen sich hier, und das schon während der Corona-Pandemie. "Wir sind Magdeburg" steht auf ihren Pullovern und T-Shirts.

Lina beobachtete das Treiben bis jetzt nur vom Fenster aus. Sie wohnt mit den Eltern am Alten Markt. Heute wollte sie mit dabei sein. "Ich bin nicht politisch oder so, aber ich habe auch meine Sorgen. Ich bekomme nur wenig Geld in der Ausbildung, allein könnte ich mir eine eigene Wohnung nicht leisten. Und mit den gestiegenen Nebenkosten sowieso nicht," sagt die Magdeburgerin.

Direkt neben der Sparkasse in Magdeburg hat man den Schuldigen für die Krise ausgemacht: Ein Redner wisse zwar auch nicht abschließend, wer die Pipeline Nordstream 2 zerstört hätte, aber "durch die Zerstörung muss Deutschland teureres Fracking-Gas aus den USA beziehen," mutmaßt man auf der Veranstaltung. Es bleibt nicht der einzige Ton dieser Art an diesem Tage.

Für die 18-Jährige aus Magdeburg ist es das erste Mal auf dieser Demo. Noch habe sie selbst nicht wählen können, wenn aber Wahlen wären, würde sie die FDP ankreuzen. Über Politik informiert sie sich über Gespräche mit Freunden, Familie oder in der Schule. "Ich schaue kein Fernsehen mehr oder lese Zeitungen," sagt die Auszubildende. Den Krieg findet sie falsch, aber auch Russland werde falsch dargestellt. Damit stimmt sie in die Redner auf dem Alten Markt ein. Sie will heute auf jeden Fall mitlaufen, mit den Eltern und dem Bruder. Der Zug macht sich in Richtung Domplatz auf den Weg.

AfD-Kundgebung zwischen Mittelaltermarkt und Protest der Linken

Die Szene könnte nicht skurriler sein: Dudelsäcke und Schalmaien-Musik dröhnt über den Domplatz. Daneben haben einige linke Aktivisten eine eigene Anlage aufgebaut und beschallen ebenfalls mit Statements und Musik den Platz. Vor ihnen die Bühne des Landesverbandes der AfD, der seit Anfang September Demos in Magdeburg, aber auch quer durchs Land organisiert. Von dort dröhnt die Stimme von Hans-Thomas Tillschneider, Landtagsabgeordneter der AfD: "Wollt ihr frieren für den Weltmachtanspruch der USA? Wollt ihr euren Wohlstand opfern für den Weltmachtanspruch der USA? Wollt ihr euch zu Tode sparen für den Weltmachtanspruch der USA?"

Auch hier sind sich die Sprecher offenbar einig: Die USA sind schuld an der Krise. Das sieht auch ein 33-jähriger Handwerker am Rande der Demo so. Er möchte seinen Namen nicht nennen, aber schon 2014 bei der Annexion der Krim war er mit auf der Straße: "Ich bin für den Frieden, darum bin ich hier. Darum war ich damals auch auf der Straße."

Plötzlich dröhnt es von der Bühne "…deren Führungspersonal an Kundgebungen Teilnahm, auf denen 'Deutschland, du mieses Stück Sch***‘ und 'Deutschland verrecke' gerufen worden ist". Auf die Frage, ob das der Sound ist, bei der er sich wohl fühlt, lacht der Handwerker: "Das sind Politiker. Das ist Polemik. Da nehmen sich die Parteien alle nichts. Aber die Inhalte sind die Richtigen." Ob er die AfD wählen würde, will er nicht sagen. Er werde wiederkommen und er wähle sowieso nur Personen, die er für fähig halte und nicht die Partei dahinter, sagt er.

Hundetraining auf der Demo

Am Rande steht eine Rentnerin mit ihrer Tochter und deren Hund. Was sie hierher zieht? "Zunächst mal ist es heute ein Training für den Hund", sagt die Tochter. Der soll mit Lärm und vielen Menschen klarkommen. Die Mutter ist mit dabei. Zu ihren Beweggründen sagt die 79-Jährige: "Ich sehe mir das heute zum ersten Mal an. Ich laufe aber nicht mit, ich wollte nur die Reden hören." Beide wollen ihren Namen nicht nennen und sich nicht politisch verorten lassen: "Wenn die da nichts machen", die 79-Jährige und zeigt dabei in Richtung der linken Demo, "höre ich halt hier zu. Am Ende sind die Inhalte ja ähnlich. Hier sind halt mehr Menschen." Die Angst vor der Nebenkostenerhöhung im Briefkasten treibe sie hierher. Es müsse etwas passieren.

Linke Gegendemonstranten durch Gitter von der Demo der AfD getrennt.
Eine kleine Gruppe Linker demonstriert am Rande der AfD-Demonstration getrennt durch ein massives Gitter gegen die Veranstaltung auf dem Magdeburger Domplatz. Bildrechte: MDR/Lars Frohmüller

Mit 2.700 Menschen durch die Innenstadt

Dann setzt sich der Demozug in Bewegung. Die Kundgebung der AfD war diesmal straffer, man wolle den Anschluss an den Demozug vom Alten Markt nicht verpassen. Vornweg die AfD mit einem Banner "Preisexplosion stoppen – für Frieden, Freiheit und Wohlstand". Dahinter können sich offenbar Tausende versammeln. Im hinteren Teil fordert eine Gruppe "Tribunale – Zeit, es zu beenden". Ob auch das Mehrheitsmeinung ist, bleibt unklar.

Am Rand steht Günther, 65 Jahre alt, Edelmetallhändler und von Anfang an dabei. Auf die Frage "Seit September?" antwortet er: "Seit Corona!" Schon damals sei er unzufrieden gewesen mit der Regierung. Keine Antworten würde ihm die Politik geben. Und jetzt in der nächsten Krise wäre es nicht anders. "Darum gehen wir jede Woche auf die Straße, damit sich etwas ändert."

Die Sorgen sind real: gestiegene Nebenkosten, gestiegene Preise, mögliche Pleiten und Arbeitslosigkeit und Misstrauen gegenüber klassischen Medien. Sie dürften doch sowieso nicht schreiben, was sie denken. Das wäre bei alternativen Angeboten anders. Das solle man sich ansehen. Andere in der Runde stimmen ein. Offen für Argumente ist man hier nicht. Das Meinungsbild ist klar und trennscharf. Und wird auch in der nächsten Woche wieder auf die Straße getragen.

Anmerkung der Redaktion: In einer Passage dieses Textes ist es bei der redaktionellen Bearbeitung zu einer Verkürzung eines Zitats gekommen, die beim Lesen einen falschen Eindruck des Demonstrationsgeschehens hinterlassen kann. Wir haben dies nach dem Hinweis eines Users verändert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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MDR (Lars Frohmüller, Cornelia Winkler)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 03. Oktober 2022 | 20:00 Uhr

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