Analyse 20 Jahre nach Hochwasser: So steht es heute um die Deiche in Sachsen-Anhalt

Manuel Mohr
Bildrechte: MDR/Manuel Mohr

Spätestens zum Jahrhundert-Hochwasser im August 2002 wurde klar, dass viele Deiche in Sachsen-Anhalt sanierungsbedürftig sind. Wie viel Geld in den vergangenen zwanzig Jahren in den Hochwasserschutz investiert wurden und wie hoch das Flut-Risiko in Ihrer Region heute noch ist, erklärt MDR SACHSEN-ANHALT mit fünf Fragen und Antworten.

Ein Soldat der Bundeswehr sitzt am Abend des 19.08.2002 mit seinem Funkgerät auf einem Sandsackwall an der Elbe bei Schönebeck nahe Magdeburg und hält Deichwache.
Am 18. August 2002 brach der Hauptdeich bei Seegrehna (Landkreis Wittenberg) auf einer Länge von etwa 80 Metern, infolge dessen der Ort überflutet wurde. Auch die Bundeswehr musste bei der Fluthilfe unterstützen. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Was waren die Gründe für das Jahrhundert-Hochwasser im August 2002?

Ausschlaggebend für die Flut waren mehrere heftige Niederschläge in Tschechien und Sachsen. Bereits am 6. und 7. August sorgten diese für einen Pegelanstieg der Elbe. Maßgeblich für das extreme Ausmaß, dass das Hochwasser in der Folge annehmen sollte, waren dann weitere ergiebige und anhaltende Niederschläge am 11. und 12. August 2002. Da die Böden in den betroffenen Regionen in Tschechien und Sachsen – allesamt Einzugsgebiet der Elbe – durch die regnerische Tage zuvor bereits gesättigt und damit quasi versiegelt waren, stieg der Pegel der Elbe innerhalb kurzer Zeit stark an.

Ein Soldat der Bundeswehr sitzt am Abend des 19.08.2002 mit seinem Funkgerät auf einem Sandsackwall an der Elbe bei Schönebeck nahe Magdeburg und hält Deichwache.
Ein Soldat der Bundeswehr sitzt am Abend des 19. August 2002 mit seinem Funkgerät auf einem Sandsackwall an der Elbe bei Schönebeck nahe Magdeburg und hält Deichwache. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Die sich daraus aufbauende Hochwasserwelle erreichte bereits am 13. August Sachsen-Anhalt und erlangte ihren Höhepunkt – den sogenannten Scheitel – vom 18. bis zum 21. August.

Wie gut war der Hochwasserschutz in Sachsen-Anhalt im Jahr 2002?

Im Januar 2001, also rund eineinhalb Jahre vor dem Jahrhundert-Hochwasser, veröffentlichte die "Internationale Kommission zum Schutz der Elbe" (IKSE) eine umfangreiche Bestandsaufnahme des vorhandenen Hochwasserschutzniveaus im Einzugsgebiet der Elbe. Die IKSE – zu der neben Deutschland und Tschechien auch die EU sowie Polen und Österreich gehören – führte in ihrem damaligen Bericht unter anderem auf, dass 86 Prozent der Elbdeiche in Sachsen-Anhalt einen unzureichenden Zustand aufwiesen und sanierungsbedürftig waren.

Männer stehen am Fluss. 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
2 min

Pouch bei Bitterfeld, 15. August 2002: Ein Deich ist geborsten, die Stadt droht zu überfluten. Die Gemeinde Jeßnitz ist bereits komplett überschwemmt.

MDR FERNSEHEN Do 15.08.2002 17:15Uhr 01:30 min

https://www.mdr.de/geschichte/stoebern/damals/video127892.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Bezogen auf alle Deiche in Sachsen-Anhalt kam das damalige Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt sogar zu dem Ergebnis, dass nur fünf Prozent den allgemeinen anerkannten Regeln der Technik entsprachen. Nicht verwunderlich ist daher, dass eine Reihe von Deichabschnitten, die die IKSE 2001 wegen fehlender Funktionssicherheit angemahnt hatte, den Wassermassen 2002 nicht Stand halten konnten. Dazu gehörten beispielsweise die Abschnitte Sachau-Priesitz, Seegrehna (Landkreis Wittenberg) und Waldersee (Dessau-Roßlau), an denen es zu Deichbrüchen an Elbe und Schwarzer Elster kam.

Eine etwa 100 Meter breite Lücke klafft am 22.08.2002 am Deich in Seegrehna (Landfkreis Wittenberg). Helfer des Technischen Hilfswerk patrollieren ständig mit Booten in der Nähe des Deich-Bruchs.
Eine etwa 100 Meter breite Lücke klafft am 22. August 2002 am Deich in Seegrehna (Landfkreis Wittenberg). (Archivbild) Bildrechte: dpa

2003 kam das damalige Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt in der "Hochwasserschutzkonzeption 2003 bis 2010" zu dem Ergebnis, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen der IKSE zur Verbesserung des Hochwasserschutzes nicht vollständig umgesetzt werden konnten, "da die hierfür erforderlichen Haushaltsmittel nicht ausreichend zur Verfügung standen".

Was wurde seit 2002 in den Hochwasserschutz investiert?

Nach dem Hochwasser im August 2002 wurden bis Ende 2021 nach Angaben des Landesamts für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW) rund 900 Kilometer Deiche in Sachsen-Anhalt saniert. Darüber hinaus wurden acht Schöpfwerke sowie über 250 Siele in den Deichen neu gebaut oder umfassend saniert. Durch Gelder der EU, des Bundes sowie Landesmitteln konnten nach LHW-Angaben "erhebliche Fortschritte bei der Verbesserung des Hochwasserschutzniveaus in Sachsen-Anhalt erzielt werden".

Bis zum nächsten schweren Hochwasser im Juni 2013 konnten bereits zahlreiche Schäden beseitigt und Deiche saniert werden, sodass zumindest die Hälfte aller Deichanlagen dem aktuellen Stand der Technik entsprachen. Insgesamt wurden 2002 für die Umsetzung der Hochwasserschutzkonzeption des Landes Sachsen-Anhalt rund 1,24 Milliarden Euro investiert, die sich wie folgt auf die Regionen verteilen:

Zu den kostenintensivsten Einzelmaßnahmen gehörten mit jeweils rund 20 Millionen Euro der Ausbau des Umflutdeichs bei Magdeburg auf mehreren Kilometern Länge sowie die Neubauten der Hochwasserschutzanlagen in Elster und Listerfehrda (Landkreis Wittenberg) und Jeßnitz (Anhalt-Bitterfeld). Damit sind mittlerweile rund drei Viertel aller Deiche in Sachsen-Anhalt saniert. Welche konkrete Anstrengungen darüber hinaus seitens des Landes unternommen wurden, ist detailliert im 70-seitigen Abschlussbericht der Hochwasserschutzkonzeption 2020 nachzulesen:

Welche Deiche werden aktuell saniert?

Gegenwärtig werden nach LHW-Angaben an mehreren Stellen im Land Hochwasserschutzanlagen aus- oder umgebaut sowie saniert. Dazu gehören beispielsweise der in der Vergangenheit mehrfach stark beanspruchte rechte Elbdeich zwischen Schartau und Blumenthal (Jerichower Land) oder das Wehr in Neuwerben (Landkreis Stendal).

Aktuell ausgeschrieben sind zudem Baumaßnahmen am Saaledeich bei Barby. Eine umfangreiche Übersicht zu den in Umsetzung befindlichen und geplanten Projekten finden Sie hier.

Wie sind die Hochwassergefahren in Ihrer Region?

Der Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft in Sachsen-Anhalt bietet auf seiner Internetseite eine interaktive Übersicht an, in der sehr detailliert nachvollzogen werden kann, wie konkret die Hochwassergefahr für eine bestimmte Straße oder Region eingeschätzt wird. Dabei wird unterschieden zwischen Hochwassern, die mit hoher, mittlerer und niedriger Wahrscheinlichkeit eintreffen können.

Zudem sollen die Menschen mithilfe einer App besser vor einem möglichen Hochwasser gewarnt werden. Wie Umweltminister Armin Willingmann (SPD) MDR SACHSEN-ANHALT sagte, soll dafür die stark verbesserte App "Mein Pegel" genutzt werden. Darüber hinaus bietet der LHW eine eigene kostenfreie App namens "HochwasserST" an, in der ebenfalls Informationen zur Hochwassersituation im Land angeboten werden.

Eine Luftaufnahme von Magdeburg am 21.08.2002. Durch die Bildmitte verläuft die Stromelbe von unten nach oben. Rechts im Bild ist die alte Elbe zu sehen, wobei sich dazwischen der Rotehornpark befindet. Der Rotehornpark ist komplett vom Hochwasser der Elbe überflutet, dennoch ist Magdeburg von Hochwasserschäden, wie sie beispielsweise in Dresden vorzufinden sind, verschont geblieben.
Eine Luftaufnahme von Magdeburg am 21. August 2002. Durch die Bildmitte verläuft die Stromelbe von unten nach oben. Rechts im Bild ist die alte Elbe zu sehen, wobei sich dazwischen der Rotehornpark befindet. Der Rotehornpark ist komplett vom Hochwasser der Elbe überflutet. (ARchivbild) Bildrechte: dpa

Mehr zum Thema Hochwasser in Sachsen-Anhalt

MDR (Manuel Mohr)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 07. August 2022 | 19:00 Uhr

404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/f408c5a1-1168-4eaa-8530-2dbc7e8810a9 was not found on this server.

Mehr aus Sachsen-Anhalt

Eine Collage aus einem Bild von einem Strommast im Halbdunkel und dem Bild einer älteren Dame am Telefon. 1 min
Bildrechte: dpa/imago
1 min 30.11.2022 | 18:00 Uhr

Blackout-Übung, 4-Tage-Woche, Enkeltrick – die drei wichtigsten Themen vom 30. November aus Sachsen-Anhalt kurz und knapp in nur 60 Sekunden. Präsentiert von MDR-Redakteur Julian Mengler.

MDR S-ANHALT Mi 30.11.2022 18:00Uhr 01:24 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/video-nachrichten-aktuell-dreissigster-november-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Sven Böttger im Gespräch mit Ronald Krahl, VIS Verkehrs Industrie Systeme GmbH 5 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK