Burgenlandkreis vor dem Kohleausstieg Profen und Naumburg an der Abbruchkante

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Was der Landkreis Mansfeld Südharz hinter sich hat, das steht dem Burgenlandkreis noch bevor, das Ende des Bergbaus. Nur geht es hier nicht um Kupfer, sondern um Kohle. Bislang ist man dort, wo die Bagger noch in Aktion sind, eher skeptisch. Vor allem geht es um einen Vorwurf: Die Anliegen der Betroffenen fänden wenig Gehör in der Landesregierung. Uli Wittstock hat mit ihnen gesprochen. Hier der dritte und letzte Teil seiner Reise nach der Landtagswahl durch Regionen, die sich abgehängt fühlen.

Fährt man in Profen die Straße der Freiheit entlang, vorbei an der Werksfeuerwehr der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft (MIBRAG), lässt die Straße des Aufbaus links liegen und biegt dann nach rechts ab, kommt man nach wenigen Kilometern an einem großen, etwas verwittertem Schild vorbei. "Revierpark Profen" ist hier zu lesen. Die Einfahrt zum Parkplatz dahinter ist allerdings mit großen Feldsteinen gesperrt.

Am Rand ragt wie ein hohler Zahn eine alte Baggerschaufel aus dem Grün, wohl als eine Art Wegweiser gedacht, doch auch in dieser Funktion hat der Stahltrumm vorerst ausgedient. Auf einem schmalen Pfad geht es ins Dickicht, vorbei an einer löchrigen Tafel, halb von Gesträuch überwuchert. Irgendeine Sanierungs GmbH i.G. teilt mit, dass hier für 2,3 Millionen D-Mark irgendetwas an der Bergbaufolgelandschaft gemacht wurde.

Eine Mischung aus Sahara und Tundra

Je weiter man vorankommt, umso krüppeliger wird das Grün. Plötzlich ragen riesige Sandhalden auf – eine Mischung aus Sahara und Tundra, denn nur ein paar unerschrockene Birken krallen sich in den kargen Untergrund. Hier könnte man eine mitteldeutsche Variante der Mad-Max-Filme drehen: postapokalyptisches Überleben nach dem Klimawandel.

Geht man weiter, erreicht man schließlich einen See, der schön aussieht, auf dem aber weder geschwommen noch gepaddelt oder gesegelt werden darf. Wenn so der Strukturwandel aussieht, dann kann man verstehen, dass die Menschen in der Region nicht gerade begeistert sind.

Profener fühlen sich als Hinterwäldler dargestellt

Einer, der sich in Profen dennoch engagiert ist Carsten Sonntag. Es ist Mitglied im Gemeinderat Elsteraue. Wenn in den Medien über den Kohleausstieg berichtet wird, dann hat er gelegentlich den Eindruck, über die Betroffenen werde wie über Hinterwäldler berichtet. Das sei aber ein falscher Blick, sagt Carsten Sonntag: "Wir wissen, dass Kohle ein endliches Produkt ist und wer das weiß, dem ist auch klar, dass das hier irgendwann enden wird und muss. Die Frage ist nur: Worauf lege ich meinen Schwerpunkt?"

Und genau an dieser Frage entzündet sich ein aktueller Streit. Profen gehört zur Gemeinde Eltsteraue und dort hat man in den letzten Monaten intensiv an Projekten gearbeitet, um nach dem Ausstieg aus der Kohle einen wirtschaftlichen Neuanfang zu ermöglichen. So wollte die Gemeinde etwa die Werksfeuerwehr am Industriestandort aufrüsten, um den Brandschutz für zukünftige Industrieansiedlungen zu verbessern. In Magdeburg entschied man jedoch stattdessen die Außenhülle des Naumburger Domes zu sanieren.

Kein Verständnis für politische Entscheidungen

Das sorgt vor Ort für eine Stimmung, die über Unverständnis weit hinausgeht, sagt Carsten Sonntag: "Das war politischer Aktionismus. Plötzlich war gefühlt viel Geld da und zugleich viel Sorge und Frustration in der Bevölkerung. Und man dachte wohl, wenn wir jetzt schnell was machen, beruhigen wir die Gemüter, Aber das Gegenteil ist der Fall. Man hat das Falsche gemacht und Projekte aus dem Schubkasten gezogen, die schon da waren. Die wurden dann falsch verkauft als Strukturwandel-Projekte. Die Gelder müssen in die Region, wo der Strukturwandel auch tatsächlich stattfindet. Und da sind Naumburg oder Bad Kösen beileibe nicht direkt betroffen."

Auch Naumburg spürt Kohleausstieg

Die Kreisstadt Naumburg liegt von Profen keine halbe Stunde Autofahrt entfernt. Landrat Götz Ulrich (CDU) wurde vor wenigen Monaten im ersten Wahlgang für weitere sieben Jahre im Amt bestätigt. Und es dürften wohl sehr ereignisreiche sieben Jahren werden, wenn der Landkreis sein wichtigstes wirtschaftliches Standbein, nämlich die Braunkohle, verliert. Aber es gibt einen Ausstiegsplan und der sieht vor, dass bis 2034 im Kraftwerk Schkopau noch Braunkohle verfeuert wird.

Doch Landrat Götz Ulrich hat inzwischen Zweifel: "Wir haben mehrere Zwischenstationen auf dem Weg zum Kohleausstieg und wenn ich mir die Diskussionen zur Klimapolitik bundesweit und auch in Europa anschaue, würde ich jetzt meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass dieser Ausstiegspfad, den ja die Kommission einvernehmlich beschlossen hat, am Ende auch steht oder wir vielleicht früher zum Ausstieg kommen. Das will die Region nicht, aber das kann sich aus der großen Politik ergeben. Das macht die Lage brisanter und den Druck größer."

Geld allein ist keine Lösung

Zwar bekommt Sachsen-Anhalt vom Bund in den nächsten fünfzehn Jahren 4,7 Milliarden Euro, um den Strukturwandel zu abzufedern, doch Geld allein kann die Probleme nicht lösen. Das haben ja schon die Nachwendejahre gezeigt, als es in vielen Regionen nicht gelang, trotz Fördermilliarden, eine selbsttragende wirtschaftliche Basis zu entwickeln. Der Bau von Autobahnen und Gewerbegebieten nützt nur, wenn sich auch Menschen finden, die hier selbst aktiv werden und, im besten Wortsinn, etwas unternehmen.

Und genau an diesen Menschen fehle es nun, sagt Landrat Ulrich. Die Gründe klingen so ähnlich wie im Nachbarlandkreis Mansfeld-Südharz: "Ja, wir sind regelrecht ausgeblutet nach der Wende. Junge Leute, vor allem Frauen und qualifizierte Menschen, sind gegangen. Nach Süddeutschland, nach Westdeutschland. Die haben dort den Wohlstand fortgeführt und hier fehlen sie uns jetzt an allen Ecken und Enden. Nicht in den Unternehmen, sondern auch in den Städten und Gemeinden, als Leistungsträger in Vereinen, im Ehrenamt, in der Zivilgesellschaft."

Konkrete Pläne fehlen bislang

Von Naumburg bis zur nächsten Boom-Region, nämlich Leipzig, sind es rund 70 Kilometer, zu weit entfernt, um von dem dortigen Aufschwung zu profitieren. Tesla baut sein neues Werk in Hauptstadtnähe, ein chinesischer Batterie-Hersteller errichtet für 1,8 Milliarden Euro sein Werk in der Nähe von Erfurt. In der Mitteldeutschen Braunkohle sind derzeit rund 7.000 Menschen beschäftigt, die zudem noch gut bezahlt werden. Der Tourismus kann selbst bei sehr optimistischer Prognose den Jobverlust nicht wettmachen.

Konkrete Pläne müssen erstmal entwickelt werden, sagt Landrat Ulrich: "Die Frage, was denn die richtigen Ideen sind, neben Geld zu haben, müssen die Unternehmen natürlich selbst beantworten. Die Weiterentwicklung vorhandener Unternehmen steht dabei im Mittelpunkt, also nicht warten auf ein großes UFO, das hier landet und zehntausend Arbeitsplätze bringt, sondern die Weiterentwicklung der Firmen in der Ernährungswirtschaft, in der chemischen Industrie, das ist der Hauptansatz."

"Schlafstadt" Profen aufwecken

Carsten Sonntag in Profen sieht das Problem ähnlich. Die Chance, dass ein großer Investor die Region wachküsse, sei gering. Stattdessen müsse neu gedacht werden, auch über den bislang eher abwertenden Begriff der "Schlafstadt". Carsten Sonntag ist das beste Beispiel dafür. Er zog vor einigen Jahren von Leipzig nach Profen, weil er in dieser Gemeinde für seinen Sohn einen Kita-Platz bekam, was in Leipzig unmöglich war. Und da der Familienvater in Jena arbeitet, änderte sich sein Arbeitsweg kaum.

Wie auch die Stadt Zeitz könne die Gemeinde Elsteraue vom Großraum Leipzig profitieren, meint Carsten Sonntag. Allerdings erfordere dies ein Umdenken, auch in den Gemeinden vor Ort: "Ich habe das Gefühl, dass manchmal immer noch die Dörfer zu dominant sind. Wir gehen nicht pragmatisch mit dem Thema um. Die Menschen möchten kurze Wege zu einer Bundesstraße, die sie quasi sternförmig in alle Richtungen bringt. Und diese Leute möchten nicht irgendwo auf dem Feld bauen, wo man fernab vom Schuss ist. Wir müssen also bedarfsgerecht planen und daran mangelt es im Moment im politischen Raum. Da werden oft noch die eigenen Pfründe gesichert, nach dem Motto: 'Alle Bauplätze nur für mein Dorf'. Davon hängen ja dann auch Zuweisungen ab. Man muss also mehr miteinander reden, anstatt übereinander."

Die Qualitäten des ländlichen Raums

Aber allmählich bessere sich das, findet Carsten Sonntag. Zudem müsse ein Weg aus dem schlechten Image gefunden werden. Derzeit erscheint ja die Region in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem als Bittsteller. Tatsächlich aber habe man einiges zu bieten: "Der ländliche Raum hat viele Qualitäten: Ruhe. Die Kinder können sich ausleben. Und wenn ich als Arbeitnehmer im Homeoffice arbeite, kann ich eben auch vieles miteinander verbinden, denn hier sind die Wege kurz. Ich muss also nicht mehr täglich pendeln. Dann gibt es auch mehr Wirtschaftskraft, denn ich gehe hier einkaufen und nicht in Jena."

Allerdings müsste dazu die Internetversorgung radikal verbessert werden. Ob dies die Landesregierung auch so sieht oder stattdessen neue Blumenkübel in Naumburg aufstellt, das werden die nächsten Jahre zeigen.

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MDR/Uli Wittstock, Fabienne von der Eltz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 20. Juni 2021 | 12:00 Uhr

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