Corona-Pandemie Landesbischof Kramer: "Impf-Debatte hat religiösen Charakter angenommen"

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Spaltet Corona wirklich die Gesellschaft oder wird das nur behauptet? Das fragt sich Landesbischof Friedrich Kramer. Er vermutet hinter der Debatte um eine Spaltung politische Absichten und rät zu verbaler Abrüstung auf beiden Seiten. Denn die Debatte ums Impfen hat aus seiner Sicht religiöse Züge. Man solle die Menschen nicht nach ihrem Impftstatus beurteilen.

Friedrich Kramer
Bischof Friedrich Kramer rät in der Corona-Debatte zur Vernunft. Bildrechte: dpa

  • Landesbischof Friedrich Kramer ruft in der Corona-Debatte dazu auf, Menschen nicht nach ihren Gedanken, Äußerungen und Handlungen zu beurteilen.
  • Seiner Meinung nach hat die Impf-Diskussion einen religiösen Charakter angenommen.
  • Kramer geht davon aus, dass Corona unseren Alltag nie ganz verlassen, aber irgendwann eine gewisse Normalität erhalten wird.

EKM – diese drei Buchstaben stehen für die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands. Sie entstand durch den Zusammenschluss der evangelischen Kirchen aus Sachsen-Anhalt und Thüringen. Bischof Friedrich Kramer ist seit zwei Jahren im Amt und erlebt seit Ausbruch der Pandemie, wie das Thema auch Gemeinden spaltet.

Dabei glaubt er allerdings, dass die anhaltenden Warnungen vor einer Spaltung auch politisch instrumentalisiert werden: "Es gibt ja in unserem Land politische Gruppen, die an der Spaltung der Gesellschaft hohes Interesse haben und die auch die Erzählung einer gespaltenen Gesellschaft am Köcheln halten."

Die Frage, geimpft oder nicht, ist aber nicht das, was eine Gesellschaft wirklich spaltet.

Bischof Friedrich Kramer

Dass die Debatte inzwischen zu ziemlich übertriebenen Reaktionen führt, räumt Bischof Kramer ein. Das liege aber an den Menschen und nicht am Impfstatus: "Letztens erzählte mir ein Pfarrer von einer Corona-Scheidung. Sie wollte sich impfen lassen, er nicht. Das war das Ehe-Ende." Allerdings dürfte wohl schon vor dem Impfstreit die Ehe nicht sonderlich stabil gewesen sein. Und so bricht nun unter Pandemie-Bedingungen so mancher Streit aus, der eigentlich schon länger schwelte.

Mit Luther denken

Nun ist das Virus zwar neu und die Pest, die Martin Luther seinerzeit erlebte, dürfte wohl um einiges dramatischer gewesen sein, dennoch könne man von Martin Luther lernen, sagt Bischof Kramer: "Wir brauchen die protestantische Unterscheidung zwischen Personen und Werk. Luther hat mit dem Thema gekämpft und gerungen. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen der Person und dem, was sie tut oder unterlässt." Und genau dieser Unterschied scheint in der deutschen Corona-Debatte unter den Tisch zu fallen.

Wenn man anfängt, Menschen nur noch mit dem, was sie sagen, denken oder tun in eins zu werfen, dann bleibt man im Modus der Hexenverfolgung.

Bischof Friedrich Kramer

Die Impfbefürworter gelten als Schlafschafe, Regierungsbüttel oder Fehlgeleitete, Impfkritiker hingegen werden als Verschwörungsanhänger, unsoziale Egoisten und Demokratiefeinde bezeichnet. Und natürlich wirft jeder der Gegenseite vor, faschistische Absichten zu hegen. Aus dieser Debattenfalle hilft nur ein Blickwechsel, sagt Bischof Kramer: "Nehmen wir zum Beispiel die Familie, da ist ganz klar: Das ist mein Bruder, das ist meine Schwester oder Tante. Und diese persönliche Beziehung steht auch nicht zur Frage. Und dann gibt es was, wo ich sage, das kann ich nicht teilen. Aber das ändert nicht unsere familiäre Beziehung."

Impfstatus ist zur Glaubensfrage geworden

Möglicherweise ist diese Streit-Unkultur aber auch eine Folge der Digitalisierung. Computersysteme funktionieren ja bekannterweise nach einem Ausschlusskriterium, eins oder null, schwarz oder weiß. Grautöne kommen in der Programmierung nicht vor und das führe zu einer Verengung und politischen Lagerbildung bei öffentlichen Debatten, sagt Bischof Kramer.

In ihrer Absolutheit würden die Aussagen eher an Glaubenssätze erinnern: "Das Impfen und die Debatte darüber hat einen religiösen Charakter angenommen. Da gibt es erst mal eine vernünftige, dem Bürger nahegelegte Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Dann gibt es die Kritiker. Dafür mag es unterschiedliche Gründe geben, aber einen Widerstandsaufruf daraus abzuleiten, ist völlig abstrus in unserem Land."

Politisch darauf mit der Ankündigung einer allgemeinen Impfpflicht zu reagieren, hält Friedrich Kramer allerdings nicht für sehr sinnvoll. Medizinisch fehle ihm jede Expertise, aber gesellschaftlich helfe die Ankündigung einer Impfpflicht besonders jenen Kräften, die es auf eine Spaltung der Gesellschaft abgesehen hätten und die seien nun mal in Ostdeutschland bereits jetzt stark verankert.

Debattenkultur in Kirchengemeinden

Nachdem Politik und Kirchenleitungen einiges an Kritik einstecken mussten, weil ja in der ersten Welle Gottesdienste verboten waren, liegt es nun an den Gemeinden selbst, wie Weihnachten gefeiert wird. Und dazu muss natürlich vor Ort debattiert und entschieden werden. Wird es ein Krippenspiel geben, darf der Chor auftreten, müssen sich Gottesdienstbesucher testen lassen? Man ahnt, dass sich da viel Konfliktstoff anhäuft.

Dennoch sieht der EKM-Bischof den Umgang mit dem Thema in den Kirchengemeinden vorbildlich: "Wir haben gemeinsam zu entscheiden, machen wir Gottesdienst oder nicht, wie machen wir es, wie sind die Bedingungen? Das führt dazu, dass Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen ins Gespräch kommen und sich in Beziehung setzen."

Da werden also unterschiedliche Positionen ausgetauscht und man ist sicherlich auch hinterher nicht unbedingt einer Meinung. Friedrich Kramer sagt: "Solange ich noch sage, dass du falsch liegst, habe ich Interesse an dir. Ansonsten rede ich nicht mehr mit dir und wir werden uns egal." Das ist ja inzwischen in sozialen Netzwerken ein häufig geübter Umstand, entfreunden statt kritisch debattieren.

Ende der Illusionen

Dass Corona unseren Alltag so verlässt, wie das Virus von diesem Alltag Besitz ergriffen hat, nämlich vollständig, das darf als eher unwahrscheinlich gelten. Die sogenannte Null-Covid-Strategie ist wohl gescheitert. Und so wird der Impfkalender auch weiterhin vom Virus diktiert werden, wobei Friedrich Kramer auf eine gewisse Beruhigung in der Debatte setzt, auch durch neue Impfstoffe: "Wenn der Tot-Impfstoff auf dem Markt ist, dann gehe ich davon aus, dass ein Teil der Impfskeptiker dieses Angebot nutzen wird." Wenn zum Impfen auch noch medizinische Möglichkeiten der Behandlung kommen, dann werde Corona eine Krankheit sein, die eine gewisse Normalität habe, auch wenn sie weiterhin tödlich bleibe.

Die Menschheit habe gelernt, auch mit anderem Schrecken umzugehen, sagt Friedrich Kramer. Er verweist in diesem Zusammenhang auf ein aktuelles Beispiel an der östlichen EU-Außengrenze: "Wenn man sich dort die Flüchtlingssituation anschaut, zwischen Belarus und Polen, dann ist das eigentlich in jeder Hinsicht schrecklich. Und trotzdem sitzen wir hier und feiern fröhlich Weihnachten."

Eine Grafik mit "Coronavirus in Sachsen-Anhalt: Aktuelle Entwicklungen, Hintergründe, Ansprechpartner".
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Corona in Sachsen-Anhalt: Zahlen und Grafiken. Zwei Krankenpflegerinen stehen in einem Patientenzimmer.
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MDR (Uli Wittstock, Fabienne von der Eltz)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 25. Dezember 2021 | 14:10 Uhr

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