Schwere Waffen für Ukraine Lange Ausbildung statt schnellen Einsatzes beim Panzer Gepard

Deutschland erlaubt die Lieferung von 50 Gepard-Flugabwehrpanzern an die Ukraine. Doch können die Panzer überhaupt helfen? Besonders an zwei Stellen drohen Probleme. Eine Analyse.

Flakpanzer Gepard
Der Gepard kann gegen Drohnen, Hubschrauber niedrig fliegende Hubschrauber, aber auch Ziele am Boden eingesetzt werden. Die Frage ist aber: Wann kommt er wirklich in der Ukraine zum Einsatz? Bildrechte: IMAGO/Björn Trotzki

Nach langem Zögern hat die Bundesregierung der Lieferung von Gepard-Flugabwehrpanzern an die Ukraine zugestimmt. Rund 50 von der Bundeswehr ausgemusterte Panzer sollen vom Rüstungskonzern Krauss-Maffei Wegmann (KMW) überholt und an das Land geliefert werden. Doch noch ist unklar, ob und wie schnell die Flugabwehrpanzer wirklich eingesetzt werden könnten. 

Knackpunkt 1: Die Ausbildung 

Beim Gepard-Flugabwehrpanzer handelt es sich um ein äußerst komplexes Waffensystem. Der Panzer ist mit zwei 35 mm-Maschinenkanonen ausgestattet und wird vor allem gegen Luftziele – also etwa Hubschrauber, tieffliegende Flugzeuge, Drohnen oder Raketen – eingesetzt. Die Ziele werden durch ein in das Fahrzeug integriertes Radarsystem aufgespürt und erfasst. Dessen Komplexität ist Vor- aber eben auch Nachteil.

Denn es benötigt ein spezielles Training des Personals, um den Panzer bedienen und somit auch sinnvoll einsetzen zu können. Wie lange ein solches Training dauern würde, darüber herrscht Uneinigkeit. Die Bundesregierung will zur notwendigen Ausbildungszeit von Soldaten beim Gepard keine Angaben machen und verweist stattdessen an den Waffenhersteller. Der wiederum wollte sich nicht äußern.

Mangelhafte Ausbildung wäre Risiko

Roland Kather ist ehemaliger Bundeswehr-General des Heeres und war dort in verschiedenen Funktionen tätig, unter anderem als Kommandeur einer Panzergrenadierdivision in Leipzig. Bis 2011 war er außerdem der Deutsche Militärische Vertreter in den Militärausschüssen von NATO und EU. Zum MDR sagte Kather, dass zwei bis sechs Monate zur Gepard-Ausbildung der ukrainischen Soldaten und Soldatinnen eingeplant werden müssten, je nach Voraussetzung. Also ob etwa Vorkenntnisse vorhanden seien. "Es wäre verantwortungslos, Soldaten und Soldatinnen nicht perfekt ausgebildet in einen brutalen Vernichtungskrieg zu schicken", sagte Kather.

Wichtig ist, dass eine einzige Ausbildung für den Einsatz des Gepards nicht ausreichend ist. Denn im Panzer müssen drei verschiedene Positionen besetzt werden. Es braucht einen Fahrer, einen sogenannten Richtkanonier und einen Kommandanten. Während der Richtkanonier für die Bedienung der Waffen zuständig ist, gibt der Kommandant die Befehle und kommuniziert mit anderen Einheiten. Außerdem bedient er das Radar.

Für alle drei Positionen müssen Streitkräfte speziell für die Handhabung des Gepards ausgebildet werden. "Entscheidend sind der Richtkanonier und der Kommandant, die diese hochmoderne Technik im Gepard beherrschen müssen", erklärt Ex-General Kather. Dabei geht es für den Kommandanten nicht nur darum, die Technik an Bord zu beherrschen. Dieser müsse das taktische Zusammenspiel des Gepards mit anderen Waffensystemen lernen und üben. "Sonst schießt du die eigenen Leute ab. Das haben wir alles schon erlebt", sagt Kather. Demgegenüber sei die Ausbildung der Fahrer einfacher. Die könne in wenigen Tagen oder Wochen abgeschlossen werden. 

Es fehlt an Zeit

Unklar bleibt auch, wer die ukrainischen Soldaten und Soldatinnen praktisch ausbilden kann. Die Bundeswehr rangierte die Gepard-Flugabwehrpanzer bereits vor zehn Jahren aus. Nach MDR-Informationen geht die Bundesregierung von einer Ausbildungszeit von sechs bis acht Wochen aus. Die ukrainischen Soldaten sollen in Deutschland an den Geräten ausgebildet werden. Geplant ist offenbar, frühere Ausbilder und Einsatzkräfte für die Ausbildung einzusetzen.

Damit bleibt aber offen, wann die Ausbildung am Gepard überhaupt starten kann. Denn neben den Ausbildern müssen auch Dolmetscher organisiert werden – angesichts der nötigen Hilfen für ukrainische Geflüchtete in Deutschland keine ganz leichte Aufgabe. Und: Gepard-Hersteller KMW muss die bei der Bundeswehr ausgesonderten Flugabwehrpanzer noch überholen – genaue Angaben, wie lange das dauern würde, machte das Unternehmen bisher nicht.

"Die ukrainischen Soldaten und Soldatinnen können nach Deutschland eingeflogen werden. Das ginge", so Ex-General Kather. Allerdings, der Faktor Zeit macht ihm größere Sorgen. Denn die Ausbildung müsse wahrscheinlich mithilfe von Dolmetschern erfolgen und das mache alles noch langsamer.

In Fachkreisen zweifeln viele wegen der relativ langen Ausbildungszeit grundsätzlich an der Eignung der Gepard-Flugabwehrpanzer für den Einsatz im Ukraine-Krieg. Denn die ukrainischen Streitkräfte müssen die geforderten schweren Waffen wie Panzer schnell einsetzen, um sich gegen den Einmarsch Russlands wehren zu können.  

Knackpunkt 2: Die Munition

Auch bei der Munition gibt es Fragezeichen: Es bleibt bisher unklar, woher diese für die 50 Panzer kommen soll. Der Gepard verbraucht viel mehr Munition als die meisten anderen Waffensysteme. Anders als Kampfpanzer verschießt der Flugabwehrpanzer seine Munition nicht einzeln. Vielmehr gibt er Salven mit großen Mengen an Munition von bis zu 1.100 Schuss pro Minute ab, um Flugzeuge und Helikopter in der Luft zu zerstören. 

Nach MDR-Informationen führt die Bundesregierung unter anderem Gespräche mit Brasilien und Rumänien. Gepard-Munition aus der Schweiz ist keine Option. Denn die zur Neutralität verpflichtete Schweiz verbot die Munitionsausfuhr in die Ukraine.

Das Bundesverteidigungsministerium verweist bei der Frage nach der Munition an die verantwortliche Rüstungsindustrie. Denn Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) kündigte zwar eine Ausfuhr an, die betroffenen Waffensysteme stammen aber nicht aus Bundeswehrbeständen. Der Munitionshersteller "Rheinmetall" und auch das Schweizer Tochter-Unternehmen "RWM Schweiz AG" waren auf MDR-Anfrage für keine Stellungnahme erreichbar. Auch der Gepard-Produzent KMW, bei dem die 50 verfügbaren Panzer stehen, wollte bisher keinen Kommentar abgeben.

Zweifel an Sinn der Gepard-Lieferung

Der Druck auf die Bundesregierung, schnell geeignete Munition aufzutreiben, ist hoch. Der ukrainische Botschafter in Berlin, Andrij Melnyk, kündigte bereits an, dass sein Land auf das Angebot zur Panzerlieferung verzichten müsse, sollte die Munition weiterhin fehlen.

Ex-General Kather hält ohnehin nicht viel von der Gepard-Lieferung: "Ich habe noch keine Begründung gefunden, warum man gerade den Gepard schickt." In Ländern des ehemaligen Warschauer Paktes gebe es hingegen noch schwere Waffen aus sowjetischer Produktion, für die die ukrainischen Soldaten und Soldatinnen schneller ausgebildet werden könnten. Geeigneter als der deutsche Gepard sind nach den Worten Kathers die sowjetischen Panzer T-72, BMP-1 und Haubitzen aus sowjetischer Produktion. 

Was tun, Herr General? - Der Podcast zum Ukraine-Krieg

Der frühere NATO-General und Generalleutnant a.D. Erhard Bühler
Bildrechte: MDR / Erhard Bühler
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MDR AKTUELL Di 13.09.2022 16:45Uhr 28:52 min

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 29. April 2022 | 10:00 Uhr

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