Ausblick 2022: Ein Jahr zwischen Corona und Kriegsgefahr

Tim Herden
Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Corona lässt uns nicht los. Vier Landtagswahlen könnten das Wirken der neuen Koalition stören. Nicht weit entfernt von deutschen Grenzen, in der Ukraine, droht Krieg. Keine guten Vorzeichen für das neue Jahr. Kanzler Olaf Scholz muss sich wie seine Vorgängerin Angela Merkel sofort als Krisenmanager beweisen und dabei recht unterschiedliche Interessen in seiner "Ampel" zusammenhalten.

In einer Fotomontage sieht man auf der linken Seite einen Mann und auf der rechten Seite den Bundestag und eine Ampel.
Auf die Ampel-Koalition um Bundeskanzler Olaf Scholz warten im Jahr 2022 zahlreiche ungelöste Probleme und Herausforderungen – Korrespondent Tim Herden blickt voraus. Bildrechte: MDR/dpa

In einer Hinsicht erlebt 2022 auf jeden Fall einen stillen Start, ohne großen Knall: Böllern war mehr oder weniger verboten. Trotzdem soll es ein besonderes Jahr werden. Sagt jedenfalls die Astrologie. 2022 steht ein Jupiterjahr bevor und den Sternen nach kann man unter dem Zeichen des Glücksplaneten viel erreichen, und die Erfolge können einen Tick größer ausfallen als sonst.

Corona wird weiter unseren Alltag bestimmen

Für die neue Koalition eigentlich gute Vorzeichen, wenn man den Sternen glaubt. Wäre da nicht Corona. Nach Delta wirft Omikron seine Schatten auf die Infektionsraten 2022 voraus.

Olaf Scholz und Karl Lauterbach
Olaf Scholz und sein Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Bildrechte: dpa

So schnell werden wir nicht aus der täglichen Endlosschleife von Infektionszahlen, Hospitalisierungsraten und Todesfällen herauskommen. Vielmehr wird der Impfausweis immer mehr zur Eintrittskarte werden, egal ob Kneipe, Theater oder Kaufhaus.

Wahrscheinlich alle drei bis sechs Monate wird ein Booster fällig gegen alte und neue Virusmutationen. Impfzentren gehören dann zum Bild in Städten und Gemeinden, weil es eine allgemeine Impfpflicht gibt. Unklar ist, ob sie die Gemüter beruhigt oder zu neuen Protestwellen führt. Auch mit mehr Gewalt. Auf alle Fälle wird Gesundheitsminister Karl Lauterbach anders als sein Vorgänger die Pandemie erst für beendet erklären, wenn sie wirklich beendet ist. 

Vier Landtagswahlen und der alte Bundespräsident wird wohl auch der neue

2022 wird auch viel gewählt. Es beginnt im Februar mit der Wahl des neuen Bundespräsidenten, der wahrscheinlich weiter der alte ist. Frank-Walter Steinmeier kann man nicht vorwerfen, ein schlechtes Staatsoberhaupt gewesen zu sein. Er versuchte, Deutschland zusammenzuhalten. Nicht immer mit Erfolg. Aber er bemühte sich.

Andererseits wäre es nach zwölf Herren im Amt und 73 Jahren Bundesrepublik natürlich mal Zeit für eine Frau im höchsten Staatsamt. Aber FDP und vor allem die Grünen, sonst immer vorn in Sachen Feminismus, konnten sich gegen die SPD nicht durchsetzen. Also bleibt im Schloss Bellevue wohl alles so wie es ist.

Hendrik Wüst
Stellt sich im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen zur Wahl: Hendrik Wüst. Bildrechte: dpa

In den vier Wahlländern Saarland, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen sieht das schon anders aus. Alle vier Amtsinhaber treten wieder an, könnten aber scheitern: Tobias Hans (CDU), Hendrik Wüst (CDU), Daniel Günther (CDU) und Stephan Weil (SPD). Das gilt besonders für die Unionskandidaten. Es könnte für den "CDU-Chef der Herzen", Friedrich Merz, eine brenzlige Feuertaufe werden. Er muss die Verluste wettmachen, die sein Vorgänger Armin Laschet der CDU bei der Bundestagswahl eingebrockt hat.

Umgekehrt möchte die SPD gern den Triumph vom letzten September fortschreiben und sich auch im Bundesrat eine respektable Mehrheit verschaffen. Gern mit Grünen und Liberalen im Schlepptau. Dazu muss die Ampel aber weiter leuchten. Mit Corona, steigenden Preisen von der Tankstelle bis zum Supermarkt und Zumutungen durch mehr Klimaschutzmaßnahmen kein einfaches Unterfangen für Neukanzler Olaf Scholz.

Bei der Außenpolitik droht der Koalition Streit

Um die Stimmung hoch zu halten, werden deshalb aus einigen Wahlversprechen bald Gesetze werden. Für die SPD-Anhänger wird der Mindestlohn auf zwölf Euro steigen und Hartz IV unter dem neuen Etikett Bürgergeld nicht sofort auf Vermögen und Wohnung zugreifen. Für Grüne und FDP könnte die Verkürzung der Planungsfristen ein politisches Leckerli sein. Für die einen, um schneller Windräder zu bauen. Für die anderen, um die Lückenschlüsse zwischen zahlreichen Autobahnen zu vollenden.

Annalena Baerbock
Mehrere internationale Krisenherde werden die Aufmerksamkeit von Außenministerin Annalena Baerbock fordern. Bildrechte: dpa

Den politischen Honeymoon der neuen Koalition könnte allerdings die Außenpolitik stören. Besonders das Verhältnis zu Russland und China. So wird bald nach Neujahr die Frage zu entscheiden sein, ob deutsche Politiker zu den Olympischen Winterspielen in Peking reisen oder nicht. Während die Grünen da wahrscheinlich auf harte Kante setzen, schauen SPD und FDP eher auf die wirtschaftlichen Interessen. Eigentlich fuhr in der Vergangenheit der Innenminister als oberster Sportpolitiker auch nicht zu Olympia, um den Kotau vor den jeweiligen Machthabern zu zelebrieren. Er sollte unsere Sportler moralisch unterstützen.

Und wenn man China wirklich diplomatisch boykottiert, was will man dann Ende 2022 mit der Fußball-WM in Katar machen? Dieses Land gilt auch nicht gerade als Aushängeschild für die Menschenrechte. Mit einem Bundestrainer Jogi Löw wäre man nicht in die Bredouille gekommen. Mehr als die Vorrunde hätte die Mannschaft nicht erreicht. Mit Hansi Flick steigen nun die Chancen, bei der Endrunde dabei zu sein. Ein Kanzler, der dann bei Halbfinale oder Endspiel nicht auf der Tribüne sitzt, hat in Fußball-Deutschland schon verloren.

Noch schwieriger könnten sich 2022 die Beziehungen zu Russland gestalten. Wenn Nord Stream 2 nicht ans Netz geht, spüren wir Deutschen das bald an der Gasrechnung. In der Ukraine droht weiter der Konflikt mit Russland zu eskalieren. 2022 wird es deshalb nicht mehr um folgenlose Gespräche an runden Tischen gehen, sondern um die reale Gefahr eines drohenden Krieges um den Donbass. Olaf Scholz wird das kaum allein Außenministerin Annalena Baerbock überlassen können. Er muss verhindern, dass Deutschland Teil dieses Konflikts wird. 

Am Ende bleibt die Hoffnung

Vielleicht kommt alles auch ganz anders. Ist das nicht die Lehre aus 2021? Wer hätte auf Olaf Scholz als Kanzler gesetzt? Eine Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP war eine unrealistische Utopie. Kaum jemand hätte erwartet, dass uns Corona noch härter trifft als 2020. Die Menschen im Ahrtal waren nicht auf die Verwüstungen durch die Regenmassen einer Nacht vorbereitet.

Es bleibt am Ende nur die Hoffnung, dass 2022 besser wird als viele vielleicht momentan erwarten. Immerhin soll es das Jahr des Glücksplaneten Jupiter sein. Sagen jedenfalls die Sterne. In diesem Sinne: Gesundes neues Jahr!

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 31. Dezember 2021 | 19:30 Uhr

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