Covid-19-Impfungen Impfdurchbrüche und andere populäre Missverständnisse

Wie im Fall des Fußball-Profis Joshua Kimmich, so gibt es auch beim Thema Impfdurchbrüche populäre Missverständnisse. Ihre Aufklärung führt zu der Erkenntnis, dass auch eine Impfung gegen Covid-19 kein Persilschein für die Pandemie ist. Beunruhigen sollte das aber vor allem ungeimpfte Menschen.

Die Stadt Köln wirbt auf Plakattafeln für ihr Impfangebot.
Werbung für Covid-19-Impfungen in Köln: Sich und andere schützen, ist auch ein Motto solcher Kampagnen – stimmt aber doch nur eingeschränkt. Bildrechte: imago images/Future Image

Wie beim durch vermeintliche Spätfolgen einer Covid-19-Impfung verunsicherten Fußball-Profi Joshua Kimmich gibt es populäre Missverständnisse auch beim Thema "Impfdurchbrüche". Populär und problematisch war an der öffentlichen Äußerung von Kimmich ja weniger seine Aussage, er lasse sich nicht impfen, als vielmehr sein Tribünen-Talk über das angebliche Fehlen überzeugender Studien als Grund.

Problematisch und populär sind auch Missverständnisse, die zu enttäuschten Erwartungen hinsichtlich der Wirkung der Impfungen führen – zuletzt nun verstärkt durch Meldungen über Impfdurchbrüche, die doch nicht so selten sind und weder Infektionen noch die wieder rasante Ausbreitung des Coronavirus verhindern.

Eine Impfung bildet keine Barriere

Dabei scheint eine falsche Erwartung schon durch ein Missverständnis des Begriffs "Impfdurchbruch" selbst befördert zu werden. Denn er suggeriert, dass Viren oder Bakterien bei geimpften Personen eine Barriere durchbrechen. Das stimmt aber so nicht, und die Erwartung, geimpft gehe es durch die Erreger-Wolken wie mit Moses durch das Rote Meer gehen, war schon immer ein Fehlschluss.

Befördert wurde dieser Fehlschluss vermutlich auch durch politisch zu hoch gesteckte Erwartungen, dass mit den Impfungen sich das Coronavirus fernhalten und vielleicht sogar ganz ausmerzen lasse. Tatsächlich wäre das auch dann nicht der Fall, wenn Herdenimmunität jemals wirklich erreicht würde.

Tatsächlich gelangen Viren oder Bakterien auf den üblichen Wegen auch in die Körper von geimpften Menschen. Das können Impfungen nicht verhindern. Sie können aber individuelle Immunsysteme mit Fähigkeiten einer effektiven Reaktion auf Viren oder auf Bakterien ausstatten. Sie verhindern also nicht einen Befall mit Erregern, sondern Erkrankungen oder schwere Verläufe. Es ist letztlich aber immer das jeweils individuelle, mehr oder weniger effektive Immunsystem, das die Arbeit erledigt – nicht der Impfstoff, der im Körper oft längst wieder abgebaut ist.

Infektionen allein sind keine Krankheit

Darüber hinaus ist eine Infektion im eigentlichen Sinn eine sich länger stabil reproduzierende Population von Viren oder Bakterien. Kann ein Immunsystem sie effektiv bekämpfen, kommen sie nicht dazu, sich längere Zeit zu vermehren und im Körper zu halten. Als infiziert gelten befallene Menschen eigentlich nicht und dass sie Erreger eine Weile herumtragen, fällt oft gar nicht auf – wie oft, ist unklar.

Um Infektionen geht es aber gar nicht. Geimpft wird – wie gesagt – gegen Erkrankungen. Dass es "Impfungen gegen das Coronavirus" gebe, ist darum ebenfalls etwas missverständlich. Und als Impfdurchbruch gilt nur, wenn trotz Schutzimpfung eine Covid-19-Erkrankung mit typischen Symptomen auftritt. Die positive Testung allein reiche nicht, sagt Marieke Degen, Sprecherin beim Robert Koch-Institut. Die Zahl definierter Fälle veröffentlicht das RKI wöchentlich. Für andere Menschen infektiös können PCR-positive Personen allerdings auch ohne Erkrankung sein, wenn auch wohl nicht so lange und weniger stark.

Darüber hinaus ist auch nie davon die Rede gewesen, dass Impfstoffe 100-prozentig wirksam wären. Laut RKI bieten nach aktuellem Stand die gängigen Mittel einen Schutz von etwa 90 Prozent gegen schwere Covid-19-Erkrankungen und etwa 75-prozentigen Schutz gegen eine symptomatische Infektion mit der Delta-Variante. Nicht wenige Impfdurchbrüche waren also zu erwarten.

Dazu kommen weitere Aspekte: Der Impfschutz lässt mit der Zeit nach und Menschen mit schwachen oder sonst beeinträchtigten Immunsystem bräuchten eigentlich mehr Impfungen, wie Thomas Grünewald, der Leiter der sächsischen Impfkommission, weiter unten im Interview erläutert. So bleibt festzuhalten, dass auch geimpfte Menschen infiziert werden und andere infizieren können, dass sie sogar erkranken können, obschon sehr viel seltener und weniger schwer.

Impfungen schützen zuerst geimpfte Menschen

Neben den hier beschriebenen und eigentlich auch schon vorher bekannten Tatsachen räumen diese noch mit einem weiteren populären Missverständnis auf: Mit einer Covid-19-Impfung "schützen Sie sich und andere" – so klang es schon vielstimmig, um der Covid-19-Schutzimpfung neben dem persönlichen auch einen sozialen Nutzen zu attestieren. So ganz direkt stimmt aber auch das nicht.

Einen Nutzen für die Gesellschaft hat zwar jede Impfung, denn nicht schwer erkrankende Menschen belasten das Gesundheitswesen weniger. Sie sind weniger und nur für kürzere Zeit eine Gefahr für andere Menschen. Und umgekehrt dürfte eine hohe Zahl nicht geimpfter Menschen die pandemische Situation um Jahre verlängern, wie etwa der Immunologe Michael Meyer-Hermann erwartet – mit allen bekannten negativen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen.

Im Licht der Zusammenhänge ist aber klar: Mit ihrer Impfung schützen sich Menschen zuerst selbst und andere nicht unmittelbar. Nicht geimpfte Leute sind unter geimpften also nicht sicher. Nicht ganz korrekt ist es auch, die aktuelle Welle nur als "Pandemie der Ungeimpften" zu sehen. Ungeimpfte sind jetzt nur viel stärker von den Erkrankungen betroffen. Für sie wird es gefährlicher, wenn mehr Menschen nun weniger vorsichtig werden – im Vertrauen auf ihre Impfung.

Was daraus folgt: Weitere Schutzmaßnahmen sinnvoll

Wie viel Solidarität freiwillig nicht geimpfte Menschen von geimpften erwarten dürfen, ist dabei eine heikle Frage. Mit Blick auf etwa das 2G-Modell ist schon klar, dass nicht geimpfte Menschen ausgeschlossen werden. Anders aber als viele von ihnen glauben, ist das keine Strafe und auch keine Impfpflicht durch die Hintertür. Es dient auch nicht allein dem Schutz anderer vor ihnen. Nein, es dient direkt ihrem eigenen und etwas indirekter dann auch dem Schutz anderer Menschen.

Nur getestet heißt schließlich – anders als geimpft und genesen – schlechter geschützt, weshalb 3G für nicht geimpfte Personen jetzt noch gefährlicher sein kann. Doch auch wenn manchen das egal ist: Jede persönliche Wette auf das eigene Immunsystem birgt auch für andere Menschen ein Risiko: Denn eine Infektion bleibt selten allein, etwas seltener allerdings durch Impfungen.

Auch klar ist so aber, dass eine Impfung kein Freibrief sein kann, dass sich auch geimpfte Menschen weiter testen (lassen) sollten, dass es weiterhin Masken und Abstand braucht, wenn sich Infektionen stärker ausbreiten und dass neben den Impfungen alle bekannten Schutzmaßnahmen, auch Kontaktbeschränkungen und Lockdowns, weiter sinnvoll sein können – je nach Lage der Pandemie.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. November 2021 | 09:00 Uhr

Mehr aus Panorama

Mehr aus Deutschland

Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit, äußert sich bei einer Pressekonferenz im Bundesgesundheitsministerium zu Corona-Schutzmaßnahmen in Pflegeeinrichtungen. 1 min
Bildrechte: dpa
1 min 06.10.2022 | 16:45 Uhr

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach erklärt, dass eine vierte Impfung den Schutz von Pflegeheimbewohnern vor einem tödlichen Verlauf bei einer Corona-Infektion detlich verbessert.

Do 06.10.2022 16:01Uhr 00:46 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/lauterbach-vierte-impfung-pflegeheimbewohner100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video