Beschluss aus Brüssel EU-Farbenverbot bringt Tattoo-Branche in Bedrängnis

Mit farbenfrohen Tattoos ist es im kommenden Jahr weitestgehend vorbei. Grund ist eine neue EU-Verordnung. Sie verbietet ab Januar Chemikalien, die in fast allen Tattoo-Farben enthalten sind. Für die durch die Corona-Krise sowieso schon arg gebeutelten Tätowierer ist das ein harter Schlag. Denn Farben ohne die betreffenden Substanzen gibt es bisher nicht.

Tätowiernadel im Einsatz
Aufgrund einer EU-Verordnung sollen im kommenden Jahr nahezu alle bunten Tattoofarben verboten werden. Bildrechte: IMAGO / blickwinkel / McPhoto /Foto Begsteiger

Am 4. Januar ist Schluss. Dann dürfen die meisten Tattoo-Farben in der EU nicht mehr eingesetzt werden. Und dann? Marta Lipinski weiß es nicht. Die Leipziger Tattoo-Künstlerin hat seit inzwischen elf Jahren ein eigenes Studio in der Messestadt und kennt das Geschäft. Nach ihrer beruflichen Zukunft gefragt, sagt sie: "Ich bin da gerade ein bisschen taub. Mit den ganzen Corona-Maßnahmen jetzt noch, dass wir gerade nicht arbeiten dürfen – es geht alles so ineinander über. Ich habe aufgegeben, da jetzt noch großartig zu kämpfen. Dafür reicht meine Kraft auch gerade gar nicht mehr."

Vielleicht könne sie sich als Freie Künstlerin durchschlagen, sagt Lipinski. Irgendwie müsse es weitergehen. Sie hofft darauf, dass es zeitnah andere, EU-konforme Farben zu kaufen gibt, denn die alten sind bald nutzlos.

Bisher kein Ersatz für die Farben

Die sogenannte REACH-Verordnung der EU schreibt vor, dass die Farben wegen gesundheitlicher Bedenken nur noch geringe Mengen an bestimmten Konservierungs- oder Bindemitteln enthalten dürfen. Die Grenzwerte sind dabei so niedrig, dass fast alle gängigen Farben nicht mehr verkauft oder benutzt werden dürfen.

Ersatz gibt es im Grunde nicht. Die wenigen EU-konformen Farben sind bereits nicht mehr zu bekommen. Der Bundesverband Tattoo, die Interessenvertretung deutscher Tätowierer, hat wenig Hoffnung, dass sich das zeitnah ändert. In einer Verbandserklärung zur REACH-Verordnung heißt es: "Was die jetzt zum Jahreswechsel anstehenden Restriktionen angeht, können wir natürlich nicht ausschließen, dass irgendein Hersteller es heimlich still und leise vermocht hat, sämtliche damit einhergehenden Probleme zu lösen und plötzlich im Dezember 2021 mit völlig neuen Farben des gesamten Spektrums auf den Markt kommt, die REACH-konform sind. Aber bekannt wäre uns so etwas jedenfalls nicht."

Bundesverband Tattoo gibt noch nicht auf

Der Verband hält erwartungsgemäß nichts von der Verordnung. Die Regelung lege eine ganze Branche lahm, heißt es von ihm. Der Vorwurf: Auf EU-Ebene habe man sich nicht auch nur im Ansatz mit den vielen wohlbegründeten Einwänden von Fachwissenschaftlern auseinandergesetzt. Der Verband hat sich einer Brüsseler Initiative angeschlossen, die die Verordnung rechtlich prüfen lassen will. Auch ermutigt er Betroffene, rechtlich dagegen vorzugehen.

Aber wie ist die Stimmung in der Szene? Die Leipziger Tattoo-Künstlerin Marta Lipinski ist deutschlandweit gut vernetzt. "Man hofft oder kämpft. Aber irgendwann ist es jetzt, glaube ich, auch mal gut. Corona macht das halt irgendwie kaputt."

Falsche Hoffnungen machen will man sich auch beim Bundesverband Tattoo nicht. Innerhalb weniger Wochen oder Monate werde sich juristisch nichts erreichen lassen, heißt es in der Erklärung. Letztlich werde die Branche kaum etwas anderes tun können, als die eigenen Betriebe mit einem langen Atem irgendwie aufrechtzuerhalten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. Dezember 2021 | 08:25 Uhr

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