Aktionstag Gewerkschaften fordern fairen digitalen und ökologischen Wandel

Die Industriegewerkschaften sind überzeugt: Die deutsche Wirtschaft steht vor massiven Veränderungen. Die Industrie soll ökologischer und zugleich digitaler werden. Mit einem Aktionstag sendeten die Beschäftigten der künftigen Bundesregierung am Freitag ein Signal: Investitionen in Milliardenhöhe seien nötig um Arbeitsplätze langfristig zu sichern – auch in Mitteldeutschland.

"In der IG Metall vereint" steht auf dem Transparent bei einer Demonstration unweit des Opel-Werkes Eisenach. Der bundesweite Aktionstag der IG Metall unter dem Motto «Fairwandel - sozial, ökologisch, demokratisch» soll laut Ankündigung ein Zeichen setzen für eine aktive Industriepolitik und einen fairen Wandel des Industriestandortes Deutschland. Auch die krisenhafte Situation beim Autobauer Opel wird thematisiert. Protestveranstaltungen sind an mehreren Opel-Standorten geplant.
In Eisenach versammelten sich am Aktionstag der IG Metall Hunderte Beschäftigte. Bildrechte: dpa

Unter dem Motto "Fairwandel - Deutschland muss Industrieland bleiben" sind am Freitag Zehntausende Beschäftigte der Metall-, Chemie und Energiebranche auf die Straßen gegangen, um für einen fairen, sozial-ökologischen Wandel der Industrie zu demonstrieren. Insgesamt hätten mehr als 50.000 Menschen in über 50 Städten demonstriert, teilte die IG Metall in Frankfurt am Main mit.

Hofmann: 500 Milliarden bis 2030

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann forderte von der künftigen Bundesregierung Hilfen und Subventionen für eine soziale, ökologische und demokratische Transformation. "Vage Programme und Lippenbekenntnisse entfachen keinen Aufbruch und keinen Fortschritt", sagte Hofmann in Berlin. "Wir verlangen klare Beschäftigungs- und Investitionszusagen." Bis 2030 brauche es Investitionen in Höhe von 500 Milliarden Euro.

Kundgebungen auch in Mitteldeutschland

Aktionen der Gewerkschaften fanden in insgesamt mehr als 50 Städten statt, auch in mehreren Orten Mitteldeutschlands. In Eisenach etwa demonstrieren rund 1.500 Menschen für staatliche Hilfen für die Automobilbranche.

In Sachsen-Anhalt gab es Aktionen in Zeitz, Schönebeck, Nachterstedt und Wernigerode, an denen sich nach Angaben der IG Metall über 700 Personen beteiligten. In Wernigerode im Harz rief die Gewerkschaft speziell jüngere Beschäftigte zu einer Aktion auf. Teils mit "Halloween-Masken" forderten nach Gewerkschaftsangaben 70 Auszubildende aus vier Betrieben, in die Zukunft der Standorte zu investieren.

Almut Kapper-Leibe von der IG Metall Geschäftsstelle Halle-Dessau zeigte sich im Anschluss sehr zufrieden: "Es ist sehr gut gelaufen. Es war ein Schulterschluss zwischen Geschäftsführung, Landespolitik und IG Metall."

Gewerkschaft fordert massive Investitionen

Hintergrund für den Aktionstag sind die erwarteten Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Auch die deutsche Industrie soll digital und klimafreundlich werden. Das gehe jedoch nicht ohne Hilfe seitens der Politik, sagt Thorsten Gröger, Leiter des IG Metall-Bezirks Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Es müsse stark investiert werden, sonst drohe die Deindustralisierung ganzer Regionen. In der Transformation brauche es Sicherheit für die Beschäftigten, um gesellschaftliche und betriebliche Akzeptanz der Kolleginnen und Kellegen zu erhalten.

Es muss stark investiert werden, sonst droht die Deindustralisierung ganzer Regionen.

Thorsten Gröger, Leiter des IG Metall-Bezirks Niedersachsen und Sachsen-Anhalt

Viele Firmen in Sachsen-Anhalt seien willens zum Wandel, bräuchten aber Hilfe bei der Finanzierung und der Ausarbeitung von Konzepten. Zum Beispiel müssten umweltfreundlich hergestellte Produkte vor der billigen, aber umweltschädlichen Konkurrenz geschützt werden.

Ökologischer Wandel soll Arbeitsplätze nicht gefährden

Aber auch sichere Arbeitsplätze, Investitionen in Bildung und eine sichere Ausbildung vor Ort sind der IG Metall wichtig. Der Wandel gefährde Hunderttausende Arbeitsplätze, hieß es in einem Aufruf zur Teilnahme an dem Aktionstag. Bernd Kruppa von der IG Metall Leipzig sagte, man wolle den ökologischen Wandel. Aber er müsse sozial flankiert sein und dürfe Arbeitsplätze nicht gefährden. "Wir fordern insbesondere auch, dass Entlassungen in der Transformation nicht vorgenommen werden. Dazu gehören Qualifizierungsoffensiven."

Wir wollen den ökologischen Wandel, ganz klar, wir wollen, dass die Industrie die Klimaziele auch erreicht. Allerdings muss das auch entsprechend sozial flankiert sein. Es kann nicht zu Lasten der Arbeitsplätze gehen.

Bernd Kruppa I IG Metall Leipzig

Signal an künftige Bundesregierung

Mit dem Aktionstag mische sich die IG Metall aktiv in die laufenden Koalitionsverhandlungen ein, erklärte die Gewerkschaft. Sie wolle ein Signal an die kommende Bundesregierung senden, über die SPD, Grüne und FDP seit vergangener Woche verhandeln. Diese stelle in den kommenden vier Jahren die Weichen für die Zukunft des Industriestandorts Deutschland und damit für Hunderttausende Arbeitsplätze.

Warnung vor Spaltung der Gesellschaft

Die neue Bundesregierung müsse die Gestaltung des industriellen Wandels zu ihrem zentralen Punkt machen, erklärte NRW-Bezirksleiter Knut Giesler. Nötig sei ein politischer Rahmen für ein industrielles Entwicklungsmodell, das sozial und ökologisch nachhaltig sei. Es müsse Wohlstand, gute und sichere Arbeit sowie eine lebenswerte Umwelt verbinden.

Es darf nicht zu einer Spaltung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer kommen.

Knut Giesler I Bezirksleiter der IG Metall Nordrhein-Westfalen

Der Aktionstag ist Teil einer zweiwöchigen "Europäischen Aktion für einen gerechten Strukturwandel" des Dachverbandes der europäischen Industriegewerkschaften (IndustriAll Europe), dem die IG Metall und die IG Bergbau, Chemie, Energie angehören.

AFP/dpa (dkn,ala)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. Oktober 2021 | 06:00 Uhr

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