Corona Impfung Warum gibt es so ein Chaos beim Impfen?

Bereits im Sommer dieses Jahres zeigten klinische Studien, dass der Schutz der Corona-Impfung nach spätestens sechs Monaten nachlässt. Seitdem wurde auch in Deutschland über die dritte Dosis, den Booster, diskutiert. MDR exakt hat recherchiert, wie Bund und Länder sich auf die anstehenden Booster-Impfungen vorbereitet haben.

Schlangestehen ab Impfstelle in Leipzig
Hunderte Menschen stehen im Leipziger Hauptbahnhof und hoffen, dass am Ende des Tages das Mobile Impfteam für sie noch eine Impfung hat. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Impfschlange im Leipziger Hauptbahnhof geht zweimal quer durch das angegliederte Einkaufszentrum. Einmal hin und einmal zurück. Mehrere Hundert Menschen stehen hier, hoffen, dass am Ende des Tages das Mobile Impfteam für sie noch eine Impfung hat. Ein junger Mann berichtet, er versuche bereits zum zweiten Mal eine Booster-Impfung zu bekommen. Den ersten Versuch habe er nach 7,5 Stunden Warten abgebrochen. Der Impfstoff sei irgendwann einfach alle gewesen. Einer älteren Dame geht es ähnlich. Sie, über 70 Jahre alt, stehe nun schon über vier Stunden in der Schlange, bei ungemütlicher Novemberkälte.

Ob Booster oder Grundimmunisierung, derzeit brauchen Impfwillige eine gehörige Portion Ausdauer,  um eine Impfung zu bekommen. Dabei heißt es doch seit Monaten: impfen, impfen, impfen. Nun ist zwar die Bereitschaft da, doch es fehlt offenbar die Logistik. Seitdem die Stiko, die Ständige Impfkommission, am 18. November die Auffrischungsimpfungen für alle Altersgruppen empfohlen hat, ist in Deutschland ein Impfchaos ausgebrochen.

War Deutschland auf den Bedarf an Impfungen nicht vorbereitet?

Dabei war der Bedarf an Auffrischungsimpfungen eigentlich vorhersehbar. Bereits im Juli belegten Daten aus Israel die Abnahme der Wirksamkeit der Corona-Schutz-Impfung nach spätestens sechs Monaten. Die Daten waren Anlass dafür, dass Israel noch im selben Monat mit den Auffrischungsimpfungen begann. In Deutschland brauchte man für diese Entscheidung wesentlich länger, bis eben im Oktober die Empfehlung der STIKO für über 70-Jährige und dann im November für alle Altersgruppen herausgegeben wurde.

Die Europa-Abgeordente der Grünen, Jutta Paulus, kann dieses Zögern nicht nachvollziehen: "Also ich frage mich tatsächlich, wann wir mal anfangen, von anderen Ländern zu lernen." Das Beispiel Israel habe gezeigt, wie auch die Welle der Delta-Variante gebrochen werden könne, nämlich durch Auffrischungsimpfungen. "Und dann frage ich mich, warum hat man nicht im Bundesgesundheitsministerium – Wahlkampf hin oder her – geschaut?" Es sei schließlich logisch gewesen, dass diese Mutation des Coronavirus auch nach Deutschland komme.

Gesundheitsministerium limitiert Biontech-Lieferungen

Auch in Deutschland mahnte das Robert-Koch-Institut bereits im Juli in dem Strategiepapier "Vorbereitung auf den Herbst/Winter 2021/22" an, Booster-Impfungen für insbesondere Ältere und Risikogruppen "sollten jetzt geplant und vorbereitet werden". Doch statt diese Mahnung ernst zu nehmen, wurde im Sommer in Deutschland vielmehr die Notwendigkeit des Erhalts der kostenintensiven Impfzentren diskutiert.

Der Vorschlag des Bundesgesundheitsministeriums: die Impfzentren sollten zunächst auf Stand-by gesetzt werden. Nicht alle Länder folgten diesem Ratschlag. In Sachsen, dem Bundesland mit der niedrigsten Impfquote, wurden alle Impfzentren Ende September komplett geschlossen. Die Impfkampagne solle fortan vorrangig von den Ärzten in Praxen, Betrieben und Krankenhäusern weitergeführt werden, so Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD).

Viele niedergelassene Ärzte sehen das Impfen als eine ihrer Kernkompetenzen an, so Dr. Annelie Öhlschläger und Dr. Andreas Preusche in ihrer Gemeinschaftspraxis in Dippoldiswalde im Erzgebirge. Seit Beginn der Impfkampagne machen sie sich für das Impfen stark, bieten etwa Impftage an, an denen jeder, ob Patient oder nicht, einfach vorbeikommen kann. Auch am Ersten Advent haben sie ihre Praxis geöffnet, verimpfen an einem Tag 147 Booster-, zehn Zweit- und 23 Erstimpfungen. Eigentlich ein gutes Ergebnis und trotzdem, die beiden Ärzte sind alles andere als zufrieden.

Der Grund: Für die kommenden Woche hat das Bundesgesundheitsministerium die Auslieferung von Biontech an die niedergelassenen Ärzte streng limitiert. Gerade einmal 30 Dosen sollen sie bestellen können. Das sei viel zu wenig, um den Bedarf zu decken, sagt Annelie Öhlschläger. Zwar könnten die niedergelassenen Ärzte eine höhere Anzahl Moderna Dosen bekommen, doch gerade jetzt, wo die Impfkampagne noch einmal so richtig Fahrt aufnehme, die Impfstoffmenge an Biontech zu begrenzen, das sei völlig kontraproduktiv, sagen die Hausärzte. Vor allem auch, weil viele Patienten den Impfstoff von Biontech bevorzugen würden. Auf die Ärzte käme nun zusätzliche Aufklärungsarbeit zu. Zwar seien Moderna und Biontach im Grunde gleichwertige Impfstoffe, so Dr. Klaus Heckermann von der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, doch das Vertrauen in den Impfstoff von Biontech sei in der Bevölkerung größer.

Warum das Biontech-Lager leer läuft

Tatsächlich sind bundesweit von niedergelassen Ärzten für die laufende Woche 4,65 Millionen Dosen Biontech bestellt worden. Ausgeliefert wurden laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung nur etwa 2,65 Millionen Dosen. Doch wie kommt dieser Mangel zustande?

Mitte November heißt es in einem Schreiben des Bundesgesundheitsministeriums an die Amtschefinnen und Chefs der Länder: "Aktuell macht der Impfstoff von Biontech über 90 Prozent der Bestellungen aus. Gleichzeitig sollte auch der Impfstoff von Moderna für Auffrisch-Impfungen vermehrt zum Einsatz kommen, da andernfalls ab Mitte des ersten Quartals 2022 der Verfall der bereits eingelagerten Moderna-Impfstoffe droht."

Doch nur eine Woche später musste der noch amtierende Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) diese Begründung korrigieren. Nun heißt es: "Entscheidend ist, dass sich unser Biontech Lager so schnell leert, dass wir ab der nächsten Woche vorübergehend nicht mehr als zwei bis drei Millionen Dosen des Biontech-Impfstoffs pro Woche zur Verfügung stellen können für die Versorgung."

Moderna mit Spenden-Klausel im Vertrag?

Eine Frau in medizinischer Schutzkleidung hält ein Fläschchen mit Biontech-Comirnaty-Impfstoff.
25,8 Millionen Dosen Biontech waren als Lieferung für das vierte Quartal vom Bundesgesundheitsministerium eingeplant. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Wire

Der Grund dafür überrascht. Immerhin 25,8 Millionen Dosen Biontech waren als Lieferung für das vierte Quartal vom Bundesgesundheitsministerium eingeplant. Doch davon sind mehr als zehn Millionen Dosen als Spende vermerkt. Bedeutet, über die Covax-Initiative wird dieser Impfstoff von der Bundesregierung an ärmere Länder gespendet, dass auch dort geimpft werden kann.

An sich eine sehr sinnvolle und vor allem auch notwendige Maßnahme. Denn, so die Europa-Abgeordnete Jutta Paulus: "Niemand ist sicher, bevor nicht alle sicher sind, solange wir es zulassen, dass es große Bevölkerungsteile weltweit gibt, in denen immer wieder neue Mutanten entstehen." Das werde gerade derzeit durch die neu entdeckte Variante Omikron erneut offensichtlich. Moderna zu spenden, sei jedoch nicht möglich, denn der Impfstoffhersteller habe auf eine Klausel im Vertrag bestanden, so Paulus, dass "auch Spenden von bereits bezahlten Impfstoffen ausschließlich mit dem Einverständnis von Moderna erlaubt sind. Weil jede Dosis, die an ein Land gespendet wird, kann Moderna ja nicht mehr verkaufen."

Sachsen stockt Mobile Impfteams auf

Auch wenn das Spenden von Impfstoffen notwenig ist, um die Pandemie zu bekämpfen, zeugt es nicht von Weitsicht des Bundesgesundheitsministeriums, dass ausgerechnet in dem Monat, wo die Impfkampagne endlich wieder Fahrt aufnimmt, so viel Impfstoff abfließt. Mit immerhin 24 bis 30 Millionen Booster-Impfungen kalkuliert das Ministerium bis Ende des Jahres. Der notwendige Impfstoff dafür, so versichert Jens Spahn, sei vorhanden.

Tatsächlich sei das derzeitige Impfchaos vielmehr ein logistisches Problem, so auch die Europapolitikerin Jutta Paulus. Zuwenig Mobile Impfteams, geschlossene Impfzentren, von Bürokratie und komplizierter Impfstoffverteilung abgeschreckte Hausärzte und nun der Booster-Ansturm. Das alles zusammen führt zu dem Chaos, wie es derzeit in Deutschland vor Impfstellen zu beobachten ist. Sachsen hat nun nachgebessert. Der Haushaltsausschuss des Landtages hat zusätzliche 160 Millionen Euro freigegeben, um das Personal der Mobilen Impfteams aufzustocken.

Quelle: MDR exakt

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 01. Dezember 2021 | 20:15 Uhr

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