Woche der Inklusion Berufswunsch Klavierlehrerin, trotz Sehbehinderung

Tara ist 17 Jahre alt, blind und sie hat einen Traum: Klavierlehrerin zu werden – trotz aller Hürden. Das Heinrich Schütz Konservatorium Dresden unterstützt sie dabei. Susann Krieger hat sie beim Unterricht begleitet.

Hände auf Klavier beim Spiel.
Bildrechte: imago/Panthermedia

An Musik- und Kunsthochschulen gibt es noch immer kaum Studierende mit körperlichen Beeinträchtigungen. 2016/17 waren es deutschlandweit weniger als ein Prozent. Das belegt die Best-2-Studie „beeinträchtigt studieren – best“, die vom Deutschen Studentenwerk in Auftrag gegeben wurde. Ein Teil dieser kleinen ein Prozent ist die 17-jährige Tara.

Ich liebe Barockmusik generell und Bach ist einfach genial, find' ich. Die Musik, die er geschrieben hat, also vor allem, wenn ich das dann in den Aufnahmen vom Cembalo höre. Das ist einfach das Tollste, was es gibt, find' ich.

Tara sitzt an einem der beiden Flügel im großen Unterrichtsraum des Dresdner Heinrich Schütz Konservatoriums. Ihre Hände bewegen sich sicher über die Tastatur. Dabei wiegt sie ihren Kopf zur Musik langsam hin und her. Ihre Augen sind meist geschlossen oder blicken ins Leere, denn Tara ist blind. Trotz der Hürden hat die junge Frau einen Traum: Sie möchte Klavierlehrerin werden. Das Heinrich Schütz Konservatorium Dresden unterstützt sie dabei.

Ich orientiere mich vor allem an den schwarzen Tasten. Als allererstes gucke ich, dass ich in der Mitte sitze, das merke ich an den Pedalen unten und dann halt an den schwarzen Tasten, dass ich weiß:hier ist grad diese Zweiergruppe, ich muss weiter nach links oder rechts. Und so Sprünge muss man halt üben.

Seit zehn Jahren am Klavier

Musik begleitet Tara schon ihr ganzes Leben. Sie singt früh die Melodien, die sie hört, nach und steht stundenlang am Radio. Ihre Eltern, selbst sehbehindert, unterstützen sie bei der Idee, ein Instrument zu lernen. Das Klavier interessiert Tara von Anfang an am meisten. Schon damals kann sie wenig sehen und ist auf Hilfe angewiesen. Für ihre erste Klavierlehrerin ein Wagnis, denn sie kann sich anfangs kaum vorstellen, wie sich Tara auf dem großen Instrument zurechtfinden und sogar Noten lesen soll. Doch Tara schafft es. Mittlerweile spielt sie seit mehr als zehn Jahren Klavier, viele Jahre davon wird sie bereits von Klavierlehrer Bernd Woschick unterrichtet:

Klaviertasten
Bildrechte: Colourbox.de

Ich behandle sie nicht besonders oder ganz anders als andere Schüler, gehe natürlich auf ihre Situation ein, aber das heißt nicht, dass ich jetzt komplett anderen Unterricht mache.

Tara ist auf das Engagement von Lehrern wie Bernd Woschick angewiesen. Als sie zu ihm kam, konnte sie noch etwas sehen, Woschick scannte ihr die Noten ein, sodass Tara sie sich auf einem Tablet stark vergrößern konnte. Jetzt ist die 17-Jährige vollständig erblindet. Ihre Klavierstücke erlernt sie mithilfe der Braille-Schrift, der Punktnotenschrift für Blinde.

Alles passiert über das Gehör

Im Unterricht arbeitet Bernd Woschick mit Tara vor allem über das Gehör. Beide reden nicht viel, sondern spielen, tasten sich so Schritt für Schritt in der Musik voran und versinken in ihr. Eine spezielle Ausbildung für den Umgang mit Schülern und Schülerinnen wie Tara hat Bernd Woschick nie bekommen:

Ja, wir sind beide in die Situation rein gewachsen, ich hab also noch keinen Schüler vorher betreut, der so ein Handicap hatte und bin da aber ganz offen damit umgegangen und wir haben eigentlich ein sehr gutes und vertrauliches Verhältnis.

Kein Nachteilsausgleich an Musikschulen

Vom Heinrich Schütz Konservatorium erhält Tara viel Zuspruch und Unterstützung. Neben dem Einzelunterricht spielt sie auch mit anderen Jugendlichen zusammen. Dennoch gibt es Hürden: Anders als in Allgemeinbildenden Schulen gibt es an der Institution Musikschule keinen festgeschriebenen Nachteilsausgleich für Menschen mit Behinderung, wie beispielsweise durch mehr Unterrichtszeit oder gar eine Assistenz.

Tara wünscht sich mehr Selbstverständlichkeit im Umgang mit ihr, auch außerhalb des geschützten Raumes Musikschule. Sie möchte mit Menschen ins Gespräch kommen und ihnen zeigen, wie sie ihr Leben mit Blindheit gestaltet. Und darin steht vor allem die Musik im Zentrum. Für sie ist die Zukunft vollkommen klar:

Ich werde auf jeden Fall erstmal Abitur machen und dann ist noch so ein bisschen die Überlegung, ob ich nach dem Abitur an eine Berufsfachschule für Musik in Bayern gehe, damit ich mich da ein bisschen aufs Studium vorbereiten kann und dann würde ich versuchen, an eine Hochschule zu kommen. Am liebsten würde ich Klavierpädagogik studieren und vielleicht auch was in Richtung Komposition und Ensembleleitung machen.

Wie steht es in Deutschland um Inklusion? Welche Erfahrungen machen Menschen mit Behinderungen im Alltag, im Beruf und an Schulen? Die MDR-Sendung „Selbstbestimmt“ stellt Geschichten von beeindruckenden Menschen in den Mittelpunkt, die mit ihrer Beeinträchtigung ihr Leben meistern. Den 30. Geburtstag der Sendung feiert der MDR mit einer Schwerpunktwoche zur Inklusion.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 08. April 2021 | 09:40 Uhr