Interview mit Infektiologe Stefan Moritz Corona-Pandemie: Wie sicher sind Konzerte im Herbst und Winter?

Im Herbst werden die Corona-Zahlen wieder steigen. Sichere Konzerte und Großveranstaltungen sind dennoch möglich – das sagt Infektiologe Stefan Moritz von der Universitätsklinik Halle. Sein Forschungsprojekt in der Arena Leipzig hat bereits 2020 gezeigt, wie Ansteckungen verhindert werden können. Im Interview erklärt er, warum Maßnahmen wie begrenzte Kapazitäten besonders bei Kulturveranstaltungen für die letzte Option hält.

Stefan Moritz
Wie sicher Konzerte in der Leipziger Arena sind, hat der Infektiologe Stefan Moritz 2020 untersucht. Bildrechte: dpa

MDR SACHSEN: Ich hätte gedacht, dass Ihnen die Kulturbranche die Bude einrennt wegen Ihrer Ergebnisse zu sicheren Veranstaltungen unter Corona-Bedingungen, auch wenn diese jetzt schon zwei Jahre alt sind.

Dr. Stefan Moritz: Das bringt nichts, wenn sie mir die Bude einrennen. Sie müssen der Politik die Bude einrennen, denn ich entscheide nicht darüber, ob Veranstaltungen stattfinden dürfen oder nicht. Letztlich ist es die Politik, die die Rahmenbedingungen vorgibt, was wir machen dürfen oder was möglich ist an Veranstaltungen – und was nicht. Im letzten Winter war schon deutlich mehr möglich als im ersten Corona-Winter. Da, denke ich, haben sich unsere Ergebnisse schon einen Schritt weit abgezeichnet.

Es ist manchmal einfach schwer zu vermitteln, zu sagen, wir schränken weite Teile des Lebens ein und lassen andere Vergnügungsszenarien wie Konzerte offen. Ich glaube, das hätte die Politik besser kommunizieren können, warum sie das geschlossen haben: um generell Kontakte zu vermeiden.

Wie sehen Sie denn den Herbst 2022? Wir wissen alle noch nicht, was uns bevorsteht. Aber Hygienekonzepte für Veranstaltungen werden wahrscheinlich wieder notwendig sein?

Die Frage ist, in welchem Ausmaß uns eine Welle treffen wird. Das wird durchaus spannend. Wir haben da viele Unbekannte im Moment. Wir wissen nicht, wie viele Menschen sich in den letzten Monaten wirklich infiziert haben mit dem Virus. Wir haben auch nur begrenzt Daten darüber, wie gut die Immunität bei denjenigen ist, die geimpft sind und sich infiziert haben.

Wir gehen im Moment davon aus, dass das eine sehr gute und sehr lang anhaltende Immunität ist. Aber wir können das noch nicht richtig absehen, weil die Erfahrungsdauer mit diesem Thema noch nicht so lang ist. Das heißt, wir wissen nicht genau, wie hoch die Immunität der Bevölkerung im Winter ist. Davon hängt im Wesentlichen ab, wie groß die Welle sein wird.

Wir werden, wenn ich mal in eine Glaskugel schauen darf, wahrscheinlich wieder ein paar Einschränkungen in der Veranstaltungswirtschaft kriegen.

Dr. Stefan Moritz, Infektiologe

Ich erwarte, dass wir doch einiges an Infektionen erleben werden, die uns aber hauptsächlich durch Arbeitsausfälle belasten werden. Wir werden, wenn ich mal in eine Glaskugel schauen darf, wahrscheinlich wieder ein paar Einschränkungen in der Veranstaltungswirtschaft kriegen. Ich hoffe allerdings, dass es in einem vernünftigen Rahmen bleibt.

Wir haben jetzt viele Instrumente an der Hand, die wir vernünftig nutzen können. Die Bürgerinnen und Bürger sind alle weitgehend aufgeklärt, dass sie auch für sich selbst ein Stück weit Schutz betreiben können. Jeder weiß heutzutage, dass eine Maske gut schützt. Wer zu einer Veranstaltung geht und das Bedürfnis hat, sich zu schützen, dem steht es jederzeit frei, diese mit Maske zu betreten. Da muss, glaube ich, jetzt jeder ein Stück weit selbst für sich Verantwortung übernehmen.

Belüftung ist das Maß aller Dinge, um etwas veranstalten zu können, sagen Sie. Auch Mundschutz in Form von Masken ist angeraten. Was ist noch wichtig? Was ist beim Einlass, der Bewirtung und in den Pausen zu bedenken?

Wenn man unsere Ergebnisse anschaut, sind die Hauptkontakte die langanhaltenden Kontakte. Diejenigen, die während der eigentlichen Veranstaltung, während des Programms stattfinden. Da sitzen oder stehen die Leute nebeneinander, da haben sie eine Vielzahl und lange Kontakte. Da ist die höchste Gefahr, dass man andere Leute ansteckt.

Sitzkonzert mit Maske: So erlebten die Besucher das Konzert von Tim Bendzko
Wie sicher Konzerte während Corona sind, wurde 2020 bei Konzerten von Tim Bendzko in der Leipziger Arena untersucht. Bildrechte: MDR JUMP

Alle anderen Kontakte während solcher Veranstaltungen sind relativ kurz. Die sind wahrscheinlich meistens nicht lang genug, um andere Leute anzustecken. Natürlich geht es immer darum, große Massen zu entzerren und einen zügigen Einlass zu gewährleisten.

Aber auch da ist es natürlich für jeden möglich, sich einfach mit der Maske zu schützen. Medizinisches Personal schützt sich auch mit einer Maske und geht damit zu Corona-Patienten. Auch vor den Impfungen konnten wir uns sehr effektiv damit schützen. Das zeigt doch, welche Schutzwirkung diese Maske hat und was jeder für sich selbst da machen kann.

Sie würden jetzt erstmal kein bedingungsloses Nein zu Großveranstaltungen, Theater, Konzerten oder auch Ausstellungen sagen? Wenn man all das, was Sie gerade gesagt haben, bedenkt?

Ja, das sehe ich so. Im Moment gibt es eigentlich keinen Grund, dass man das generell einschränken sollte. Wir haben Instrumente wie Schnelltests, die in großen Mengen verfügbar sind. Wir haben Infrastruktur geschaffen, um normale tagesaktuelle Tests jedem zu ermöglichen, um diese auch schnell abzufragen.

Da steht uns schon ein gewisses Repertoire zur Verfügung, bevor wir anfangen sollten, über Einschränkungen, Kapazitätseinschränkungen oder Ähnliches nachzudenken. Denn wir müssen uns im Klaren sein: Es ist finanziell oftmals für diese Veranstaltungen nicht tragbar, nur die Hälfte der Kapazitäten zu bedienen.

Das Interview für "Aufgefallen" von MDR SACHSEN führte Andreas Berger / Redaktionelle Bearbeitung: Valentina Prljic. Für die Schriftfassung wurde das Interview bearbeitet und gekürzt.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Aufgefallen – Der sächsische Kulturpodcast | 26. September 2022 | 20:00 Uhr

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