Krieg in der Ukraine Leipziger Übersetzerin Lavochkina zum Ukraine-Krieg: "Russische Freunde schämen sich"

Die Schriftstellerin und Lehrerin Svetlana Lavochkina wurde 1973 in Saporischschja in der Ukraine geboren. Seit ihrem 26. Lebensjahr lebt sie in Leipzig und übersetzt russische und ukrainische Lyrik ins Englische. In Deutschland hat Lavochkina auch eigene Texte veröffentlicht, wie "Puschkins Erben" und "Die rote Herzogin". Aktuell setzt sich die Künstlerin nach dem Angriff Russlands dafür ein, auf die Situation in der Ukraine hinzuweisen.

Porträt der ukrainischen Schriftstellerin Svetlana Lavochkina 8 min
Bildrechte: Pavel Gitin
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Seit sie 26 ist, lebt die Dichterin Svetlana Lavochkina in Leipzig und übersetzt aus dem Ukrainischen und Russischem. Seit dem Angriff Russlands macht sie auf die Probleme der Menschen in der Ukraine aufmerksam.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 02.03.2022 06:00Uhr 07:44 min

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MDR KULTUR: Sie haben momentan noch viel Kontakt in die Ukraine und die Hauptstadt Kiew. Welche Nachrichten erreichen Sie?

Svetlana Lavochkina: Meine Freunde in Kiew, meine Literatur-Kameraden und -Kolleginnen haben geahnt, dass es eine Invasion geben könnte oder geben wird. Aber das Ausmaß hat keiner von ihnen – und auch von uns hier – nicht geahnt. Es wurde davon ausgegangen, dass die Aggressionen zunächst in den östlichen Gebieten stattfinden, die schon annektiert wurden, wo sowieso bereits viel Krieg war. So haben wir es und alle gedacht, aber es kam anders. Das kann man sich auch im schlimmsten Traum nicht vorstellen. Und wenn schon die ganze Welt zittert, kann man sich nur vorstellen, wie es den Menschen vor Ort geht.

Wie geht es Ihnen mit der Situation? Was tun Sie vielleicht auch, um zur Ruhe zu kommen?

Ich bin ein Tu-Mensch. Ich bin nie sehr sentimental. Ich vergieße keine großen Tränen darüber, wie es den armen Menschen geht. Das kann ich nicht verändern. Was ich verändern kann, ist das Bewusstsein der Menschen im Westen, in Deutschland. Ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, wie tapfer die Menschen jetzt um ihre Heimat kämpfen, dass sehr viele meiner Kommilitonen und meiner Literatur-Kameraden auf die Straßen gegangen sind und sich Waffen genommen haben. Zivilisten organisieren sich, um den Militäreinheiten zu helfen, indem sie zum Beispiel die Spione enttarnen, die sich mit ukrainischen Militäruniformen verkleiden, ukrainische Kennzeichen auf russische Autos kleben. Ich bin direkt verbunden mit einem dieser Netzwerke in einem der Vororte von Kiew. Meine Freunde haben mich dazugeschaltet, damit ich Informationen aus erster Hand bekomme.

Sie haben einen Teil ihres Lebens in der Sowjetunion verbracht und beschreiben das auch in Ihren Büchern. Wie war denn damals das Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine?

Die Sowjetunion bestand aus 15 Schwesterrepubliken. Es wurde immer betont, dass wir ein Schmelztiegel von freundlichen, brüderlichen und schwesterlichen Nationen waren. So war es aber nicht: Russland hatte immer die Übermacht – nicht nur über die Ukraine. Alle Nationalsprachen in den Republiken wurden unterdrückt. Ich habe das auf der ukrainischen Seite erlebt. Die östliche Ukraine ist überwiegend russisch-sprachig. Aber die russische Sprache, die dort gesprochen wird, ist nicht gleich der russischen Sprache in Russland. Man kann das sofort heraushören – ich spreche auch mit so einem Akzent.

Die ukrainische Sprache wurde unterdrückt. Man konnte sich auch vom Erlernen der ukrainischen Sprache befreien lassen. Viele haben das getan, um die Kinder zu entlasten. Meine Eltern haben das nicht gemacht, und ich bin bis heute sehr dankbar dafür. Denn ich konnte diese schöne, wunderbar klingende, emotionale und irre komplizierte Sprache erlernen.

Sie tragen beide Sprachen in sich und arbeiten auch mit beiden Sprachen. Mit welchem Gefühl stehen Sie heute zum Russischen?

Man sollte es trennen: die russische Sprache und die russische Politik. Die russische Sprache ist Heimat von großartigen Gedanken, von großartigen Schriftstücken. Das soll eigentlich auch so bleiben, aber darauf liegt derzeit nicht der Schwerpunkt. In diesem Regime von Putin verwelkt die russische Sprache. Die Kunst und die Literatur stagnieren wegen der Diktatur – wie im Dritten Reich, als die Literatur unterdrückt wurde.

Man soll aber nicht vergessen, dass es in Russland viele klar denkende Menschen gibt. Obwohl es kreuzgefährlich für sie ist, äußern sie sich gegen den Krieg. Sie schämen sich. Ich habe viele russische Freunde, die das alles als schrecklich erleben. Es ist leicht für mich, weil ich Ukrainerin bin – eine Vertreterin des Volkes, das angegriffen wird. Die Russen, die klar denkenden, die demokratisch denkenden, haben es noch schwieriger, weil sie sich schämen müssen und nichts unternehmen können im großen Sinne. Es ist sehr wichtig, dass die Russen demonstrieren, protestieren und der Welt zeigen, dass sie etwas tun können. Das wird die Wurzel des Sieges in diesem furchtbaren Krieg.

Das Gespräch führte Moderatorin Julia Hemmerling für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. März 2022 | 07:10 Uhr