Serienkritik "Gangs of London": Gewalttätige Mafia-Serie ohne Tiefgang

Die britische Serie "Gangs of London" erzählt von Machtkämpfen: Nach dem Mord am irischstämmigen Paten von London, Finn Wallace (Colm Meaney), übernimmt sein Sohn Sean (Joe Cole) die Geschäfte. Doch er schafft es nicht mehr, die rivalisierenden albanischen, kurdischen, pakistanischen und afrikanischen Clans zu kontrollieren. Deswegen bricht eine Gewaltwelle über London los, die viele Protagonisten der Serie überrollt. Eine klischeehafte Männer-Serie mit ermüdend viel Gewalt, meint unser Kritiker.

Mehrere Männer sitzen und stehen um einen Tisch
Szene aus der Serie "Gangs of London" Bildrechte: Sky UK Limited

MDR KULTUR: Will "Gangs of London" eine moderne Mafia-Serie sein?

Jörg Taszmann: Es wirkt wie ein Versuch von Sky Großbritannien der Welt zu beweisen, dass sie auch eine Mafia-Geschichte erzählen können. Dabei ist aber bestenfalls die Machart der Serie modern. Der Serienschöpfer, der Waliser Gareth Evans, gilt als Meister der harten Martial-Arts-Filme, wie dem indonesischen B-Movie "The Raid". Der Film wirkt mit den brutalen Kämpfen und den endlosen Schießereien wie eine Mischung aus Schundfilm und Tarantino, die mehr an Videospielästhetik erinnert.

Mehrere Personen stehen neben- und hintereinander 8 min
Bildrechte: Sky UK Limited
Mehrere Personen stehen neben- und hintereinander 8 min
Bildrechte: Sky UK Limited

Vor allem die Gewalt in "Gangs of London" wird von einigen Kritikern gefeiert, von Zuschauern jedoch oft als verstörend abgelehnt. Wie brutal ist die Serie denn?

So brutal, dass ich mehrere Male erwogen habe, die Serie einfach abzubrechen. Vor allem ist es eine sinnlose, sadistische und irgendwie kranke Brutalität, die sich am Leiden der Opfer ergötzt. Das ist vor allem deshalb so ärgerlich, weil "Gangs of London" darüber hinaus eine reine Genre-Serie ist, die eigentlich nichts über London, über aktuelle Politik und die Communities erzählt, die hier eine Rolle spielen. Hier werden Menschen verbrannt, mit Macheten zerhackt und brutal gefoltert. Das Ganze ist nach einer Weile ermüdend und immer völlig unrealistisch.

Zwei Männer kämpfen miteinander
Kampfszene aus "Gangs of London" Bildrechte: Sky UK Limited

Warum haben Sie dennoch weitergeschaut und wie erklären Sie sich die sehr wohlwollende Aufnahme bei weiten Teilen der Kritik?

Bei aller Ablehnung der Brutalität und der 0815-Story ist "Gangs of London" durchaus spannend und überzeugt teilweise auch mit guten Darstellern. Am stärksten ist die Serie, wenn sie als Familiendrama oder als Geschichte um Freundschaft und Verrat funktioniert. Manchmal gibt es auch wirklich tragische Momente. Am interessantesten ist die Figur eines afrobritischen Undercover-Cops, der sich in eine Frau verliebt, die einem Gangster-Clan angehört. Der Ermittler schmeichelt sich beim jungen Mafiaboss Sean Wallace ein, der völlig verwirrt ist. Aber immer wenn die Serie den Betrachter in den Bann zieht, beginnt eine neue Gewaltorgie. Warum so viele Kritiker Brutalität und Gewalt anziehend finden, verblüfft mich selbst. Sie sind oft abgestumpft und sprechen der Brutalität eine gestalterische Ebene zu, die es nicht gibt. Es scheint, als wollten sie sich und der Welt beweisen, wie sehr sie im Mainstream verhaftet sind.

Zwei Männer
Garry Cooper a-s Detective Chief Inspector John Harks Bildrechte: Sky UK Limited

Nun wird ja allein durch die rivalisierenden Gangs aus Albanien, Irland, Dänemark, Kurdistan, Wales, Pakistan und Afrika der multinationale Schmelztiegel London angedeutet. Warum hat Sie auch das nicht überzeugt?

Es wirkt aufgesetzt, übertrieben und sagt nichts über erfolgreiche Integration von Migranten oder Zugezogenen aus. Einzig und allein die Figur einer kurdischen Gangsterin, die mit dem Verkauf von Drogen für die Unabhängigkeit Kurdistans kämpft, ist halbwegs politisch. Aber ihr größter Feind sind nicht Türken sondern ein pakistanischer Crime-Lord. Wenn sie aber in einer Rückblende alleine eine Eliteeinheit besiegt, wird es wieder unrealistisch. Das einzig Authentische ist die Sprachenvielfalt: Man hat sich immerhin Darsteller ausgesucht, die aus den jeweiligen Regionen oder Ländern stammen. Bei Sky Deutschland hat man jedoch nicht viel davon, da alle Figuren deutsch durchsynchronisiert sind und die mehrsprachige Originalfassung – wie immer bei Sky – nicht nicht einmal englisch untertitelt ist.

Frau
Narges Rashidi als Heroin-Lieferantin Lale Bildrechte: Sky UK Limited

Wo ordnen Sie "Gangs of London" abschließend in der Serienlandschaft ein?

Die Serie kann weder mit modernen italienischen Mafiaserien wie "Gomorrha" oder "Suburbia" mithalten, noch mit britischen Gangsterserien wie "Peaky Blinders", die ästhetisch wirklich aufregend ist. Diese Serien sind in der Historie oder Gegenwart verankert. Sie sagen etwas über die Gesellschaft aus und verfügen über komplexe Charaktere, die einem unter die Haut gehen. "Gangs of London" hingegen ist eine typische Männerserie von Männern für Männer, voller Gewalt ohne Leidenschaft. Es wird eine zweite Staffel geben, aber damit ich mir diese anschaue, müssten sich einige Prämissen deutlich verschieben.

Das Gespräch führte Ilka Hein-Cronjaeger.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Juli 2020 | 16:10 Uhr