"Sechse kommen durch die Welt" Wie DEFA-Regisseur Rainer Simon Kritik an der DDR als Märchen verpackte

Er war einer der wichtigsten Regisseure der DDR: Rainer Simon, geboren in Hainichen bei Döbeln, wurde vor allem für seinen zeitweilig verbotenen DEFA-Spielfilm "Jadup und Boel" bekannt. Auch seine Verfilmung des Grimmschen Märchens "Sechse kommen durch die Welt", in dem sich sechs Helden gegen einen ungerechten König wehren, wurde weltweit zum Erfolg. Vor 50 Jahren wurde der Märchenklassiker, der als gesellschaftskritische Parabel auf die Welt der DDR gilt, u.a. auf Schloss Moritzburg gedreht.

Eine Szene aus einem Märchenfilm: Fünf Männer in verschiedenen Kostümen, die sich hinter Polstermöbeln verstecken.
Vor 50 Jahren wurde Rainer Simons DEFA-Märchenfilm "Sechse kommen durch die Welt" gedreht. Bildrechte: MDR/PROGRESS/Klaus Goldmann, Waltraut Pathenheimer

Ein eitler König feiert den Sieg nach dem Krieg. Seinen Sieg, wie er betont. Darum zeichnet er sich mit einem Orden aus, genauso wie seine drei Marschälle aus Holz. Und wirklich nur aus Holz und nicht, wie möglicherweise geglaubt werden könnte, mit irgendwelchen Zauberkräften gesegnet. Den Soldaten, die eigentlich den Sieg für den Monarchen errungen haben, begegnet er mit absoluter Gleichgültigkeit: "Wir hatten herrlich viele Tote, und ich will vergessen, dass ihr immer noch lebt. In meiner Gnade schenke ich jedem von euch als Zehrgeld zum Heimweg drei Heller."

Märchenklassiker auf Schloss Moritzburg gedreht

Nun sind wir in einem Märchenfilm, und da folgt die Strafe für so ein Verhalten faktisch auf dem Fuße. Einer der Soldaten versammelt eine fünfköpfige Schar um sich: einen Scharfschützen, einen Zaubergeiger, einen Schnellläufer, eine junge Frau, die es bitterkalt werden lassen kann, sowie einen besonders Starken. Gemeinsam bringen sie den König und dessen garstige Prinzessin um all ihre Besitztümer. Bis auf einen kleinen Rest. "Hier habt ihr drei Heller, Majestät. Jeder hat einmal klein angefangen", sagt einer der Soldaten.

Szene aus dem Märchenfilm "Sechse kommen durch die Welt": der Aufgang zu Schloss Moritzburg, der rechts und links von Soldaten gesäumt wird
"Sechse kommen durch die Welt" wurde u.a. auf Schloss Moritzburg und vor dem Leuchtturm in Moritzburg gedreht. Bildrechte: MDR/PROGRESS/Klaus Goldmann, Waltraut Pathenheimer

Brüder Grimm liefern Vorlage für DEFA-Regisseur

Als Rainer Simon 1972 die Brüder Grimm-Verfilmung "Sechse kommen durch die Welt" ins Kino bringt, ist das nach seinem Regie-Debüt "Wie heiratet man einen König?" von 1969 bereits sein zweites Märchen. Eigentlich ein Genre, dem er sich ursprünglich gar nicht zuwenden will, möchte sich der gebürtige Sachse doch lieber mit Gegenwartsstoffen befassen.

Aber der Regisseur Konrad Wolf gibt ihm einen wohlmeinenden Rat, erzählt Simon: "Nutzen Sie die Chance und machen Sie daraus, was Sie wollen. Er merkte noch an, dass man im Märchengenre ziemlich viele Freiheiten hätte, was sonst nicht immer der Fall sei, wie ich ja wisse. Lassen Sie ihrer Fantasie freien Lauf."

Szene aus dem Märchenfilm "Wie heiratet man einen König?": eine Prinzessin und ein Prinz lächeln sich an.
"Wie heiratet man einen König?" war Rainer Simons erste Märchenverfilmung Bildrechte: MDR/RBB/DEFA

Kinderfilm kritisiert unauffällig DDR-Verhältnisse

Simon nutzt diese Freiheiten. In welchem Maße er mit "Sechse kommen durch die Welt" die politischen Verhältnisse in der DDR kommentiert, liegt sicher im Auge des Betrachters, aber Einiges ist doch offensichtlich: Karikierend spitz nimmt Simon die Ordensverleihungspraxis aufs Korn, beschreibt die Allgegenwart der Lüge – und da ist der Titel: Seine Sechse kommen eben nicht wie bei den Grimms durch die ganze Welt. Das ist denen genauso wenig möglich wie dem DDR-Bürger.

Ich war überzeugt davon, es würde nichts schaden, wenn Kinderfilme das Leben so komplex darstellen, wie es ist.

Rainer Simon, Regisseur

Anspielungen, die sicherlich nur Erwachsene verstehen, obwohl sich der Film in erster Linie an Kinder wendet: "Ich war überzeugt davon, es würde nichts schaden, wenn Kinderfilme das Leben so komplex darstellen, wie es ist. Auch wenn die jungen Zuschauer nicht sofort alles verstünden. So simpel ist die Welt nicht, dass man immer gleich alles versteht und heil schon gar nicht.“

Zwei Männer in Anzügen halten bei einer Verleihung Preise in der Hand.
1985 erhielt Rainer Simon (rechts) für den Film "Die Frau und der Fremde" den Goldenen Bären auf der Berlinale – als einziger Regisseur der DDR. Bildrechte: dpa

Warum sich der Film "Sechse kommen durch die Welt" lohnt

Auch in ästhetischer Hinsicht macht es Simon dem Zuschauer nicht leicht. Seine Sechse durchziehen keinen unterhaltsamen Behaglichkeitshappen, sondern ein eher sperriger daherkommendes Märchen, das aufmerksam gesehen erobert werden will. So entsteht ein Werk, das der Betrachter immer wieder neu für sich entdecken kann. Und wer "Sechse kommen durch die Welt" überhaupt erst einmal entdecken muss, der sollte das unbedingt nachholen.  

Neuverfilmung des Märchens (2014)

Die Märchenverfilmung "Sechse kommen durch die ganze Welt" in der Regie von Uwe Janson aus dem Jahr 2014 basiert wie Rainer Simons Film auf einer Vorlage der Brüder Grimm. Die Neuverfilmung ist bis August 2023 in der ARD Mediathek verfügbar.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. August 2022 | 06:40 Uhr