Lexikon: Recht auf Abtreibung in der DDR Abtreibung in der DDR: Als die Volkskammer Schwangerschaftsabbrüche erlaubte

Gespräch mit Gudrun Loettel (Magdeburger Stadtmission e.V.)

Pädagogin Gudrun Loettel baute seit 1972 die Magdeburger Stadtmission e.V. der evangelischen Kirche auf, eine Beratung für Ehe-, Erziehungs- und Lebensfragen. Sie erinnert sich an die Einführung des "Gesetzes über die Unterbrechung der Schwangerschaft" durch die DDR-Volkskammer am 9. März 1972. Das Resultat: 14 Gegenstimmen und acht Enthaltungen. Mit diesem Gesetz wurden Abtreibungen in der DDR legalisiert und Frauen durften in den ersten zwölf Wochen selbst über einen Abbruch entscheiden.

MDR: Wie empfanden Sie damals dieses Gesetz, das den Schwangerschaftsabbruch legalisierte?

Loettel: Zuerst einmal muss ich sagen, der Text implizierte etwas, was nicht real war. Schließlich hieß es ja "Unterbrechung" und nicht "Abbruch" der Schwangerschaft. Nach dem medizinischen Eingriff kann ja ein Leben nicht weitergehen. Zum anderen war die damalige Abstimmung in der Volkskammer so etwas wie eine kleine Revolution. Das Gesetz galt offiziell als das i-Tüpfelchen der Gleichberechtigung der Frau und dagegen lehnte man sich auf.

Abtreibungen in der DDR

9. März 1972: Die DDR-Volkskammer beschließt das Gesetz "über die Unterbrechung der Schwangerschaft". Erstmals durften Frauen in den ersten zwölf Wochen nun selbst über einen Abbruch entscheiden. Mit 14 Gegenstimmen aus der CDU-Fraktion und acht Enthaltungen war es die einzige Abstimmung in der Geschichte des DDR-Parlaments vor der Wende 1989, die nicht einstimmig erfolgte.

Welche Rolle spielte dabei die Gleichberechtigung der Frau?

Ganz einfach. Sie konnte allein entscheiden, musste niemanden fragen und hatte schlicht gesagt das Recht den Abbruch ohne wenn und aber vornehmen zu lassen.

Im kirchlichen Rahmen wurde die offizielle Entscheidung zur Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs viel diskutiert ...

Wir in der Kirche empfanden auf der einen Seite das Gesetz als eine Befreiung, denn es gab für einen Schwangerschaftsabbruch keine strafrechtliche Verfolgung mehr. Doch trotzdem ging uns die Regelung zu weit. Das Verfahren als solches, das ja die Tötung von Leben sanktionierte, war in seiner Pauschalität moralisch und ethisch fragwürdig. Und so sahen es nicht nur gläubige Frauen. Den Schwangerschaftsabbruch bezeichnete das Gesetz zudem als eine Möglichkeit der Empfängnisverhütung. Das konnten wir so nicht hinnehmen. Die Kirche wollte die Frauen verstehen und nicht verteufeln, sie kritisierte in erster Linie die Art und Weise, wie die DDR ein "Problem" löste.

Wie erging es im Endeffekt den betroffenen Frauen?

Die blieben allein. Es gab Druck durch Eltern, den Freund oder Ehemann, die den Abbruch als etwas völlig normales sahen. Niemand kümmerte sich um ihre seelischen Probleme. Den Ärzten fehlte die Zeit zum Gespräch. Beratungsstellen gab es so gut wie nicht. Allein die Evangelische Kirche betrieb bei der Einführung des Gesetzes gerade einmal 16 Ehe- und Familienberatungsstellen in der ganzen DDR. Dazu kam, dass trotz der rechtlichen Regelung der Schwangerschaftsabbruch ein gesellschaftliches Tabuthema blieb. Er war legal, aber man sprach nicht darüber. Jeder Abbruch wurde regelrecht vor der Familie und vor Freunden geheim gehalten. Die seelischen Probleme wurden noch durch die schlechte Behandlung der Frauen in den Krankenhäusern verstärkt. Ärzte und Schwestern nahmen diese Pflichtaufgabe oft nur widerwillig an. Ich muss aber auch sagen, dass es viele christlich gebundene Ärzte gab, die es ablehnten, den Abbruch auszuführen, Ebenso weigerten sich die Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft.

Erstmals wurde das Interview im Jahr 1999 veröffentlicht.