Konkurrenzkampf-Studie der TU Dresden Sexuelle Selektion im Tierreich: Männchen stärker unter Druck

Harte Konkurrenz um die Weibchen: Im Tierreich lastet auf den Männchen ein weitaus größerer Selektionsdruck als auf den Weibchen. Das ergab eine Studie der TU Dresden. Evolutionäre Anpassungsprozesse könnten damit beschleunigt werden. Eine Hoffnung für in der Klimakrise bedrohte Tierarten.

Kämpfende Rothirsche.
Rothirsche kämpfen um Revier und Hirschkühe. Der Stärkere gewinnt nicht nur den Kampf, sondern auch den Wettbewerb um Paarungspartnerinnen. Bildrechte: imago images/alimdi

Sexuelle Selektion – was für alle Männchen im Tierreich erst einmal wie purer Stress klingt, könnte zugleich die Rettung für ganze durch die Klimakrise bedrohte Tierarten sein. Das zumindest vermuten Biologen der TU Dresden. In einer aktuellen Studie mit dem nationalen Wissenschaftszentrum (CNRS) in Montpellier (Frankreich) sowie der Karlstad Universität in Schweden fanden sie heraus, dass die Männchen im Tierreich unter weit größerem Druck stehen als die Weibchen.

Wie beeinflusst sexuelle Selektion Populationen?

Die Evolutionsbiologie nimmt bereits seit Langem an, dass sexuelle Selektion nicht nur Unterschiede zwischen den Geschlechtern der vielen Tierarten hervorruft, sondern auch die demographische Struktur einer Population sowie deren Anpassung an Umweltveränderungen beeinflusst, erklärt Erstautor Lennart Winkler von der TU Dresden. Dabei sei sexuelle Selektion als Auslese zu verstehen, die durch den Wettbewerb um Paarungspartner sowie um deren Fortpflanzungszellen (ihre Eier oder Spermien) entsteht.

Ringhalsfasane kämpfen im Feld während der Brutzeit im Frühjahr
Wer hat das schönste Gefieder, den vitalsten Körper, die beste 'Ausstattung'? Ringhalsfasane kämpfen im Feld während der Brutzeit im Frühjahr. Bildrechte: imago images/alimdi

Sexuelle Selektion als ultimative Kraft

"Seit fast einem Jahrhundert gehen Forscher davon aus, dass die sexuelle Selektion die ultimative selektive Kraft ist, die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Tieren prägt", sagt Biologe Winkler. Dazu gehörten zum Beispiel bunte Färbungen, Größenunterschiede zwischen den Geschlechtern und Verhaltensunterschiede. "Es ist jedoch nur wenig darüber bekannt, wie die sexuelle Selektion in Verbindung mit anderen Umwelteinflüssen die Populationsdemografie und die Anpassungsfähigkeit beeinflusst."

Auswertung von 55 Studien

Für ihre aktuelle Studie werteten Winkler und sein Team mit den Kolleginnen und Kollegen aus Schweden und Frankreich Daten aus 55 Studien über unterschiedliche Tierarten empirisch aus. Dabei fanden sie heraus, dass das Genom der Männchen häufiger mit einer stressigeren Umgebung konfrontiert ist. "Die Ergebnisse der aktuellen Studie zeigen, dass die Gesamtselektion typischerweise stärker auf Männchen als auf Weibchen wirkt", erklären die Forschenden. Sie sehen in ihren Ergebnissen eine entscheidende Chance.

Afrikanische Elefanten kämpfen an einem Wasserloch.
Tiermännchen auf der gesamten Welt haben das gleiche Problem: Sie müssen sich bei den Weibchen bewähren, um sich fortzupflanzen. Bildrechte: imago images/imagebroker

Kann der Selektionsdruck Anpassungen beschleunigen?

"Das könnte evolutionäre Anpassungen beschleunigen, weil für gewöhnlich die Produktivität einer Population vor allem von der Fertilität der Weibchen und nicht der der Männchen abhängig ist", erklärte Winkler. Eine stärkere Selektion auf Männchen würde schädliches 'Material' aus dem Genpool entfernt, ohne negative demographische Effekte zu haben. "Unsere Ergebnisse unterstützen daher die Idee, dass die sexuelle Selektion eine zentrale Rolle bei der 'evolutionären Rettung' spielen könnte", sagt Winkler. "Das wäre zum Beispiel für die Anpassung bedrohter Tierarten an die aktuelle Klimakrise entscheidend.“

Originalpublikation

Die Ergebnisse wurden kürzlich in der Open-Access-Fachzeitschrift ‚eLife‘ vorgestellt.

(kt)

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