Emissions- statt Energiefrei Haus der Zukunft: Null-Emissionen und 100 Prozent recycelbar

Wie lassen sich die Treibhausgas-Emissionen von Häusern in Europa am schnellsten senken? Immerhin machen Gebäude 25 Prozent der gesamten Emissionen aus. Eine Arbeitsgruppe empfiehlt Nullemissions- statt Nullenergiehäuser. Was bedeutet das für die Art wie wir Bauen und Wohnen?

Blick über die Dächer einer Stadt
Bildrechte: imago/Xinhua

25 Prozent der Treibhausemissionen Europas entstehen durch den Energieverbrauch von Gebäuden. Wenn wir das ändern wollen, müssen unsere Häuser schnell anders aussehen. Forscher haben eine Idee: Nicht das Null-Energie-Haus ist der Weg zu weniger Emissionen, sondern das Haus, das beim Bau und Betrieb keine Emissionen erzeugt. Zu diesem Schluss kommt eine Arbeitsgruppe des European Academies Science Advisory Councils (EASAC) in einer aktuellen Analyse. Darin beschreiben die Wissenschaftler, wie sich die Treibhausgas-Emissionen von Gebäuden schnellstmöglich senken ließen. "Gebäude sollten so konzipiert werden, dass sie am Ende ihrer 'Lebensdauer' demontiert und das Material recycelt" werden könne, heißt es in dem Bericht.

"Der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft würde es nicht nur ermöglichen, den Ressourcenverbrauch und den CO2-Fußabdruck zu reduzieren, sondern auch, das Abfallproblem anzugehen", sagt Prof. Brian Norton, führender Energieforscher am Tyndall-Institute (Irland), der an der Studie mitgearbeitet hat. Statt Neubauten solle auf Wiederverwertung bestehender Bauten gesetzt werden. "Schätzungsweise 75 Prozent der Gebäude, in denen die Europäer leben, haben eine schlechte Energiebilanz. Um sie zu sanieren, wären 146 Millionen Renovierungen in nur 30 Jahren erforderlich."

Was ist die EASAC?

Der European Academies Science Advisory Council ist der Wissenschaftsbeirat der Europäischen Akademien der Wissenschaften. Er definiert sich als Stimme unabhängiger Wissenschaftsberatung sowohl für die Politik der einzelnen europäischen Länder als auch der EU. Der Beirat vereint die Nationalen Wissenschafts-Akademien der EU-Mitgliedstaaten, Norwegens, der Schweiz und des Vereinigten Königreichs.

Um Klimaneutralität zu erreichen, müssten in der gesamten EU mehr als 90.000 Häuser pro Woche renoviert werden. Gefordert wird in dem Bericht weiter, die Energieversorgung bis 2030 auf erneuerbare Energien umzustellen. Auf synthetische Brennstoffe wie künstliches Methan und auch auf Wasserstoff müsse weitgehend verzichtet, Baustoff-Recycling und klimaneutral hergestellte Baustoffe benutzt werden. Es brauche einen Ausbau und die Modernisierung der Bauindustrie, um mit Kreislaufmodellen zu arbeiten. Das bringe drei Millionen zusätzliche Arbeitsplätze, inklusive hochqualifizierter Arbeitsplätze, um neue und renovierte Gebäude mit nahezu null Treibhausgas-Emissionen zu liefern. Auch Sonnenlicht-Nutzung und automatische Lüftungen könnten helfen, den Energiebedarf zu senken, sagen die Forscher darin unter anderem. Wie wird das Papier in der Fachwelt aufgenommen?

Außenansicht des Plusenergiehaus auf dem Burgplatz in Essen.
Das Plus-Energiehaus in Essen liefert dank Solarzellen und Wärmetauscher mehr Energie, als es braucht. Nicht miteinberechnet sind aber die Emissionen für die Bereitstellung der verwendeten Materialien. Bildrechte: IMAGO / Sven Simon

Zustimmung vom Institut für Wirtschaftsforschung

Prof. Dr. Claudia Kemfert ist Leiterin der Abteilung "Energie, Verkehr und Umwelt" am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin. Zur Umsetzung des Berichts empfiehlt sie: "Um die Wärmewende in Deutschland zu erreichen, sollte das Null-Emissions-Gebäude verpflichtend und die energetische Gebäudesanierung samt Solaranlagen für Dächer finanziell stark gefördert werden. Ökostrom für Wärmepumpen sollte von Abgaben und Umlagen befreit werden."

Skepsis im Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg: "Lapidare Forderungen"

Ein Nullenergiehaus in Tianjin von Außen.
Haus "Sunflower": Ein Null-Energie-Haus mit automatischer Steuerung für konstante Temperatur und Luftfeuchtigkeit, das vollständig mit Solarenergie betrieben wird. Bildrechte: IMAGO / Xinhua

Dr. Martin Pehnt, wissenschaftlicher Geschäftsführer und Fachbereichsleiter Energie am Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg bemängelt dagegen an dem Bericht, dass Hinweise für die Umsetzbarkeit sämtlicher Forderungen fehlen. Die Forderungen wertet er als "lapidar". Wie ließe sich das anhaltende Wachstum der Pro-Kopf-Wohnfläche verlangsamen? Wie ließe sich diese Wärmewende sozial verträglich umsetzen bei Mietern mit niedrigen Einkommen? Woher sollen all die Fachkräfte kommen? In der Praxis werde derzeit bei Fassadenreparaturen an Wohngebäuden nur bei jedem dritten Gebäude Dämmungen angebracht, bei Nicht- Wohngebäuden sogar nur an jedem fünften.

Universität Siegen: Bericht bleibt hinter Erwartungen zurück

Prof. Dr. Lamia Messari-Becker ist Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik, Department Architektur, Universität Siegen und Ehemaliges Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen. Auch ihr geht der Bericht nicht weit genug. Sie sagt: "Die Studie bleibt hinter den Erwartungen an eine echte Wärmewende zurück. Ohne eine diversifizierte Energiewende und ohne direkte erneuerbare Wärme taumeln wir weiter auf falschen und teuren Pfaden mit wenig Wirkung. Strom ist nicht das neue Öl – Wasserstoff ist genauso eine Option, sowohl im Gebäude als auch auf Quartiersebene." Für eine erfolgreiche Bauwende brauche man einerseits mehr Technologieoffenheit und Innovationen innerhalb ökologischer Leitplanken, andererseits aber auch Reformen des Baurechts und der Förderpolitik.

Der Bericht

Den Bericht "Dekarbonisierung von Gebäuden: für Klima, Gesundheit und Arbeitsplätze" finden Sie hier auf den Seiten der EASAC als pdf.

(lfw/smc)

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