Fehlerkultur Die Macht der Schuld und die hohe Kunst des Entschuldigens

Die fremde Person im Bus, der man versehentlich auf den Fuß tritt. Die Verabredung mit einer Freundin, die man schlichtweg vergessen hat. Der Partner, dessen Gefühle man im Streit verletzt, oder die Kollegin, die man hat hängenlassen – kleine Missgeschicke im Alltag, aber auch handfeste moralische Fehltritte haben wir uns alle schon geleistet. Und wir wissen genau: Nun wäre eine Bitte um Entschuldigung angebracht. Doch das ist manchmal gar nicht so einfach – und es lauern eine Menge Fallstricke.

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Die Illustration zeigt einen jungen Mann mit Brille, Bart, kurzen dunklen Haaren und einem grauen Shirt.
Bildrechte: MDR/Jessica Brautzsch
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"Man braucht Eier, um sich und anderen einzugestehen, dass man einen Fehler gemacht hat!" – So bringt Annegret Wolf, Psychologin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, auf den Punkt, was sie oft beobachtet: "Sich entschuldigen zu müssen ist sau-unangenehm und kann richtig schmerzhaft sein. Wenn man Leute beobachtet, etwa bei öffentlichen Reden, hat man oft das Gefühl: Die haben richtig körperliche Schmerzen, wenn sie sagen wollen: Es tut mir leid!"

Die physische Last von Scham und Schuld

Körperliche Schmerzen, nur, weil man Mist gebaut hat und nun "Sorry" sagen soll? Das klingt erstmal übertrieben, doch im Kern steckt darin eine verblüffende Wahrheit: Das schlechte Gewissen lastet tatsächlich physisch auf uns.

Wenn man sehr lange damit lebt, jemanden verletzt zu haben und niemals die Möglichkeit hatte, sich zu entschuldigen, dann kann sich das körperlich enorm auswirken.

Annegret Wolf, Psychologin, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Dieser Druck wirkt sich also nicht nur auf der mentalen Ebene auf unsere Gesundheit aus, erklärt Annegret Wolf: "Und zwar in dem Sinne, dass etwa der Stresshormon- und der Cholesterin-Spiegel ansteigen oder man tatsächlich Schmerzen empfindet durch die Angst, ausgegrenzt zu werden."

Die Angst vor sozialen Sanktionen

Der Stress, dem wir nach einem Fehlverhalten ausgesetzt sind, fußt auf zwei verschiedenen Komponenten: Zum einen ist da die Angst, für die eigene Missetat geächtet zu werden, sowohl von der Person, der man etwas angetan hat, als auch von Außenstehenden. Wir fürchten, dass eine Freundschaft, eine Partnerschaft, ein Jobverhältnis an unserem Verhalten zerbrechen könnte, was uns in unserem Bedürfnis nach sozialem Eingebundensein zutiefst schmerzt.

Deshalb sind Schuldgefühle so eng verbunden mit evolutionär gewachsenen Emotionen wie Angst und Scham: Wir haben die Regeln und Werte der Gruppe verletzt und fürchten nun, ihr deshalb nicht weiter angehören zu dürfen, was – heute sicher weniger, in der frühen Menschheitsgeschichte dafür umso mehr – eine handfeste Bedrohung des eigenen Überlebens darstellen kann.

Risse im Selbstbild

Annegret Wolf Psychologin Martin-Luther-Universität Halle
Für eine Entschuldigung braucht es Eier, sagt Psychologin Annegret Wolf. Bildrechte: Christine Reißing

Die andere Komponente, die Schuldgefühle so schmerzhaft macht, ist die sogenannte "kognitive Dissonanz". Psychologin Annegret Wolf erklärt, was sich dahinter verbirgt: "Eine Auseinandersetzung mit den eigenen Fehlern kann eine Bedrohung des Selbstwertes bedeuten. Und es bedeutet Stress, wenn ich ein Idealbild von mir habe, zu dem mein Verhalten nicht passt. Dann muss ich versuchen, mein Idealbild dennoch aufrecht zu erhalten, und das ist natürlich enorm belastend."

Die Vorstellung, wie wir sein wollen und sollten, zusammenzubringen mit einer Handlung, die zu dieser Vorstellung so gar nicht passen will: das ist für unsere Psyche eine große Herausforderung, die sich manchmal nur schwer ertragen lässt.

Warum uns das Entschuldigen so schwerfällt

Mentaler Stress, körperliche Reaktionen, gefährdete soziale Beziehungen: Wir ersparen uns also einiges, wenn wir versuchen, unsere Schuld aus der Welt zu schaffen, indem wir um Verzeihung bitten. Gleichzeitig stellt aber genau dieser Schritt für viele Menschen eine große Hürde dar, denn wir entschuldigen uns nur ungern.

Neben der genannten Gefahr für das eigene Selbstbild, beschreibt die US-amerikanische Psychologin Karina Schumann in einer Studie noch weitere Faktoren, warum uns eine Entschuldigung oftmals so schwerfällt: etwa ein schwaches Selbstwertgefühl und damit einhergehende Unsicherheiten, Narzissmus, ein mangelndes empathisches Interesse am Gegenüber oder die Befürchtung negativer Szenarien, etwa, dass die Bitte um Entschuldigung nicht angenommen werden könnte.

Frauen sagen häufiger "Sorry"

Diese Barrieren sind natürlich bei jedem Menschen individuell ausgeprägt, es lassen sich jedoch Muster erkennen. So weisen mehrere Studien nach, dass Frauen offenbar häufiger um Entschuldigung bitten als Männer. Dafür seien Frauen häufig schlechter im Vergeben, sagt die Psychologin Annegret Wolf: "Das liegt sicherlich auch an der Emotionalität hinter dem Thema, dass Frauen da mitunter einen Hauch nachtragender sind. Und ältere Menschen können wiederum wesentlich besser vergeben als jüngere. Dahinter steckt sicherlich auch ein Harmoniebedürfnis, gespeist aus der Sorge, Beziehungen aufgeben zu müssen, die vielleicht im Alter ohnehin schon rarer vorhanden sind."

Das Machtgleichgewicht (wieder)herstellen

Fest steht: Um Verzeihung bitten wie auch das Verzeihen selbst haben positive Effekte. Untersuchungen der Psychologin Karina Schumann zufolge lassen sich so beschädigtes Vertrauen und Wertschätzung auf beiden Seiten wiederherstellen.

Als weiteren positiven Aspekt nennt die Psychologin Annegret Wolf noch das Gefühl der Selbstwirksamkeit: Wer sich entschuldigt, kommt ins Handeln, stellt sich seiner Verantwortung und gibt dabei seinem "Opfer" die Chance, den weiteren Verlauf nun selbst zu gestalten.

"Wenn wir um Vergebung bitten, geben wir dieser anderen Person Kontrolle und letztendlich auch eine gewisse Macht: Du bist jetzt am Zug, um zu entscheiden, ob es wieder etwas wird mit uns beiden." Das Opfer, das vorher hilflos einer negativen Handlung ausgesetzt war, wird also in eine Rolle des Bestimmenkönnens versetzt – was für die gemeinsame Beziehung durchaus heilsam sein kann.

Wie geht die perfekte Entschuldigung?

Dass eine Bitte um Verzeihung positive Effekte haben kann, ist also wissenschaftlich belegt. Doch wie stellt man das nun am besten an? Auch dazu kennt die Forschung Antworten. Wissenschaftler der Ohio State University in den USA haben sechs Stufen herausgearbeitet, die zu einer funktionierenden Entschuldigung gehören.

Die sechs Stufen einer guten Entschuldigung 1. Den Fehler benennen und dein Bedauern ausdrücken
2. Erklären, was falsch gelaufen ist
3. Den Fehler eingestehen und Verantwortung dafür übernehmen
4. Reue zeigen
5. Wiedergutmachung bzw. Verhaltensänderung anbieten
6. Um Vergebung bitten

Die Rechtfertigungsfalle

So einfach diese sechs Schritte klingen: In der Praxis gibt es dennoch Fallen, in die viele Menschen tappen, wenn sie sich entschuldigen wollen. So neigen wir beispielsweise beim Punkt "Erklären" oftmals dazu, uns zu vergaloppieren, sagt der Kommunikations-Coach Karsten Noack aus Berlin:

Ganz wichtig: Keine Ausreden! Immer wieder erlebe ich, dass Leute denken, sie hätten sich entschuldigt – dabei haben sie nur eine Ausrede geliefert.

Karsten Noack, Kommunikations-Coach aus Berlin

Als Empfänger wolle man an dieser Stelle überhaupt keine Begründung hören. Stattdessen wolle man hören, dass derjenige versteht, dass es anders hätte laufen sollen.

Kommunikations-Coach Karsten Noack im Portrait.
Die persönliche Entschuldigung ist immer die beste, sagt Kommunikations-Coach Karste Noack. Bildrechte: MDR/Karsten Noack

Ein weiteres Problem sieht Noack im Aufrechnen: "Ganz häufig sagen Leute: 'Tut mir leid, aber du machst sowas ja auch andauernd!'. So ein 'Auge um Auge, Zahn um Zahn' ist jedoch eine schlechte Voraussetzung für eine bessere Beziehung." Was also tun, um der Rechtfertigungsfalle zu entgehen? "Ich erlebe häufig, dass nach der Entschuldigung noch ewig weitergeredet wird. Und dann kommen meistens die Ausreden." Noacks Empfehlung lautet daher schlichtweg:

Um Entschuldigung bitten und dann: Klappe halten und wirklich zuhören.

Karsten Noack, Kommunikations-Coach aus Berlin

Das richtige Timing

Doch auch, wer die sechs Punkte einer guten Bitte um Entschuldigung perfekt erfüllt, kann immer noch Fehler machen. Ein wichtiger Faktor ist etwa das richtige Timing. Aber wann ist ein guter Zeitpunkt, um einen Fehler einzugestehen und um Verzeihung zu bitten? Ein Patentrezept nach dem Motto "Nach X Tagen sollte es soweit sein..." kann die Forschung natürlich nicht liefern – dafür sind die jeweiligen Schuldsituationen und Beziehungen schlicht zu vielfältig. Grundlegend gilt aber: Lieber erstmal Zeit nehmen, statt zu früh das Gespräch zu suchen.

Denn, sagt die Hallenser Psychologin Annegret Wolf: "Entschuldigen heißt mehr als 'Es tut mir leid', sondern das ist ein total tiefgreifender, zukunftsgerichteter Reflexionsprozess – auf beiden Seiten." Und dieser Prozess brauche Zeit. Wer vorschnell mit einem dahergesagten "Entschuldige bitte" um die Ecke komme, laufe Gefahr, unaufrichtig zu wirken.

Beide Seiten müssen bereit dafür sein

Auch Aufrichtigkeit ist ein wesentliches Element bei einer Bitte um Entschuldigung. Die aber, so Wolf, bekommt man nur hin, wenn man sich ausreichend Zeit nimmt, um über das Geschehene nachzudenken und die eigene Verantwortung zu begreifen.

Man muss reif dafür sein. Wie eine gute, reife Avocado!

Annegret Wolf, Psychologin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Zeit und Aufrichtigkeit – diese Faktoren seien auf beiden Seiten einer Entschuldigung wichtig: "Man muss einfach auf beiden Seiten bereit sein: sich zu entschuldigen, wenn man das Ganze reflektiert hat. Und man muss auch bereit sein, zu vergeben. Sonst funktioniert es nicht."

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