Podcast: Meine Challenge Warum weinen wir eigentlich?

Wer weint, ist traurig oder gerührt, verzweifelt, wütend oder glücklich. Doch während manche Menschen nah am Wasser gebaut sind, weinen andere fast wie nie. Auch bei MDR WISSEN-Podcasterin Daniela Schmidt kullern nur selten Tränen – und wenn, dann weint sie still und heimlich für sich allein. Doch warum verbieten wir uns im Alltag oft das Weinen? Das will Daniela Schmidt in ihrer aktuellen Challenge herausfinden: Warum weinen wir überhaupt? Was macht das Weinen mit uns und unseren Mitmenschen?

Zuerst die harten Fakten: Eine Studie der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft – also der Gesellschaft für Augenheilkunde – sagt: Frauen weinen im Schnitt bis zu 64 Mal im Jahr, Männer deutlich weniger – nur bis zu 17 Mal. "Auch bei mir fließen natürlich immer mal wieder Tränen. Aber ich bin da eher unterdurchschnittlich unterwegs", erzählt Daniela Schmidt. "Ich hatte sogar mal eine Phase, da habe ich fast eineinhalb Jahre nicht geweint."

Wäre es ungesund, wenn man überhaupt nicht mehr weinen würde? Weinen ist eine körperliche Reaktion, deren Ergebnis Tränen sind. "Es gibt einige Erkrankungen, die dazu führen, dass die Tränenflüssigkeit sehr wenig wird oder ganz versiegt. Und das führt dann zu einer Austrocknung der Hornhaut", erklärt Horst Helbig, Direktor der Klinik für Augenheilkunde am Uniklinikum Regensburg. Der Experte betont, dass Tränen nicht nur produziert werden, wenn wir traurig sind. Sondern andauernd – es geht gar nicht anders.

Bilder aus der Kindheit wirken nach

Dabei können biologisch gesehen Männer und Frauen gleich viel weinen – erstere tun es aber prinzipiell deutlich seltener. Warum ist das so? "Viele von uns haben gelernt 'sei keine Heulsuse' oder 'Männer weinen nicht'", erklärt Andreas Knuf, Diplompsychologe und Psychotherapeut aus Konstanz. Früher seien in der Kinder- und Jugendzeit Tränen vor allem bei Jungs eher negativ bewertet worden. "Da ist es naheliegend, dass ich mich als Mann mit meinen Tränen nicht zeigen will."

Diplom-Psychologe und Psychotherapeut Andreas Knuf im Portrait.
Der Diplom-Psychologe und Psychotherapeut Andreas Knuf Bildrechte: MDR/Andreas Knuf

Die Forschung sagt: Die prägenden Bilder aus der Kindheit sind einer der Gründe dafür, warum Männer statistisch so viel weniger weinen als Frauen. Weil sie mit anderen Gender-Rollen erzogen worden: "Sei stark!" "Sei keine Memme!" Ein weiterer Grund für dieses Phänomen liegt darin, dass sich Frauen öfter traurigen Reizen aussetzen als Männer – also zum Beispiel einer dramatischen Schnulze oder einem todtraurigen Lied. Das rate er Klienten gelegentlich, wenn sie im Trauerprozess nicht an den Schmerz herankommen, erzählt Andreas Knuf: "Dann empfehle ich, Fotos anzuschauen oder ein gemeinsames Lieblingslied zu hören, um darüber den Zugang zu erleichtern."

Weinen als wichtiges soziales Bindemittel

Zwei zentrale Erkenntnisse nimmt Daniela Schmidt mit aus ihrer Challenge. Erstens: "Ich habe diese Challenge nicht geschafft. Es ist mir nicht gelungen, meinen Tränen besser freien Lauf zu lassen, sie bewusst hervorzukitzeln." Das ist aber auch nicht schlimm, denn Weinen heißt nunmal: Es NICHT immer kontrollieren zu können.

Aber sie hadert auch nicht damit, dass sie diese Challenge verloren hat. Denn sie hat gelernt – Punkt zwei: So rein körperlich ist es überhaupt nicht schlimm, mal nicht weinen zu können, auch über längere Zeiträume. Das macht uns nicht krank. Aber: Weinen ist ein wahnsinnig wichtiges soziales Bindemittel, das uns helfen kann, Unterstützung zu kriegen und unsere Beziehungen zu vertiefen. Darum sollte man sich auch nicht seiner Tränen schämen – denn damit wirkt man menschlich, empathisch und ehrlich.

cdi/ds/tj