Gesundes Leben Für wen ist Barfußlaufen gesund?

Niemand denkt aktiv darüber nach, aber alle tun es jeden Tag: Gehen. Wer dabei viel auszuhalten hat, sind unsere Füße. Sie tragen unser ganzes Körpergewicht und das unser ganzes Leben lang. Spricht man darüber mit Fuß-Expertinnen und Experten, sind die sich einig: Damit Füße das aushalten, brauchen sie flexibles Schuhwerk und hin und wieder etwas Freilauf. Barfuß zu laufen kann gesund sein. Nur für wen und wie viel? Fuß-Expertinnen und Experten geben Antwort auf diese Fragen.

Frauen genießen die Abendsonne und die hohen Temperaturen auf einer Mauer am Mainufer
Wenn es warm ist, streifen wir gerne die Schuhe ab. Hin und wieder tut das Füßen gut, weil sie so den Untergrund viel stärker wahrnehmen. Bildrechte: IMAGO / Westend61

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Die Illustration zeigt einen jungen Mann mit Brille, Bart, kurzen dunklen Haaren und einem grauen Shirt.
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Wo kann es gesund sein barfuß zu laufen?

"Ich laufe im Garten auf dem Rasen barfuß, weil das erstens ein schönes Gefühl für den Fuß ist, der den Boden wahrnimmt. Und zweitens, weil beim Barfußlaufen der Fuß selber viel mehr gefordert wird, als wenn man einen Schuh mit einer ganz stabilen Bettung trägt", sagt Boris Wesseler, Orthopäde und Facharzt für Unfall- und Fußchirurgie am Diakonissenkrankenhaus in Leipzig. So bekommt der Fuß wieder etwas mehr Training und es bilden sich Muskeln aus.

Orthopäde Boris Wesseler hält den ausgestreckten Fuß einer Patientin in den Händen und tastet ihn ab.
Ob groß, klein, breit oder krumm - trotz ungewöhnlicher Formen können Füße sehr gute Dienste leisten, sagt Orthopäde und Fuß- und Unfallchirurg Boris Wesseler. Bildrechte: MDR/Kay Zimmermann

"Natürlich ist das hier in einem städtischen Leben nicht so ganz einfach. Hier sind Glasscherben und hier ist viel Dreck." Die Stadt ist nicht der ideale Ort für nackte Füße, denn die Fußsohlen sind empfindlich und können sich schnell verletzen, erklärt Boris Wesseler. So wiesen Wissenschaftler aus den USA in einer einjährigen Untersuchung unter anderem nach, dass Jogger, die barfuß liefen sich häufiger an der Fußsohle und an den Waden verletzten als Jogger mit Schuhen. (Die Verletzungsrate insgesamt in beiden Gruppen blieb jedoch gleich hoch, da Barfuß-Jogger weniger Probleme an Knien und Hüften zeigten.) Wer dennoch auf den Wegen zur Arbeit oder zu Freizeitaktivitäten etwas für seine Fußmuskulatur tun will, dem empfiehlt Boris Wesseler auf Barfußschuhe zurückzugreifen.

Wer ist nicht der Typ fürs Barfußlaufen?

Ab und an barfuß zu laufen ist gesund. Doch nicht jeder Fuß ist darauf ausgerichtet. "Wenn der Fuß an speziellen Stellen schon überlastet ist, rate ich davon ab, da Überlastungen so noch mehr zum Tragen kommen, als wenn man Schuhe anhat", erklärt Boris Wesseler. Wer zum Beispiel einen Knick-Senkfuß oder Plattfuß hat, dem schadet es eher barfuß oder in Barfußschuhen zu laufen.

Für Unerfahrene gibt es einen simplen Trick, um herauszufinden, ob die eigenen Füße dafür geeignet sind.

Wenn man in Flip-Flops läuft und da keine Schmerzen hat, kann man eigentlich guten Gewissens mit solchen Barfußschuhen laufen.

Wenn man allerdings schon in Flip-Flops Schmerzen bekommt und feststellt, unter den Köpfchen der Mittelfußknochen oder am Fuß-Innenrand tut es weh, rät Boris Wesseler eher vom Barfußlaufen abzusehen.

Welche Rolle spielen Knie und Hüfte?

Wer zum Beispiel seine Hüftmuskulatur durch gezieltes Training stärkt, hat auch beim Barfußlaufen bessere Karten weniger erschöpft zu sein. "Die Hüftmuskulatur ist extrem entscheidend", erklärt Physiotherapeutin Peggy Achsnick. Sie arbeitet seit über zehn Jahren als Physiotherapeutin in Leipzig und hat sich auf den Fuß spezialisiert. "Wenn ich zum Beispiel mit dem Knie nach innen weiche, weil meine Hüftmuskulatur das nicht gut halten kann, dann muss der Fuß das kompensieren. Denn der Fuß muss trotzdem seine Aufgabe machen", erklärt sie. Die Füße isoliert vom Rest des Beins zu betrachten, ist nicht zielführend. Gerade wer Barfußlaufen möchte, sollte sich vergewissern, auch sonst beim Gehen nicht Knie oder Hüften einseitig zu beanspruchen.

Neuro-Orthopäde Andreas Albath an seinem Schreibtisch.
Neuro-Orthopäde Andreas Albath rät zu Bewegung für gesunde Füße. Bildrechte: MDR/maxpress/Pleger

Es ist eine Frage der Muskelkraft, bestätigt auch Neuro-Orthopäde Andreas Albath. Der gelernte Physiotherapeut arbeitet für einen Anbieter von Reha-Technik und beschäftigt sich in erster Linie mit Gehbeschwerden. Mithilfe einer sogenannten Gang-Analyse, bei der der Körper beim Gehen per Video aufgezeichnet und hinterher ausgewertet wird, kann Andreas Albath feststellen, ob Knie und Hüfte ihre Aufgaben erfüllen. Das Barfußlaufen empfiehlt er allerdings nur Personen, bei denen Hüfte und Knie gut zusammenspielen. Beim Gehen spielt schließlich auch die Biomechanik eine Rolle.

Auf welche Körpersignale sollte ich achten?

"Wir interagieren beim Gehen mit unserem Körpergewicht und der Schwerkraft und ganz viel Energie, die wir dem Fußboden wiedergeben. Die kriegen wir eins zu eins zurück. Und es muss die Aufgabe des Körpers sein, das in Strukturen abzuleiten, die damit umgehen können." Deshalb empfiehlt sich selbst für sportliche Personen, es langsam anzugehen, auf Körpersignale zu achten und keine allzu langen Strecken für den Anfang einzuplanen, damit sich der Körper an die veränderten Bewegungsabläufe und Belastungen gewöhnen kann.

Reagiert der Körper gut, könne man die Belastung langsam steigern. Und damit auch die Wahrnehmung des Fußes trainieren, so Andreas Albath.

Barfußlaufen ist toll für die Wahrnehmung. Wenn Sie keine Durchblutungs-Probleme oder Diabetes haben, ist Barfußgehen super.

Neuro-Orthopäde Andreas Albath

Besonders wechselnde Untergründe fordern den Fuß, der sich so anpassen muss. Sein anatomischer Aufbau gewährleistet die Anpassung an diesen Wechsel zwar, mit Schuhen und bei wenig Übung büßen wir diese Fähigkeit allerdings über die Zeit ein. Schließlich laufen wir weniger im Vergleich zu unseren Vorfahren im Gras, auf Waldboden oder auf sandigen Untergründen. Barfußlaufen kann daher helfen, so der Neuro-Orthopäde, "dass auch die Wahrnehmung des Fußes wieder gesteigert wird, vor allem die Tiefensensibilität". Also die Empfindung von Lage, Haltung und Bewegungen des Körpers, die Stellung von Gelenken und das Zusammenspiel der Zehen und Fußgewölbe beispielsweise.

Sport statt Pille Vorschaubild 45 min
Sport statt Pille Vorschaubild Bildrechte: MDR WISSEN/Panthermedia

Was lässt sich sonst für gesunde Füße tun?

Wer seinen Füßen etwas Gutes tun möchte, aber partout nicht auf Schuhe verzichten will, kann tagsüber hin und wieder kleine Bewegungseinheiten einlegen und viel Sitzen vermeiden. "Das Sitzen ist ja nicht nur für Hüfte und Becken nicht gut. Wenig Bewegung ist insgesamt auch für Körperstrukturen nicht schön", erklärt Neuro-Orthopäde Andreas Albath. "Der Körper baut ab, was er nicht braucht. Und strukturiert sich entsprechend um, wenn wir andere Sachen wieder mehr nutzen." Für wen das Barfußlaufen also jetzt noch nichts ist, der kann getrost auch in ein paar Jahren mit etwas Übung damit beginnen.

Der Körper, so der gelernte Physiotherapeut, ist erstaunlich formbar und unsere Füße sehr anpassungsfähig. "Es ist eine unglaublich tolle Funktionseinheit. Was der Fuß leistet, ist irrsinnig." Wer seine Füße dafür hin und wieder belohnen möchte, darf sich nach dem Barfußlaufen auch mal eine Massage gönnen und zwischen den Zehen zum Beispiel Reflexzonen berühren. Egal, ob nach einem Tag in Schuhen oder barfuß – für eine Massage dankt wohl jeder Fuß.

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