Spiele-Forschung Wer gern spielt, kann Krisen besser meistern

Spiele lassen uns abtauchen in andere Welten, schaffen Teamfähigkeit und bringen gute Laune. Aber sie sind für unsere grauen Zellen auch eine echte Herausforderung. Spieleforscher*innen erklären, warum Brettspielen einem Gehirnjogging gleichkommt und Gewinnenwollen nicht gleich heißt, den anderen gerne verlieren zu lassen.

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Die Illustration zeigt einen jungen Mann mit Brille, Bart, kurzen dunklen Haaren und einem grauen Shirt.
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Spielen trainiert den Kopf

Sich wie in Dixit darin zu messen, passende Assoziationen zu Bildern zu finden, oder doch lieber auf Schnelligkeit seine Handkarten darauf zu checken, was sie Brauchbares bieten, um ein Monster zu töten wie bei 5-Minute Dungeon – wer gerne spielt, sagen Psycholog*innen und Spieleforscher, hat sich eine ganz wichtige Grundlage geschaffen, Krisen im Leben zu meistern. Denn Spielen erzeugt – egal ob bei kniffeligen Situationen in der Familienplanung oder bei schwierigen Entscheidungen im Job – eine spielerische und experimentierfreudige Grundhaltung, die sich überträgt.

Eine blonde Frau hält Spielwürfel in den Händen
Christina Valentiner-Branth gründete in Hamburg die Brettspielakademie. Bildrechte: MDR/Christina Valentiner-Branth

Familientherapeutin Christina Valentiner-Branth rät zum Spielen. Schlechte Phasen lassen sich so am besten mit Spielen überbrücken. Denn: "Wenn wir sagen, ich erlaube mir etwas auszuprobieren, zu scheitern und Fehler zu machen, weil es in Konsequenz gar nicht so schlimm ist, hilft uns das aus einem Stimmungstief heraus."

Außerdem trainieren wir, uns in andere hineinzuversetzen. Beim Spielen müssen wir ständig neue Strategien entwickeln. Wir müssen umdenken und flexibel denken, erklärt die Familientherapeutin und Journalistin. Wer also meint, beim Spielen fokussiere man sich aufs eigene Weiterkommen, der fehlt. Natürlich geht es ums Gewinnen – aber eben nicht nur. Darin liegt eine gewisse Ambivalenz, die es auszuhalten gilt.

Wir kalkulieren ständig die Interessen der anderen Spieler mit ein. Damit fördern wir nicht nur das flexible Denken, sondern auch das sozial-empathische.

Familientherapeutin Christina Valentiner-Branth

Bei Kooperationsspielen wird das sogar auf die Spitze getrieben, da hier zusammengearbeitet werden muss. Hier gibt es keine Alternative, als die Spielart und Vorgehensweise des Co-Spielers zu verstehen und darauf einzugehen.

Verlieren muss man üben

Die Liste der Fähigkeiten, die beim Spielen erlernt werden, geht aber noch weiter. Trainiert werden nämlich auch die sogenannten exekutiven Funktionen im Gehirn. Die benötigen wir zum Beispiel zur Impulskontrolle, um zu lernen, dass es nicht schlimm ist, wenn wir bei einer Partie Wizard unsere Trumpfkarten zum falschen Zeitpunkt ausgespielt haben und nun auf die Stiche, auf die wir gesetzt haben, verzichten müssen. "Die Gefühle, die dabei aufkommen, sind doof. Wir lernen aber im Laufe des Lebens, damit besser umzugehen. Verlieren muss man üben", sagt Christina Valentiner-Branth.

Spiele-Kenner Jens Junge im Portrait.
Jens Junge baute ein eigenes Archiv für Spiele auf. Sein Bestand: 42 000 Brettspiele. Bildrechte: MDR/Jens Junge

Genau so ist es bei Kooperationsspielen, die so kompliziert sind, dass Spielende daran regelmäßig scheitern, erklärt Spieleforscher Jens Junge. "Über eine Stunde lang mühsam gemeinsam etwas aufzubauen, was dann wieder zerstört wird, das löst in der Regel Frustration aus. Dazu ist der Wunsch vorankommen zu wollen zu tief im Menschen verankert“, erklärt der Direktor des Instituts für Ludologie, der Spieleforschung.

Die ersten Spiele griffen philosophische Fragen auf

Jens Junge ist nicht nur Archivar einer umfassenden Spielesammlung, er erforscht Brettspiele auch aus soziologischer Perspektive. Als Spieleforscher beschäftigt er sich unter anderem mit der Frage, wie Spiele entstanden sind, welche gesellschaftliche Funktion sie in verschiedenen Epochen innehatten und wie sie ursprünglich in die Welt kamen. Den Ursprung des Spiels definiert der Spiele-Kenner als einen sozialen Prozess.

Die ersten Brettspiele entstanden, als sich Menschen über Regeln des Zusammenlebens Gedanken machen mussten. Das war um die Zeit herum, als der Mensch sich von Jägern und Sammlern zu Städtebauern entwickelte. Damit einher ging das Aufkommen verschiedener Fragen zur Sinnhaftigkeit des menschlichen Lebens.

Spiele dienten unter anderem dazu, sich mit großen Fragen auseinanderzusetzen. Eine davon ist, ob es ein Leben nach dem Tod gibt.

Jens Junge, Direktor vom Institut für Ludologie

Mensch ärgere Dich nicht entstand aus dem indischen Spiel Pachisi und dessen Spiel-Ziel ist es, im schmerzfreien Nirvana anzukommen. Auch wenn heute kein Mensch mehr bei dem Spiel ans Sterben denkt. Spiele können ihre ursprüngliche Funktion verlieren und in anderen gesellschaftlichen Kontexten als Kulturgut weiterexistieren. Sie entstehen oft aus dem Wunsch sich mit dem Leben und der Gesellschaft auseinanderzusetzten.

So zum Beispiel auch das Kartenspiel Skat. "Skat war absolut revolutionär, weil in diesem Kartenspiel im Jahr 1813 der Bauer Trumpf angibt und nicht der König." Das Kartenspiel kam also unter anderem deshalb so gut an, weil sich in dieser Zeit der Aufklärung viele Menschen wünschten, dass es eine andere Gesellschaftsform gibt als den Feudalismus, wo der Adel bestimmt. In Skat wurde Gesellschaft also vorausgedacht.

Ein Trend zu mehr Kooperation am Spieltisch

So wie Skat ein Ausdruck einer gesellschaftlichen Forderung war, zeigen Dixit oder 5-Minute Dungeon heute einen Bedarf nach Teamfähigkeit und sozial-empathischem Denken. "Einer der Trends, die sich seit einer Weile etablieren, sind kooperative Spiele, in denen wir gemeinsam versuchen, ein Ziel zu erreichen", erklärt Spieleverkäufer Nils Buchhage vom Spieleladen Capito. Das könnte darauf zurückgehen, dass unsere Gesellschaft komplexer wird und infolgedessen Menschen immer mehr darauf angewiesen sind zusammenzuarbeiten sich anzupassen. Dieser Wandel schlägt sich möglicherweise in Spielen nieder.

Spieleverkäufer Nils Buchhage im Portrait.
Der Trend geht in Richtung Kooperationsspiele, erklärt Nils Buchhage vom Spieleladen Capito. Bildrechte: MDR/Capito - Der Spieleladen

Eine andere Theorie kommt von Wissenschaftler*innen vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Demnach hängen Kooperation und Wettstreit in Spielen an kultureller Praxis. Gibt es mehr Kooperation in der eigenen Sozialstruktur, zeigen das auch die Spiele. Konflikte mit anderen Kulturen wiederum, führen zu mehr Kooperation im Spiel, da hier ein Zusammenhalt innerhalb der Gruppe besser für die Gesellschaft ist. Über die Spiele heutiger Kulturen wohlhabender europäischer Länder wie Deutschland lässt sich daraus ableiten, dass Spiele mit Wettstreit sich größerer Beliebtheit erfreuen, da Kooperation hier weniger überlebensnotwendig ist.

Inwiefern sich der Trend zur Kooperation im Spiel mit gesellschaftlichen Praktiken erklären lässt, ist noch umstritten in der Wissenschaft. Fest steht aber: Ganz ohne Wettstreit am Spiele-Abend geht es wohl kaum. Wenn es kompetitiv zugehen soll, empfehlen Therapeuten und Spiele-Forscher, es ruhig auch mal mit einem Kooperationsspiel zu versuchen und dabei nicht zu vergessen, dass es darum geht, mal locker zu lassen.

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