Sexual-Forschung Frust statt Lust: Was tun, wenn die Libido streikt?

Mit Sex stärken wir Bindungen zum Partner oder zur Partnerin und entwickeln ein positives Körperbild, und ziehen Vertrauen zu uns selbst. Forschende sagen, Sexualhormone erhöhen die kognitive Flexibilität. Doch so viele positive Auswirkungen Sex auch haben kann: Für die meisten Personen gab es schon mal eine längere Phase im Leben, in der sie einfach keine Lust hatten. Die Wissenschaft sagt: Es kann hormonelle Ursachen haben oder an der Psyche liegen. Tipps für mehr Lustempfinden!

Ein Paar liegt nebeneinander
Der Körper kann Ja sagen, der Kopf aber Nein. So ein Lust-Tief lässt sich aber umkehren, erklären Forschende. Bildrechte: imago images/Cavan Images

Meine Challenge

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Die Illustration zeigt einen jungen Mann mit Brille, Bart, kurzen dunklen Haaren und einem grauen Shirt.
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Über Sex-Spielzeuge Lust verschaffen

Sex-Spielzeuge findet man heute bei Elektronik-Anbietern, in Drogerien und in größeren Supermärkten. Den Anblick eines Vibrators dürfte man einigermaßen gewohnt sein. Und dann ist es doch ein wenig seltsam, im Sex-Laden Voegelei im Leipziger Osten zu stehen und sich von Coach und Berater Max Valerij über unterschiedliche Vibrationsgeräusche (eher so höher miiiiep miiiiiep oder dunkler bpfrrrrrhhh), verlängerbare Finger oder Dildos beraten zu lassen. Für ihn war es zunächst eine Frage der Gewöhnung, inmitten all dieser Lust-Beschaffer in die Rolle des professionellen Verkäufers zu schlüpfen. "Mir ist es noch wochenlang so gegangen, dass ich mich, als ich die Ladentür aufgeschlossen habe, erschrocken habe: Überall Vibratoren!"

Aufregend sei der Beruf, sagt er, denn es gehe nun mal um ein Thema, das uns ein Leben lang beschäftigt. Ein Thema, das unabhängig davon, wie sich eine Person identifiziert – intergeschlechtlich, trans, non-binär, Frau oder Mann – eine bedeutsame Rolle spielt. Die schönste Nebensache der Welt heißt Sex nicht umsonst. Er ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens, verschafft uns Genuss, hebt die Stimmung, stärkt unsere Bindung zur Partnerin oder zum Partner. Und dennoch würden die meisten Menschen wohl sagen, dass es in ihrem Leben schon mal eine längere Phase gab, in der sie einfach keine Lust auf Sex hatten. In solchen Phasen fühlen sich Sex und die eigene Person wie zwei grundverschiedene Dinge an. Was kann man tun in den Momenten, wenn das Lustempfinden eben so alles andere macht, als uns in Wallungen zu bringen?

Lust braucht einen Stupser

Selbst Hand anlegen kann für manche ein Schritt raus sein aus der sexuellen Durststrecke. Bei Max Valerij in der Voegelei jedenfalls führen Lust-Tiefs von Personen manchmal dazu, dass die Kassen klingeln. "Nach dem Wochenende kommen oft mehr Menschen ins Geschäft", sagt er. "Wenn Personen ausgehen und sich was erhofft haben, Begegnungen, Nähe, Sexualität und dann hat es wieder nicht geklappt, führt das dazu, dass sie sich denken: Jetzt gönne ich mir etwas Gutes. Ich mache es mir schön. Sie nehmen die Lust selbst in die Hand, bevor sie sich ärgern." Dieses Motto ist auch eigentlich ziemlich gesund. Denn Lust braucht immer mal einen Stupser, sagt die Wissenschaft. Sexualität funktioniert in einem Kreislauf.

Lust hängt zwar einerseits mit Erregung zusammen und sie sind schwierig voneinander abzugrenzen, sagt Psychologin und Sexual-Forscherin Madita Hoy vom Uniklinikum in Jena. Allerdings können sie auch getrennt voneinander auftreten. Einfach gesagt heißt das: Der Körper kann erregt sein, der Kopf muss es nicht. "Frauen können zuerst auf körperlicher Ebene erregt sein und später subjektiv (auf der Kopfebene) auch Lust empfinden", erklärt Madita Hoy.

Psychologin und Sexual-Forscherin Madita Hoy im Portrait.
Madita Hoy erforscht weibliche Lust. Zur Veranschaulichung in Seminaren verwendet sie ein kleines 3D-Modell einer Klitoris. Bildrechte: MDR/Madita Hoy/Uwe Berger

"Genauso kann es passieren, dass eine Person körperlich erregt ist, aber sich auf der Kopfebene keine Lust einstellt. Das kann beides passieren." In einer Studie bei der Frauen stimulierende, visuelle Inhalte vorgelegt wurden und – als Indikator einer Erregung – die Durchblutung der Vagina erfasst wurde, zeigte sich: Nur bei 10 Prozent der Befragten stimmte die genitale Reaktion mit der subjektiven Erregung überein.

Auch bei Männern ließ sich das feststellen. Allerdings stimmten die genitale Reaktion und die Kopfebene (oder auch subjektive Erregung) wesentlich stärker überein. 50 Prozent der Männer fühlten Lust und zeigten auch entsprechende Zeichen. Das Konzept der Nicht-Übereinstimmung ist seitdem in der Sexual-Forschung anerkannt. Es lässt zwei Aussagen zu: Einmal, dass Sexualität bei Frauen nicht mit einer Erregung beginnen muss. Und zum anderen: dass sich Lust nach Erregung auf Körperebene einstellen kann. Das war ein Durchbruch in der Sexual-Forschung, erklärt Madita Hoy.

Der Lust-Kreislauf verdeutlicht, dass Lust bei vielen Personen als Antwort auftreten kann auf zum Beispiel sexuelle Stimulation.

Madita Hoy, Sexual-Forscherin und Psychologin

Sie rät aber davon ab, das falsch zu interpretieren. Es geht nicht darum einfach anzufassen, sondern zu verstehen, dass zu Beginn in jedem Fall etwas Angenehmes steht. Bei Frauen kann es mehr Einstimmung brauchen, bevor Lust einsetzt und es kann auch emotionale Intimität eine Rolle spielen. Daher lässt sich Lust mit Streicheln oder Liebkosen ankurbeln, erklärt Madita Hoy.

Verschiedene Einflussfaktoren auf die weibliche Libido sind in einem Kreislauf angeordnet und in Beziehung zueinander gesetzt.
Das Kreislauf-Modell der Lust von Forscherin Rosemary Basson ist mittlerweile in der Sexualforschung anerkannt. Bildrechte: MDR/Madita Hoy

"Damit erhöht sich auch die Chance wieder aus einem Lust-Tief herauszukommen." Ist der Lust-Kreislauf nämlich zum Erliegen gekommen, ist es viel schwieriger ihn wieder anzukurbeln. Was dann hilft, ist zum Beispiel die von dem Gynäkologen William Masters und der Sexualforscherin Virginia Johnson entwickelte Sensate-Focus-Methode. Damit können Paare ihren Lust-Kreislauf wieder in Gang bringen.

Die Sensate-Focus-Methode: Streicheln!

Dabei streichelt der eine Partner 15 Minuten lang den anderen zum Beispiel am Rücken oder Bauch. Dann dreht er sich um und wird noch mal 15 Minuten gestreichelt. Dann wechseln die Rollen und der andere streichelt. Dabei sagt die Person, die gestreichelt wird, wenn etwas nicht schön ist. Dann ist die streichelnde Person dafür verantwortlich etwas Anderes zu machen. "Dabei geht es wirklich ums Streicheln. Dabei werden die Brüste und die Genitalien erst mal komplett ausgespart und es gibt ein Koitus-Verbot. Das dient dazu, den Druck rauszunehmen. Dann wird Stück für Stück erhöht", so Madita Hoy.

Achtsamkeits-Übungen oder ein guter Song können auch dafür sorgen, dass sich unsere Körper auf sexuelle Bedürfnisse einstellen. Manchmal hilft es, sich auf die Sinne zu konzentrieren. Wer sich öfter Erfüllung oder Befriedigung verschafft, hat auch mehr Lust und wer mehr Lust hat, hat wiederum mehr Sex. Was dazu führt, dass wir befriedigter oder erfüllter sind. Die Geschlechtshormone Testosteron und Östrogen spielen dabei zum Beispiel auch eine Rolle, sagt die Wissenschaftskommunikatorin und studierte Neurowissenschaftlerin Franca Parianen. "Die Sexhormone sind diejenigen, die uns Lust machen und den Geisteszustand schaffen, der uns hilft überhaupt erst einmal aus dem Haus zu kommen und uns genug selbst zu überschätzen, um andere Leute anzuquatschen."

Stresshormone unterdrücken die Sexhormone

Neurowissenschaftlerin, Autorin und Wissenschaftskommunikatorin Franca Parianen im Portrait.
Franca Parianen hat sich mit den Auswirkungen von Hormonen auf unsere Gedanken, Gefühle und unsere Stimmungen beschäftigt. Bildrechte: MDR/Franca Parianen/Anke Illing

Östrogen, sagt Franca Parianen, ist nicht das Hormon, das Frauen zickig macht, wie es oftmals fälschlicherweise angenommen wird. Östrogen ist der Lustbringer. Nebenbei bemerkt fährt der Körper es während der Menstruation herunter. Es kann also gar nicht in Verbindung mit übler Laune während der Periode stehen. Worauf kommt es denn nun aber in Sachen Hormone an, um Lust anzukurbeln?

Im richtigen Verhältnis können sowohl Östrogen als auch Testosteron die Libido ankurbeln, sowohl bei Männern als auch bei Frauen.

Franca Parianen, Wissenschaftskommunikatorin

Beide brauchen also beides! Männer ein wenig Östrogen, Frauen einen Schubs Testosteron. Dass Testosteron hilfreich ist, liegt daran, dass es zur Folge hat, dass wir Hemmungen abbauen und insgesamt impulsiver auftreten. Etwas, das sich im Schlafzimmer eher positiv auswirken kann! Ganz wichtig für die Lust ist auch, dass möglichst wenig Stresshormone wie Cortisol im Körper anfallen. Denn die drücken die Sexhormone (besonders Testosteron) herunter.

Weg mit dem Cortisol, her mit Testosteron

Wer Lust steigern will, lässt es bleiben, zu spät zum Bahnhof zu fahren oder sich noch mehr To-Dos auf eine eh schon zu volle Liste zu setzen. Dann gehen wir nämlich in den Fight oder Flight-Modus, also den Modus, in dem unsere Reflexe sich aus einer Bedrohungssituation heraus entscheiden müssen, ob sie entweder in den Kampf oder in die Flucht übergehen. Und es ist schwierig vom Einen ins Andere umzuschalten, sagt Franca Parianen. "Cortisol, das wir ausschütten, wenn wir länger unter Stress stehen, ist eher zuständig für die Flucht-Reaktion. Testosteron hingegen steht eher für die Fight-Reaktion. Und das ist etwas, bei dem unser Körper keine Kompromisse eingehen kann. Er muss sich entscheiden. Interessanterweise ist das bei den Männern noch stärker gegensätzlich als bei Frauen." Stress ist deswegen ein absoluter Bummer für die Lust. Bei der schönsten Nebensache der Welt ist eben auch alles eine Frage der Dosis.

Blick in eine aufgehende Blüte. 45 min
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