Mobilitätswende Experiment 9-Euro-Ticket: Kunden würden auch 69 Euro zahlen

Das 9-Euro-Ticket ist ein riesiges Real-Experiment im bundesweiten ÖPNV. Doch was kommt danach? Wie viel sind die Bürgerinnen und Bürger bereit für ein Folge-Ticket zu zahlen? Was muss passieren, damit der ÖPNV auch zu höheren Preisen attraktiv bleibt? Um das zu beantworten, führt die Forschungsgruppe "Flexible Transport Systems and Complex Urban Dynamic" der TU Dresden verschiedene Umfragen durch, die noch bis Ende August laufen. MDR WISSEN hat exklusiv Einblick in die bisherigen Ergebnisse.

Viele Reisende auf einem Bahnhof.
Hat die öffentliche Mobilität extrem angekurbelt: das 9-Euro-Ticket Bildrechte: IMAGO/Arnulf Hettrich

Das 9-Euro-Ticket wird von den deutschen Bürgerinnen und Bürgern gut angenommen. Kein Wunder. Für so wenig Geld im Regionalverkehr durch Deutschland, ohne auf Tarifzonen achten zu müssen. Großartig. Einfach rein und los. Und was kommt nach dem Sommer? Gehen wir dann einfach "Back to Business"? Also alles wieder zurück auf Normalbetrieb?

Welches Ticket-Modelle kommen danach?

Ideen gibt es schon. So etwa schlägt der Bundesverband der Verbraucherzentralen ein 29-Euro-Ticket vor, der Fahrgastverband Pro Bahn kommt mit einem 365-Euro-Ticket um die Ecke. Verkehrsunternehmen fordern jetzt ein 69-Euro-Ticket. Welches Folge-Ticket kommt und auch wann es kommt, steht noch nicht fest. Aber es muss etwas kommen, sagt auch Dr. Jan Christian Schlüter von der TU Dresden.

"Wir müssen an diesem Punkt fragen: Was haben wir gelernt aus diesem 9-Euro-Ticket-Experiment? Wir haben gelernt, dass ein Interesse der Bevölkerung am ÖPNV da ist. Jetzt müssen wir schauen, wie wir den ÖPNV verbessern und auch preislich attraktiver gestalten können. Die Politik ist jetzt gefordert, den Leuten ein interessantes Folgeangebot zu machen."

Wir müssen an diesem Punkt fragen: Was haben wir gelernt aus diesem 9-Euro-Ticket-Experiment?

Dr. Jan Christian Schlüter, Mobilitätsforscher, TU Dresden

Schlüter leitet die Forschungsgruppe "Flexible Transport Services and Urban Dynamics" an der TU Dresden. Um eine Empfehlung an die Politik geben zu können, wie ein solches Folge-Ticket gestaltet sein könnte, muss man wissen, was die Bürgerinnen und Bürger bereit sind zu zahlen. Genau das fragt Schlüters Team gemeinsam mit der Uni Göttingen in ihrer Umfrage ab. Zwar sind die Ergebnisse bisher nur vorläufig, da die Umfrage noch bis Ende des 9-Euro-Ticket-Zeitraums läuft, aber es zeichnet sich schon ein kleiner Trend ab und der ist überraschend, denn die Menschen sind tatsächlich bereit weitaus mehr als 9 Euro für den ÖPNV zu zahlen.

In den vorläufigen Daten ist ersichtlich, dass der Peak zwischen 39 und 69 Euro ist. Bei der maximalen Zahlungsbereitschaft liegt er zwischen 69 und 79 Euro.

Dr. Jan Christian Schlüter

79 Euro pro Monat, das ist nicht gerade wenig. Die Menschen sind also durchaus gewillt für den ÖPNV Geld in die Hand zu nehmen. Noch interessanter wird es, wenn man den Zahlungswillen der Bevölkerung nach Postleitzahlen aufschlüsselt, sagt Schlüter. Hier zeichnet sich nämlich ab, dass Menschen aus mittel- bis dünnbesiedelten Gebieten mehr für den ÖPNV zahlen würden als Menschen aus dem urbanen Raum. Hier liegt der Peak bei mehr als der Hälfte der Befragten zwischen 50 und 150 Euro. Und das obwohl gerade der ländliche Raum im Moment am wenigsten von den Ticket-Modellen profitiert. Denn obwohl sie theoretisch das 9-Euro-Ticket nutzen könnten, können sie es praktisch eben doch nicht, weil einfach das ÖPNV-Angebot fehlt. Salopp gesagt: Ich kann mir zwar ein 9-Euro-Ticket kaufen, aber wenn in meinem Dorf kein Bus vorbeikommt, kann ich mir das auch schenken.

Der Preis allein macht den Kohl auch nicht fett

Günstige Preise allein machen den ÖPNV also nicht unbedingt attraktiver, bzw. nicht für alle Menschen. Deshalb starten Schlüter und sein Team jetzt noch eine weitere Umfrage. Sie wollen wissen, welche Angebote der ÖPNV bieten müsste, damit ihn die Menschen mehr nutzen. Der Ausbau bzw. die Flexibilisierung des ÖPNV ist seiner Ansicht nach hier ein zentrales Thema.

"Wir sollten nicht nur auf diese starren Bus-Konzepte setzen. Wir sollten auch gucken, wie wir IT-Lösungen nutzen können, um teilweise Angebote zu flexibilisieren und zu verknüpfen. Wir müssen multimodale und intermodale Reiseketten erstellen. Das heißt, dass sie teilweise das Rad, den Bus, aber auch ein Car-Sharing-System nutzen können. Wir brauchen ein anderes Reisegefühl, eine Auswahl."

Beim Verkehr das große Ganze sehen

All diese Überlegungen erfordern Expertise, Energie und Investition. Aber sie erfordern auch ein Blick auf das große Ganze.

"Ich wünsche mir, dass die Energiewende und die Mobilitätswende verknüpft werden. Wenn der ländliche Raum die Flächen für die Energiewende bereitstellt, damit die Städte grüne Energie bekommen, sollte der ländliche Raum fairerweise passende und bessere Mobilitätsangebote und eine bessere Infrastruktur im Allgemeinen erhalten. Es müssen entsprechende Finanzierungen für die Mobilität im ländlichen Raum geschaffen werden."

Denn der ÖPNV, so Schlüter, ist ein Mittel der Gesellschaft, das für alle gedacht sei und auch so wertgeschätzt werden müsse. Und diese Wertschätzung erlangt er gerade durch die Diskussion, die durch das 9-Euro-Ticket aufgeflammt ist. In dieser Diskussion muss auch die Kritik, die aufkommt, weitergetragen werden. Denn klar ist: Das 9-Euro-Ticket wurde von der Politik mit der heißen Nadel gestrickt, um die Menschen zu entlasten. Rund läuft da nicht alles. Aber dieses Experiment war ein Anfang. Nun muss es weitergedacht, weiterdiskutiert und weitergeführt werden.

Hier können Sie an den Umfragen teilnehmen:

Hier geht es zur Umfrage "Preissensitivität des 9-EURO Tickets" der TU Dresden und Uni Göttingen.

Hier geht's zur Folge-Umfrage "Kaufmotive für das 9 Euro Ticket"der TU Dresden und Uni Göttingen.

JeS

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