Debatte um Umwelthormone Machen uns hormonaktive Chemikalien unfruchtbar?

Wie stark sich endokrine Substanzen auf das Hormonsystem und damit auf die Gesundheit der Menschen auswirken – darüber wird seit Jahren erbittert gestritten. Es steht viel auf dem Spiel: Hormonaktive Substanzen befinden sich in tausenden Produkten - von Medikamenten, über Pflanzenschutzmittel bis zu Kosmetika. Ganze Branchen und Industriezweige arbeiten damit. Forscher analysieren jetzt in einer Studie die schädlichen Folgen.

Ein Fläschlein, welches eine grüne Flüssigkeit enthält und mit einem Aufkleber eines Totenkopfes versehen wurde.
Hormonaktiove Substanzen stehen im dringenden Verdacht unfruchtbar zu machen? Wie schädlich sind sie wirklich? Darüber streiten sich Politik, Lobbygruppen und Wissenschaftler seit Jahren. Bildrechte: colourbox.com

"Eine wachsende Zahl von Chemikalien in Pestiziden, Flammschutzmitteln und bestimmten Kunststoffen wurde mit weit verbreiteten Gesundheitsproblemen in Verbindung gebracht, darunter Unfruchtbarkeit, Diabetes und beeinträchtigte Gehirnentwicklung", schreiben die Wissenschaftler unter Federführung der NYU Grossman School of Medicine in New York City im Fachmagazin "The Lancet Diabetes and Endocrinology".

Folgen: Unfruchtbarkeit, Fettleibigkeit, IQ-Verlust, ADS

Die Forscher fanden heraus, dass hormonaktive Substanzen nicht nur den menschlichen Samen, Eileiter und Gebärmutter schädigen und damit auch zu Unfruchtbarkeit führen können. Sie stehen auch in Zusammenhang mit Endometriose (Wucherungen der Gebärmutterschleimhaut), dem Syndrom der polyzystischen Ovarien (PCO/ Eierstockfunktionsstörungen) sowie hirnbezogenen Gesundheitsproblemen wie IQ-Verlust und Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS).

Analyse der Forschung der vergangenen fünf Jahre

In der Studie analysierten die Wissenschaftler Forschungsarbeiten der vergangenen fünf Jahre. Sie konzentrierten sich dabei eigenen Angaben zufolge auf "Chemikalien, die Anlass zur Besorgnis geben", insbesondere hormonaktive Chemikalien, die in Industrie- und Haushaltsgütern häufig vorkommen. Dazu gehören unter anderem Toxine, die in antihaftbeschichteten Pfannen und wasserfester Kleidung verarbeitet sind und Bisphenole, die in vielen Kunststoffen und Dosenfutter verwendet werden. Dazu zählen auch per- und polyflourierte Alkylverbindungen (PFAS). Sie werden zur Herstellung wasserabweisender Textilien und Papiere sowie zur Produktion von Feuerlöschmitteln und Schmier- und Imprägniermitteln verwendet.

pharmazeutische Produkte
Hormonaktive Substanzen sind in vielen Medikamenten - unter anderen in der Anti-Baby-Pille und Iboprofen. Sie finden sich aber auch in wasserdichten Textilien, in Kosmetika, als Weichmacher in Plastikflaschen oder auf Kassenbons. Bildrechte: IMAGO

Die Forscher vermuten, dass die hormonaktiven Chemikalien imstande sind, die Hormone im Körper so zu stören, dass deren Signale zur Steuerung vieler körperlicher Prozesse – auch der Fortpflanzung und Fruchtbarkeit – nicht mehr funktionieren. "Diese neueren Studien haben die Beweise für einen Zusammenhang zwischen endokrinen Disruptoren und physischen und insbesondere neurologischen Gesundheitsproblemen erhärtet", erklärte Linda Kahn, eine der Hauptautoren der Übersichtsstudie.

600 gefährliche Stoffe im Alltag gegenwärtig

Das menschliche Hormonsystem ist ein fein austariertes System. Schon geringe Konzentrationen hormonaktiver Chemikalien können zu Störungen in Blutzuckerhaushalt oder Kalziumstoffwechsel führen, sowie die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Diese sogenannten endokrinen Substanzen finden sich jedoch nicht nur im Wasser, sondern auch in Fertignahrung, Plastikverpackungen oder Kosmetika. Neben Östrogenen in der Anti-Baby-Pille findet sich Bisphenol A (BPA) in Kassenbons aus Thermopapier. Diese Substanz und Phthalsäureester (Phthalate) dienen als Weichmacher für Plastik. Selbst das Kopfschmerzmedikament "Ibupropfen" – eines in Deutschland am häufigsten verwendeten Arzneimittel – wirkt sich auf den Hormonhaushalt aus. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind etwa 600 Substanzen im Alltag gegenwärtig.

Ibuprofen Tabletten
Selbst das Schmerzmedikament "Ibupropfen" kann sich auf den Hormonhaushalt auswirken. Bildrechte: imago/Joko

Wissenschaftler fordern ein schnelles Handeln

Die EU erwägt seit Jahren eine Prüfung der Gefährlichkeit hormonaktiver Substanzen. Im November 2018 legte sie eine Strategie für endokrine Disruptoren vor. Darin kündigte sie an, "die geltenden Rechtsvorschriften erstmals einer umfassenden Eignungsprüfung zu unterziehen". Den Forschern geht dieser Schritt und auch die Regeln in den USA nicht weit genug. Sie fordern ein schnelles Handeln – weltweit. Die derzeitigen Vorschriften für hormonaktive Substanzen reichten nicht aus, sagte die US-Wissenschaftlerin Khan. "Ursache und Wirkung müssen weiter erforscht werden. Doch es muss jetzt dringend gehandelt werden, da die Öffentlichkeit bereits die Kosten durch ernsthafte und lang anhaltende Gesundheitsprobleme trägt." In vielen Ländern gebe es keine einheitlichen Definitionen von Umwelthormonen. Zudem basierten die US-Vorschriften nur auf hohen Dosen von Chemikalien und nicht auf kleinen, alltäglichen Dosen über viele Jahre hinweg – "obwohl jüngste Erkenntnisse zeigen, dass gerade niedrige, alltägliche Dosen an Chemikalien gefährlich sind".

Forderung: Hormonaktive Chemikalien wegen ihrer Gefährlichkeit bewerten

Weil sie die hormonaktiven Chemikalien als gefährlich erachten, fordern die Autoren eine "gefahrenbasierte Bewertung". Damit könnten bestimmte Substanzen präventiv allein wegen ihrer Gefährlichkeit verboten werden. Derzeit werden die hormonaktiven Substanzen in vielen Bereichen danach bewertet, ob tatsächlich ein Risiko vorhanden ist, dass Menschen gefährlichen Dosen der Chemikalie ausgesetzt sind. Zudem sollten die Substanzen sektorübergreifend reguliert werden.  

Kassenbons und Totenkopf, schädliches Bisphenol A in Thermopapier
Hormonaktive Substanzen stören die körpereigenen Hormone und können zu Unfruchtbarkeit und Langzeitschäden. führen. Das schädliche Bisphenol A befindet sich sogar auf Thermopapier von Kassenbons. Bildrechte: IMAGO

Kritik an der Studie

Gegenwind bekommen die US-Forscher aus Deutschland, der Schweiz und den USA. Es handle sich nicht um eine Forschungsarbeit, sondern um eine gezielte Zusammenstellung von Artikeln – meist Eigenzitationen – welche die Schädlichkeit von endokrinen Disruptoren bestätigen solle, kritisiert Daniel Dietrich, Leiter Human- und Umwelttoxikologie an der Uni Konstanz. "Aufgrund des tendenziösen Aufbaus und der unwissenschaftlichen Abhandlung sind diese Publikationen eher dem populistischen Sektor als einer wissenschaftlich seriösen Abhandlung zuzuordnen."

Kritik auch aus den USA

Der US-Forscher Thomas Hartung von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health moniert die Folgenlosigkeit der Studie. "Rund 50 Chemikalien wurden untersucht – ohne jede regulatorische Konsequenz. Vermutlich hätten wir die 100 Millionen Euro besser für die öffentliche Gesundheit einsetzen können", erklärte er.

Wir müssen besser auswählen, welche Chemikalien wir testen – was nach einem Problem riecht. Wenn man nur anschaut, dass für rund 1000 neue Chemikalien eine Marktzulassung in den USA pro Jahr beantragt wird, dann wird schnell klar, dass wir mit dem Testen nicht Schritt halten können.

Thomas Hartung Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health

Nach vielen Jahren der Diskussion wolle die Öffentlichkeit endlich wissen, "ob Chemikalien nun unsere Hormone durcheinanderbringen oder nicht?" und welche Effekte sie auf Fruchtbarkeit und die Entwicklung von Kindern haben. Der Report unterstreiche das Informationsbedürfnis vieler Menschen.

"Es ist schon merkwürdig, dass wir diese Diskussion seit mehr als 30 Jahren auf dem Tisch haben und immer noch nicht wirklich wissen, wie wir das angehen sollen." Der Forscher machte auf die Kosten der Forschung aufmerksam. Die Suche nach hormonaktiven Substanzen koste pro Chemikalie etwa zwei Millionen Euro.

Kaum vorstellbar, das es für die US-Behörden von besonderen Interesse ist, 12.000 Chemikalien zu untersuchen."

Thomas Hartung Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health

Eine Frau zeigt 2016 einen Teelöffel mit einer Kosmetik, die Mikroplastik enthält.
Kosmetik soll eigentlich schön machen - doch auch sie kann gefährlich werden. In vielen Kosmetika stecken nicht nur Mikroplastik, sondern auch hormonaktive Substanzen. Bildrechte: dpa

Schweizer Forscher sieht "vernünftige Ansatzpunkte"

Martin Wilks, Direktor des Schweizer Zentrums für angewandte Humantoxikologie in der Schweiz, sieht in der Studie "einige vernünftige Ansatzpunkte". "Ein großes Problem, das wir in der EU haben, ist die sektorenspezifische Regulierung von Chemikalien. Pestizide werden anders angeschaut als Biozide, die wiederum anders bewertet werden als Kosmetika oder Industriechemikalien. Und für jeden Bereich ist eine eigene Behörde zuständig. Selbstverständlich versucht man, die einzelnen Prinzipien etwas zu harmonisieren. Habe ich allerdings einen Stoff, der in mehreren Bereichen zu finden ist, sollte man selbstverständlich die gesamte Exposition betrachten, anstatt nur auf einen Bereich zu fokussieren“, erklärte Wilks.

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