Klima und Treibhausgase CO2-Emissionen durch Lebensmittel – fast die Hälfte des ganzen Straßenverkehrs

Aber es gibt Lösungen!

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, hat aber in diesen Tagen trotzdem eine lange Reise vor sich: Kein anderer Produktionszweig erzeugt so viele Transport-Treibhausgase wie Lebensmittel – das zeigen Daten aus Australien. Die Lösung kann aber auch nicht ausschließlich regional sein.

Containerschiff im Hafen mit Aufschrift "Horn-Linie" und gestapelten Container für Obsttransport. Containeraufschrift Logo und englischer Text "Say yes to the best". Großer Kran verlädt Container.
Containerweise Süden: Wenn Bananen in Deutschland doch nur besser reifen würden … Bildrechte: IMAGO / Danita Delimont

Jetzt, zur Sommersonnenwende, wo sich die bunten Feldfrüchte aus heimischen Gefilden langsam wieder in den Auslagen tummeln, ist der Gedanke besonders abwegig – aber Verdrängung hilft bekanntlich wenig: Gerade zu Beginn des Jahres, in grauen kalten Wintertagen, haben wir die Wahl, ob Grünkohl oder anderes Wintergemüse auf dem Teller landet – Wintergemüse, wie das schon klingt! – oder lieber die knackigen Waren aus Übersee. Selbst beim Apfel stellt sich die Frage, was nun besser fürs Karma ist: Der schon ein kleines bisschen zu mehlige Kandidat aus dem regionalen Kühlhaus oder das verhältnismäßig frische Exemplar aus den Ecken der Erde, in denen gerade Erntezeit ist. Doch dazu später.

Neben der Idee, dass Lebensmittel möglichst naturbelassen sein sollten, ist die zweite gelernte feste Größe für verantwortungsvolle Verbraucherinnen und Verbraucher: Regional einkaufen. Das ist nicht nur schön für Produzentinnen und Produzenten im Umland. Dass kurze Transportwege einen erheblichen Anteil an der Klimaverträglichkeit einer Salatgurke haben, zeigt auch eine aktuelle Studie der University of Sydney. 19 Prozent der Treibhausgasemissionen von Lebensmitteln gehen auf die Kappe der Transportwege. Das ist, so die Forschenden, bis zu sieben Mal höher als bisher vermutet und übersteigt bei weitem die Emissionen anderer Waren.

Lebensmittel: Dreißig Prozent aller Treibhausgas-Emissionen

"Unsere Studie schätzt, dass die globalen Lebensmittelsysteme aufgrund von Transport-, Produktions- und Landnutzungsänderungen etwa dreißig Prozent der gesamten vom Menschen produzierten Treibhausgasemissionen beitragen", sagt Mengyu Li, Hauptautorin der Studie. "Der Lebensmitteltransport – mit rund sechs Prozent – ist also ein beträchtlicher Anteil der Gesamtemissionen." Oder mit anderen Worten: "Die Emissionen des Lebensmitteltransports machen fast die Hälfte der direkten Emissionen von Straßenfahrzeugen aus."

Die Analyse der Forschenden umfasst 74 Länder (in Bezug auf Herkunft und Bestimmungsort) und 37 Wirtschaftssektoren (wie Gemüse und Obst, Vieh, Kohle und Produktion). China, die USA und Russland haben sich als die größten Treibhausgas-Emittenten bei Lebensmitteln herausgestellt. Nun leben in China aber auch sehr viele Menschen. Insgesamt sind reiche Industrienationen an der Spitze der Lebensmittelemissionen, darunter auch Deutschland und Frankreich, die im globalen Vergleich eine eher kleine Bevölkerung haben. Zusammen mit den Vereinigten Staaten und Japan erzeugen sie fast die Hälfte der Lebensmittelemissionen.

Zur Lösung des Schlamassels gibt es verschiedene Ansätze:

➡️ Zum Beispiel der alte Grundsatz weniger Fleisch, mehr Gemüse?

Bezogen auf den gesamten Herstellungsprozess ist klar, dass Fleisch einen vielfach höheren CO2-Fußabdruck hat als Gemüse. Daran ändert auch die neue Studie nichts. Allerdings geht ein Drittel der Lebensmitteltransport-Emissionen allein auf die Kappe von Obst und Gemüse. Die Verkehrsemissionen sind hier fast doppelt so hoch wie die Produktionsemissionen.

➡️ Oder generell weniger?

In Deutschland landen gut die Hälfte aller weggeworfenen Lebensmittel in den Tonnen der Privathaushalte. Potenziell sind das fünfzig Prozent CO2-Emissionen, die wir durch einen achtsameren Umgang mit unserem Essen einsparen können. Das eigene Wegwerfverhalten lässt sich im Übrigen mit unserer MDR Resteretter-App überprüfen. Resteretterin und Resteretter, so wollen wir doch alle gerne heißen, oder?

➡️ Das Locavore-Label tragen?

Denn: Menschen stehen auf Etiketten – und zwar nicht nur die auf der Verpackung. Bereits 2007 war "Locavore" das Oxford-Wort des Jahres. Ein Label für Menschen, die nur Lebensmittel essen, die aus einem Umkreis von etwas unrunden 161 Kilometern kommen (was etwas runderen einhundert Meilen entspricht). Ist natürlich nicht so leicht, schließlich reicht es nicht, wenn die Bratwurst zwar im Ballungsraum verpackt wurde, aber die Schlachtung am anderen Ende der Welt erfolgte und trotzdem Made in Germany drauf steht.

Hier sind alle gefragt: Ein großer Lebensmitteldiscounter kündigte erst jüngst an, dass für seine Fleischwaren alle Produktionsschritte in Deutschland erfolgt sein müssen. Letztendlich wird aber auch in Zukunft das verkauft, was sich verkauft. Wenn alle Menschen plötzlich Locavore wären, würden wir 0,38 Gigatonnen an Treibhausgasemissionen einsparen. Das ist der Transportweg zur Sonne und wieder zurück – und zwar 6.000 mal, haben die Forschenden aus Sydney ausgerechnet.

Supermarkt-Auslage mit Obst in vielen Farben, vor allem Äpfel und Zitrusfrüchte. Viele im Viererpark in Folie eingescheist. Perspektive mit Unschärfe nach schräg hinten.
Knallbuntes Obst, einzeln verpackt, das ganze Jahr: Ob da das Verbraucher/-innen-Herz weint oder lacht, müssen Sie selbst entscheiden. Bildrechte: IMAGO / Imaginechina-Tuchong

Das ist natürlich unrealistisch, zumindest solange Menschen in Regionen leben, die sich nicht autark mit Lebensmitteln versorgen können. Die Liste an realistischen Maßnahmen ist hingegen lang: Saubere Energie für die Transportfahrzeuge, Förderung regionaler Lebensmittelproduktion, natürliche Kältemittel bei Kühltransporten.

Vieles liegt in den Händen von Politik und Erzeugungsstätten, der Kauf aber in unserer: Einer Wintertomate zu widerstehen, dürfte im Grunde nicht so schwer sein. Schließlich ist der Geschmack grenzwertig neutral und der Kilopreis grenzwertig hoch.

➡️ Also nie wieder übersee’sche Feld- und Plantagenfrüchte?

Es bleibt kompliziert. Bananen reifen trotz üppiger Pflanzen in deutschen Gärten (noch) nicht aus, Papayas und Passionsfrüchte lassen sich hierzulande generell schlecht anbauen. Und ob eine Bio-Tomate aus Spanien die bessere oder schlechtere Ökobilanz hat als eine konventionelle von nebenan, muss wohl im Einzelfall entschieden werden.

Ansonsten ist Saisonalität oberstes Gebot, und zwar konsequent: Im günstigsten Fall verzichtet unsereins im März oder April darauf, in einen Apfel zu beißen. Zwar gibt es zu diesem Zeitpunkt noch Exemplare aus regionalem Anbau. Schrumpelobst aus dem Keller kommt aber den meisten nicht auf den Tisch, weshalb eine energieintensive Kühlung im Lagerhaus dafür sorgt, dass es auch im Frühjahr nach Möglichkeit noch ein kleines bisschen knackt. Ein neuseeländischer Apfel kann sich dann trotz seiner weiten Transportwege in der Ökobilanz als günstiger herausstellen. Also, wenn es zu dieser Zeit denn unbedingt ein Apfel sein muss.

Den gibt’s auch jetzt zur Sommersonnenwende noch nicht ohne Einschränkungen zu kaufen. Dafür alles, was Beere ist oder sich so nennt. Und Steinobst, wie Kirschen und Pfirsiche. Bevor Sie letztere als Südfrüchte abtun: Mittlerweile gibt’s die aus mitteldeutschem Anbau (Was im Grunde am Klimawandel liegt. Und der ehrlicherweise auch an langen Transportwegen). Der Geschmack des Sommers wächst also nur ein paar Landkreise entfernt.

flo

Link zur Studie

Die Studie erschien am 20. Juni 2022 im Fachblatt Nature Food.

DOI: 10.1038/s43016-022-00531-w

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