Kommentar Warum der Druck zur Covid-Impfung richtig ist

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Immer mehr Prominente kritisieren öffentlich den Druck, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, denn das schränke freie Entscheidungen ein. Sie übersehen, dass mit Entscheidung immer Verantwortung verbunden ist.

Impfung
Eine Covid-Impfung ist nicht nur eine Sache jedes Einzelnen, sondern betrifft die ganze Gesellschaft. (Symbolfoto) Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Joshua Kimmich und Sarah Wagenknecht wollen sich selbst nicht impfen lassen – zumindest noch nicht. Sie vertrauen dem neuartigen mRNA-Impfstoff nicht, befürchten späte Folgen der Impfung. Sie sind damit nicht allein. Die gleiche Befürchtung kann man derzeit hin und wieder hören, wenn man sich im Sportverein, beim Bäcker oder in der Kita-Elterngruppe umhört. Dass sie so häufig wiederholt wird, obwohl sie sich leicht entkräften lässt, zeigt, dass es um etwas anderes geht.

Späte Nebenwirkungen sind einfach sehr, sehr selten

Nehmen wir eine Freundin von mir als Beispiel. Sie hatte sich nur impfen lassen, weil eine Bekannte sie zum Impfarzt mitgeschleift hat. Eigentlich war sie aber skeptisch, es sei doch viel zu wenig bekannt über mögliche Langzeitwirkungen. Dann griff sie in ihren Tabakbeutel und drehte sich eine Zigarette.

Etwas fassungslos hielt ich dagegen: Bislang ist von keinem Impfstoff bekannt, dass er Schäden verursacht hat, die erst nach Jahren deutlich wurden. Dass manche Nebenwirkungen erst spät erkannt wurden, liegt einfach daran, dass sie so selten sind. Sie traten halt erst beim zigtausendsten Geimpften auf. Das stimmt für die anaphylaktischen Reaktionen auf die winzigen Fettpartikel, mit denen der mRNA-Impfstoff umhüllt wird, ebenso Entzündungen des Herzmuskels oder des Herzbeutels. Anaphylaktische Reaktionen haben etwa 250 von einer Millionen Geimpfter, die Entzündungen sind noch seltener, sie kommen nur bei 30 von einer Million vor.

Beide treten unmittelbar oder wenige Tage nach der Spritze auf und können durch die richtige Behandlung problemlos geheilt werden. Problematisch waren bisher nur die genauso seltenen schweren Thrombosen, die bei den Vektorimpfstoffen von Astrazeneca und Johnson und Johnson aufgetreten sind. Auch sie konnten in den meisten Fällen geheilt werden, nur wenige Patienten starben.

Und falls Sie jetzt an den Fall eines 12-jährigen Jungen in Cuxhaven denken, der möglicherweise vor einigen Tagen an einer Impfnebenwirkung starb – der Fall ist wirklich tragisch. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass er offenbar an einer Herzerkrankung litt. Und das bedeutet, dass auch eine Covid-19 ein ziemlich tödliches Risiko für ihn gewesen wäre.

Langzeitfolgen? Es geht um den Eingriff in die Freiheit

Denn an der "echten" Infektion Covid-19 sind schon sehr, sehr viele Menschen gestorben. In Deutschland sind es fast 100.000, weltweit erreichen wir bald 250 Millionen Infizierte und fünf Millionen Tote. Doppelt Geimpfte sind nur sehr selten unter ihnen, in Deutschland ist gerade mal ein doppelt Geimpfter unter 60 Jahren an Corona gestorben.

Wo Langzeitfolgen hingegen sehr gut bekannt und dokumentiert sind – jetzt zeige ich auf den Tabakbeutel meiner Freundin – das sind die Folgen des Rauchens. Meine Bekannte nimmt einen tiefen Zug, stößt den Rauch aus und zuckt mit den Achseln. Das wisse sie ja auch alles. Aber ihr stinke halt, dass man ihr vorschreiben wolle, wie sie mit ihrem Körper, ihrem Leben umzugehen habe.

Ich glaube, hier sind wir beim Kern des Pudels. Richard David Precht sagt in seinem Podcast mit Marcus Lanz: "Es ist nicht die Aufgabe des Staates, jedermanns Krankheitsrisiko nach allen Regeln der Form auszuschließen oder zu verunmöglichen." Er meint damit: Meine Entscheidung bleibt meine Entscheidung, da hat mir bitte niemand reinzureden.

Meine Impfung ist eben nicht nur meine Sache

Ich kann den Ärger gut verstehen. Ich war auch wütend über die vielen Eingriffe in mein Leben, über Kontakt- und Reisebeschränkungen, geschlossene Sportclubs und abgesagte Seminare. Hier gibt es dennoch zwei Aber: Erstens ist die Impfung der Weg hinaus aus dieser Zeit. Und zweitens geht es halt eben nicht nur um mich selbst.

Sarah Wagenknecht behauptet bei Anne Will, impfen sei kein Akt der Solidarität. Geimpfte könnten sich schließlich auch anstecken und dann ansteckend für andere sein. Was sie nicht erwähnt: Das passiert viel seltener als bei Ungeimpften. Und Geimpfte kommen selbst wenn es dann doch passiert nur ganz selten ins Krankenhaus und belegen dort Betten. Die große Mehrheit der Covid-Patienten auf den Intensivstationen ist nicht geimpft.

Deshalb ist es eben nicht nur meine eigene Sache, ob ich mich jetzt impfen lasse oder nicht. Wenn ich es nicht tue, dann nehme ich im schlimmsten Fall einem Herzinfarktpatienten das Intensivbett im Krankenhaus weg.

Eine Impfung ist kein Angebot, das man freundlich ablehnen kann

Beim Sport sagte neulich ein Bekannter: Eine Impfpflicht wäre wenigsten ehrlich. Ihn ärgert, wenn gesagt wird: Die Impfung ist freiwillig und dann wird doch Druck ausgeübt. In einem Punkt hat er da Recht: Von Ungeimpften wird gefordert, dass sie sich impfen lassen sollen. Die Impfung ist kein Angebot, das sie freundlich zurückweisen können und dann ist gut.

Dass es keine Pflicht gibt, liegt daran, dass die im Grundgesetz garantierte Unversehrtheit des Körpers so ein hohes Gut ist. Tatsächlich steht der Staat vor sehr, sehr hohen Hürden, bevor er seinen Bürgen bestimmte medizinische Behandlungen vorschreiben darf. Das ist auch richtig so, ich will nicht in einem Land Leben, dessen Regierung in meine körperliche Selbstbestimmung eingreifen darf.

Aber wenn ich mich entscheide, mich nicht impfen zu lassen und mich dadurch dafür entscheide, vielleicht ohne Absicht zu einer großen Ansteckungsgefahr für meine Umgebung zu werden – wenn ich dadurch vielleicht sogar wirklich viele Ressourcen unseres Gesundheitssystems verbrauche – dann hat auch die Gesellschaft das Recht, sich vor mir zu schützen.

Betrunkene dürfen auch nicht ans Steuer

Menschen dürfen die Impfung verweigern, aber sie sollten sich dann nicht wundern, wenn sie ausgeschlossen werden. Am schönsten kann man das mit einem Vergleich zusammenfassen, den Jürgen Klopp gebracht hat: Betrunkene sind am Steuer eines Autos eine Gefahr für andere. Das Trinken verbietet ihnen niemand, aber fahren dürfen sie dann halt nicht mehr.

Korrektur

Die 250 Millionen beziehen sich auf die Infektionen. In einer ersten Fassung hatte der Autor das missverständlich dargestellt.

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