MDR KLIMA-UPDATE | 12. August 2022 5 Dinge, die zeigen, dass wir beim Klimaschutz noch handlungsfähig sind

Eine junge Frau lächelt in die Kamera
Bildrechte: Sarah-Maria Köpf

Worst-Case-Szenarien und schlechte Nachrichten beim Thema Klimaschutz kennen wir zur Genüge. Im heutigen Klima-Update geht es deshalb um kleine Erfolge, die zeigen, dass es auch positive Entwicklungen gibt.

Solarprak mit Windrädern im Hintergrund
Das US-Klimapaket, das diese Woche auf den Weg gebracht wurde, könnte einen Aufschwung für den Ausbau erneuerbarer Energien bedeuten. Bildrechte: Colorbox

Liebe Lesende,

im Klima-Update von vergangener Woche haben wir uns der Frage gestellt, ob Horrorszenarien in der Klimadiskussion weiterhelfen. Daraufhin haben uns viele Reaktionen von Ihnen erreicht, unter denen sich ein Wunsch besonders herauskristallisiert: Aufzuzeigen, was mit den uns vorhandenen Mitteln möglich ist und was in Sachen Klimaschutz gerade auch schon richtig gut läuft. Denn Worst-Case-Szenarien und schlechte Nachrichten kennen wir mittlerweile zur Genüge.

Und seien wir mal ehrlich: Manchmal brauchen wir auch positive Meldungen, die uns das Licht am Ende des Tunnels zeigen. Denn Klimaschutz wird sich nicht von heute auf morgen in allen Bereichen integrieren lassen – auch wenn wir uns das wünschen. Der lange Weg, der noch vor uns liegt, besteht aus vielen kleinen Schritten und Teilerfolgen. Deshalb möchte ich Ihnen im heutigen Klima-Update fünf Dinge vorstellen, die beweisen, dass wir in Sachen Klima doch ein Stück vorankommen und unsere Handlungsfähigkeit noch nicht verloren haben. 

[#] Zahl der Woche

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...Prozent ist die Korallenbedeckung im nördlichen Teil des Great Barrier Reef im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Das teilte das Australische Institut für Meereswissenschaften (Aims) in seinem Jahresbericht mit. Große Teile des Great Barrier Reef weisen damit den stärksten Korallenbewuchs seit 36 Jahren auf. 

Im zentralen Bereich erhöhte sich der durchschnittliche Bewuchs von 27 auf 33 Prozent. Im südlichen Teil sank die Korallenbedeckung jedoch von 38 auf 34 Prozent. Trotz der guten Nachrichten geben die Aims-Forschenden keine Entwarnung, denn für den Anstieg seien vor allem schnell wachsende Steinkorallen der Gattung Acropora verantwortlich. Diese gelten als extrem anfällig für Wellenschäden und Korallenbleichen, die auftreten, wenn die Wassertemperatur steige, so Aims-Programmleiter Mike Emslie. Die Zunahme an neuen Korallen könnte also bei Störungen an den Riffen wieder zunichtegemacht werden.

Korallen und Fische am Great Barrier Reef vor Australien
Das Great Barrier Reef ist die weltweit größe Ansammlung von Korallenriffen. Bildrechte: imago images/imagebroker

Was meinen Sie? Schreiben Sie uns Ihre Antwort an klima@mdr.de.

5 positive Klima-Nachrichten, die Hoffnung machen 

Klimaberichterstattung braucht sowohl Horror-Meldungen als auch positive Nachrichten. Diejenigen, die nicht bereit sind zu handeln, müssen die Auswirkungen des Klimawandels vor Augen geführt bekommen. Gleichzeitig müssen die, die sich schon aktiv um den Klimaschutz bemühen, durchhalten. Optimismus verlängert bekanntlich das Leben und zu viel Schwarzmalerei kann uns in eine Starre verfallen lassen. Das Gefühl "Es ist ja ohnehin schon alles verloren" sollte unser Handeln nicht einschränken. Deshalb habe ich heute für Sie fünf Dinge zusammengestellt, die zeigen, dass in Sachen Klimaschutz vielleicht doch noch nicht alles verloren ist: 

1. Schicksal der weltweit größten Eisdecke noch nicht entschieden

Das Schicksal des Ostantarktischen Eisschilds liegt immer noch in unseren Händen, wenn der globale Temperaturanstieg unter der im Pariser Klimaschutzabkommen festgelegten Obergrenze gehalten wird. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Durham University, die diese Woche veröffentlicht wurde. Wenn die Temperatur die 2-Grad-Marke im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter nicht überschreitet, kann der Anstieg des Meeresspiegels bis zum Jahr 2500 unter einem halben Meter gehalten werden, so die Forschenden.

Untersuchungen haben auch gezeigt, dass es über der westlichen Antarktis in den letzten Jahrzehnten wieder mehr geschneit hat. Wenn die Temperatur also nicht weiter steigt, kann die massive Eisschmelze, die erwartet wird, eingedämmt oder sogar verhindert werden. Umso wichtiger ist es, die Vorgaben des Pariser Abkommens umzusetzen. 

2. US-Klimapaket kann Weltklimapolitik verändern

Gute Nachrichten gab es diese Woche auch aus den USA. Der US-Senat hat für das sogenannte Inflationsbekämpfungsgesetz gestimmt, das unter anderem 370 Milliarden Dollar für Energiesicherheit und Klimaschutz vorsieht. Es ist das bisher größte Klimapaket der US-Geschichte und könnte die Möglichkeit bieten, die Treibhausgasemissionen der Vereinigten Staaten um etwa 40 Prozent – und damit unter das Niveau von 2005 – zu senken, schreibt die New York Times

Der Leipziger Klima-Ökonom Reimund Schwarze geht davon aus, dass das milliardenschwere US-Klimapaket auch große Auswirkungen auf die internationale Klimapolitik haben wird. Der Forscher am Helmholtz Zentrum für Umweltforschung zeigte sich bei MDR AKTUELL begeistert von den Plänen. Unter anderem beim Ausbau der erneuerbaren Energien werde es in den USA einen großen Investitionsschub geben. 

3. Fußball will nachhaltiger werden 

Die Spieltage in der Fußball-Bundesliga verbrauchen einiges an Energie. Mit Rasenheizung, Flutlicht, An- und Abreise der Fans ist die CO2-Bilanz hoch. Bisher kennen auch nur zwölf Vereine in der 1. und 2. Liga ihren Fußabdruck. Das zeigt eine Umfrage der ARD-Radio-Recherche-Sport und der Sportschau unter allen 36 Profi-Klubs. Im Mai hat der Liga-Verband sich jedoch das Thema Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben und 39 Kriterien in der Lizenzierung verankert. Bis März kommenden Jahres müssen nun alle Vereine ihren CO2-Ausstoß ermitteln. Ilja Kaenzig, Geschäftsführer vom VfL Bochum, hat den Profifußball im Deutschlandfunk ebenfalls zu einem Umdenken bei der Nachhaltigkeit aufgefordert. Die neue Generation würde sehr anders ticken und erwarte deutlich mehr vom Fußball in diesem Bereich.

Dass sich Umweltschutz und Profi-Fußball nicht ausschließen, zeigt ein Verein in England: Die Forrest Green Rovers aus der 3. Liga nutzen grünen Strom, das Essen im Stadion ist vegan und der Mannschaftsbus fährt elektrisch. Demnächst soll sogar ein modernes Ökö-Stadion aus Holz entstehen. Der Besitzer des Vereins, Dale Vince, fordert sogar, dass alle Vereine in England zu solchen Maßnahmen verpflichtet werden.

4. Wohnen im energieautarken Mietshaus

Aktuell fürchten sich viele Mietende vor steigenden Gaspreisen. Ganz von äußeren Einflüssen unabhängig zu sein wäre für viele gerade ein absoluter Traum. Für einige Menschen in Cottbus ist das bereits Realität, denn 2018 startete die Wohnungsgenossenschaft eG Wohnen ein Projekt, das damals als deutschlandweit einzigartig galt: Sie baute zwei Mehrfamilienhäuser, die nahezu energieautark sind – also Strom und Wärme zu einem hohen Anteil selbst produzieren. Das funktioniert mittels Solarkollektoren (für die Wärme) und Solarmodulen (für den Strom). Energieautarke Häuser gibt es zwar schon länger – aber bislang nur als Eigenheime.

Nachdem die Häuser fast zwei Jahre bewohnt waren, gab das Forscherteam der TU Freiberg bekannt, dass die ersten Ergebnisse erfolgversprechend seien. Die Energie, die die Häuser nicht direkt verbrauchen können, werde an die Nebengebäude abgegeben, ins Netz eingespeist oder für maximal zwei Tage in Batterien auf dem Dachboden gespeichert. Mittlerweile gibt es auch in anderen Städten ähnliche Projekte – etwa in Meißen. Wenn in Zukunft weitere folgen, dann könnte das nicht nur Wohn- und Versorgungskonzepte verändern, sondern auch das Klima freuen.

Energiehaus 5 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

5. Verankerung des Klimaschutzes im Grundgesetz?

Die Hälfte der Deutschen sagt Ja Klimaschutz bedeutet nicht nur, dass Politik und Unternehmen handeln, sondern auch, dass die Gesellschaft lieb gewonnene Routinen überdenkt und das eigene Handeln reflektiert. Die Entscheidungen, die es zu treffen gilt, sind nicht immer einfach. Trotzdem macht eine im Juni veröffentlichte Umfrage des Instituts Yougov Mut, denn sie zeigt, dass das Klimaschutz für viele Menschen in Deutschland wichtig ist. 49 Prozent der Befragten würden es begrüßen, wenn der Klimaschutz im Grundgesetz verankert würde. Bei den jungen Menschen im Alter von 18 bis 24 Jahren sind es sogar 64 Prozent.

Zwei von fünf Befragten seien zudem der Meinung, dass das Thema Umwelt- und Klimaschutz von der deutschen Politik nicht ausreichend dringlich behandelt würde. Als stärker von der Regierung zu priorisierende Themen wurden die Reduktion der Lebensmittelverschwendung (50 Prozent), der Umstieg auf erneuerbare Energien (46 Prozent) und die Begrünung von Städten (43 Prozent) genannt. 

Welche Fortschritte in Sachen Klimaschutz haben Sie in letzter Zeit mitbekommen? Über welche (Teil-)Erfolge haben Sie sich gefreut? Schreiben Sie uns an klima@mdr.de.

🗓 Klimatermine

Dienstag, 16. August, 19:00 Uhr, Halle

Das Schiff für Bürgerforschung "Make Science" Halle lädt zur "Schnippeldisko". Als Protestaktion gegen Lebensmittelverschwendung werden Lebensmittel verarbeitet, die vom Handel aussortiert wurden. Und das alles bei Disko-Atmosphäre. Highlight ist die Algenkombüse. Gemeinsam werden vegane Algenwaffeln, Smoothies und Algenaufstrich zubereitet. Um Anmeldung wird gebeten.

Freitag, 19. August, 14:00 Uhr, Hohnstein

Beim "Praxistag für Junge Naturwächter" können Kinder spielerisch mehr über Wetter- und Klimakunde lernen. Bei einer Exkursion werden Wind, Sonne und unterschiedliche Wolkenformen beobachtet. Dazu gibt es Experimente, Bastelei und Spiele. Die Teilnahme ist kostenfrei, um Anmeldung wird gebeten

Freitag, 19. August, 14:00 Uhr, Erfurt 

Während einer 6-monatigen Indien-Nepal-Reise beschloss das Abenteuer-Duo Johannes Leeder und Georg Lesser ein Boot aus Müll am Strand zu bauen. Sie gaben Unterricht an Schulen zum Thema Nachhaltigkeit, pflanzten Bäume und durchpaddelten Südindien. Zurück in Deutschland gründeten sie die gemeinnütze Naturschutzorganisation "Save Nature Group". Im Klima-Pavillon berichten sie von ihren Reisen und ihren Projekten.

Samstag, 20. August, 10:00 Uhr, Berlin

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz lädt am 20. und 21. August von 10:00 bis 18:00 Uhr zum Tag der offenen Tür der Bundesregierung. Besucher und Besucherinnen erwartet eine Entdeckungsreise mit vielfältigem Informations-, Unterhaltungs- und Mitmachangebot direkt auf dem Potsdamer Platz.

📰 Klimaforschung und Menschheit

57.000 Lebensmittelprodukte und ihre Auswirkungen auf die Umwelt

Wer beim Lebensmitteleinkauf der Umwelt etwas Gutes tun will, sollte Fleisch, Fisch und Käse meiden und zu Obst, Gemüse und Brot greifen. Das belegt eine Oxford-Studie, die die Umweltauswirkungen von mehr als 57.000 im Supermarkt erhältlichen Produkten einschätzt. So haben Fleischalternativen ein Fünftel bis weniger als ein Zehntel der Umweltauswirkungen von Äquivalenten auf Fleischbasis. Die Studie ist im Journal PNAS erschienen.

Exotische Krankheiten breiten sich durch Klimawandel aus

Mehr als die Hälfte aller bekannten Krankheitserreger wird durch den Klimawandel gefährlicher für Menschen, weil sich Überträger-Mücken ausbreiten und Menschen und Tiere dichter zusammenrücken. Das ist das Ergebnis einer Studie aus Hawaii, die in der Fachzeitschrift "Nature Climate Change" erschienen ist. Auch das Robert Koch-Institut warnte kürzlich davor, dass Infektionskrankheiten wie Dengue, das West-Nil-Virus oder Malaria in Deutschland (wieder) heimisch werden könnten. Diese Krankheiten werden von Mücken übertragen, die sich Deutschland aufgrund der steigenden Temperaturen als Lebensraum erschließen.

Festplatten sind besser fürs Klima als SSDs

Die meisten Computerhersteller haben sich von Festplatten verabschiedet und setzen auf SSDs. Die sind deutlich schneller und können mit den gestiegenen Anforderungen der Nutzenden mithalten. Zwei Wissenschaftler von der University of British Columbia sagen aber jetzt: "SSDs haben ein schmutziges Geheimnis". Während ihrer Lebensdauer würden sie fast doppelt so hohe CO2-Emissionen verursachen wie eine mechanische Festplatte. Grund: Die Flashspeicher sind in der Herstellung bereits sehr energieintensiv. Über 80 Prozent der Emissionen würden so bei der Produktion anfallen. Diese Ergebnisse könnten während der rund fünfjährigen Nutzungszeit nicht mehr kompensiert werden, so die Forscher. Damit SSDs sich rentieren und klimafreundlicher werden, müsste ihre Nutzungsdauer drastisch erhöht werden. So weit sei die Technik allerdings noch nicht.

📻 Klima im MDR

👋 Zum Schluss

Diese Woche jährt sich ein trauriges Ereignis: Vor 20 Jahren überschwemmte die sogenannte Jahrhundertflut viele Städte in Mitteldeutschland – allein in Sachsen kamen 20 Menschen ums Leben. Wetterextreme und daraus resultierende Umweltkatastrophen werden auch in den kommenden Jahren zunehmen. Trotzdem hat sich seit 2002 einiges getan und die Regionen haben viel aus der Flut gelernt. Deiche wurden rückverlegt, eingezwängte Flüsse bekommen ihre Freiheiten zurück.

Und die Lehren – auch aus dem Hochwasser von 2013 – zeigen: Genau wie Klimaschutz kann auch der Hochwasserschutz nur gemeinsam gelingen und macht nur länderübergreifend Sinn. Denn Fluten machen genauso wenig vor Grenzen halt wie andere Wettereignisse. In einem Themenschwerpunkt auf MDR.de schauen die Kolleginnen und Kollegen nicht nur zurück, sondern auch nach vorn. 

Ich wünsche Ihnen eine guten Start ins Wochenende!

Viele Grüße

Sarah-Maria Köpf