MDR KLIMA-UPDATE | 8. April 2022 Die fetten Jahre sind vorbei — na endlich! 😎

Ausgabe #33 vom Freitag, 8. April 2022

Mann mit bart, runder schwarzer Brille, schwarzem Pullover, schwarzem Basecap
Bildrechte: MDR

Der neue Weltklimabericht liegt auf dem Tisch. Und sagt, wie wir ganz schnell das Ruder rumreißen sollten, ohne in eine Katastrophe zu wandeln. Eine LebensstilĂ€nderung muss von oben kommen. FĂŒrchten mĂŒssen wir uns dabei nicht – sie kann Spaß machen.

Schrift "Das MDR Klima-Update", Ortsschild mit Aufschrift "Fette Zukunft" und durchgestrichen mit abgeblĂ€ttertem Lack "Fette Jahre", im Hintergrund unscharf schwarz-weiß KĂŒhltĂŒrme von Kohlekraftwerk
Bildrechte: MDR/Florian Zinner – Pixabay/geralt (M), imago/STAR-MEDIA (M)

Liebe Lesende,

erlauben Sie mir kurz dieses drollige Wortspiel: Ich saß am Sonntag doch arg auf heißen Kohlen. Eher ungĂŒnstig, wenn man auf den neusten Forschungsstand zur BewĂ€ltigung der Klimakrise wartet. Aber der Weltklimarat ließ diesmal besonders lange warten – auf die Ergebnisse des dritten Teils der aktuellen Ausgabe des Weltklimaberichts. Oder auch: Das Papier der Arbeitsgruppe III zum 6. Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC – wie man in professionellen Kreisen so zu sagen pflegt.

Nachdem wir vergangenen Sommer erfahren haben, in welcher klimatisch ungĂŒnstigen Situation wir uns doch wirklich befinden und es Ende Februar um TemperaturverlĂ€ufe, Anpassungsmöglichkeiten und das Zusammendenken des großen Ganzen ging, standen diesmal die aus wissenschaftlicher Sicht folgerichtigen Handlungsempfehlungen auf dem Plan.

Vorab: Im Grunde wissen wir das alles schon. Nur, dass das Wörtchen "aber" nun gestrichen scheint. Na denn, stĂŒrzen wir uns mal rein mit der 


Zahl der Woche:

2

Eine ausgesprochen niedrige Zahl, stimmt schon. Aber eigentlich nicht niedrig genug. Zuletzt hat man so den Eindruck bekommen können, dass zwei Grad das neue EinskommafĂŒnf ist. Klar ist: Es gibt noch Pfade, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, sofern die Kehrtwende im Klimaschutz gelingt. Diese Schlupflöcher verengen sich zunehmend und rasch. Wahrscheinlich ist aber auch, dass wir das Ziel, die ErderwĂ€rmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, vorerst ĂŒberschreiten und uns im spĂ€teren Jahrhundert mit technischen Lösungen behelfen mĂŒssen, diese lĂ€stigen Treibhausgase wieder loszuwerden. So dass da 2100 trotzdem nur eine EinskommafĂŒnf steht.

Kohle, Öl und Gas sind fortan ein Schuss in den Ofen — und was wir sonst noch lernen

Die aktuelle energiepolitische Krise – entfacht durch Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine – erschwert es freilich, bei diesem Thema einen kĂŒhlen Kopf zu bewahren. Aber der aktuelle Weltklimabericht zeigt es eindringlicher denn je: Das fossile Zeitalter ist vorbei. Es gibt keinen Spielraum mehr fĂŒr neue Kohlekraftwerke (auch nicht im Sinne des verbleibenden CO2-Budgets) und dass Öl und Gas keine so gute Idee fĂŒr Heizung und MobilitĂ€t mehr sind, nun – diese Annahme hat sich ja nun auch in anderer Hinsicht bekrĂ€ftigt. Dass dann doch recht Ermutigende an der Chose ist, dass wir das können. Jetzt schon. (Und es passiert tatsĂ€chlich was: Stichwort "Osterpaket" der Bundesregierung – mehr dazu weiter unten.)

1. Der Elektrifizierung steht nix mehr im Weg

Mit erneuerbaren Energien und Batterietechniken, von denen Akku-Fans in den Neunzigern noch nicht zu trĂ€umen gewagt hĂ€tten, sind wird viel besser gewappnet, als es der fĂŒnfte Weltklimabericht Mitte des vergangenen Jahrzehnts noch mutmaßte. Und von wegen Alleswirdteurer! Schauen Sie sich mal die Preise fĂŒr Mega- und Kilowattstunden in diesen Bereichen an:

vier Diagramme zeigen deutlichen PreisrĂŒckgang pro Megawattstunde bei Photovoltaik, Onshore-Wind und Offshorewind sowie pro Kilowattstunde bei Lithium-Ionen-Batterien pro Kilowattstunde.
Klimafreundliche Technik: Im Vergleich zu den Preisen vor zwanzig Jahren gibt es die heute fĂŒr nen Appel und ein Ei. Bildrechte: IPCC, MDR/Florian Zinner

Falls Sie jetzt schnell weiter gescrollt haben, weil Ihnen nicht der Sinn danach steht, mehr als zwei Sekunden mit einer Diagrammkurve zuzubringen: Sonnenenergie ist inzwischen zehnmal so billig wie vor zwanzig Jahren. Und Lithium-Ionen-Akkus gibt's inzwischen fĂŒr nen Appel und ein Ei.

2. Alle mĂŒssen mittun

Oder wie es der Nachhaltigkeitsforscher Felix Creutzig (selbst IPCC-Leitautor) sagen wĂŒrde:

Mehr Wohlstand ist empirisch nicht haltbar.

Was Herr Creutzig damit sagen will: Die fetten Jahren sind vorbei, zumindest fĂŒr die auf der Welt, die sie bis jetzt erleben durften und fett in dem Sinne, wie wir das Wort bisher definiert haben. Felix Creutzig saß im aktuellen IPCC-Bericht an dem Kapitel, das sich mit den sozialen Aspekten der BekĂ€mpfung des Klimawandels und einer LebensstilĂ€nderung auseinandergesetzt hat. 

In Zukunft werden wir uns anders fortbewegen, anders heizen und anders ernĂ€hren – mĂŒssen! Wenn alle jetzt schon mit anpacken, wird es leichter.

Aber:

3. Die Politik muss jetzt Vorraussetzungen schaffen

Die Verantwortung auf jede Einzelne und jeden Einzelnen abzuschieben, das funktioniert so leider nicht. Weichenstellung muss auf vielen Ebenen erfolgen – vor allem diesen drei:

  1. VerhaltensĂ€nderungen – z.B. der Konsum von weniger Fleisch
  2. Relevante Infrastrukturen schaffen – z.B. neue Fahrradwege und Sammeltaxi-Angebote
  3. Übernahme von Endnutzungstechnologien – z.B. der Einbau von WĂ€rmepumpen in HĂ€usern 

🚇🚌

Das derzeit vielbesprochene 9-Euro-Ticket ist da ebenfalls ein ganz gutes Beispiel: Eine VerhaltensĂ€nderung (1.) vom Individual- zum Nahverkehr wird durch die Menschen in Deutschland nicht automatisch passieren. Es braucht Infrastruktur (2.): Eine Ticket-Infrastruktur, die fĂŒr fast alle bezahlbar ist (9-Euro-Monatsticket), eine Finanzierungsinfrastruktur fĂŒr die Verkehrsunternehmen und eine Investition in die Verkehrsinfrastruktur: Neue Linien, engere Takte, höhere KapazitĂ€ten. Auch Technologien (3.) spielen eine Rolle: Zum Beispiel autonom fahrende Systeme oder digitale Auf-Abruf-Angebote, um einen effektiveren Nahverkehr im lĂ€ndlichen Raum zu ermöglichen.

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Es gibt aber auch Bereiche, in denen die Lösungen noch nicht auf dem Tisch liegen. Einer der grĂ¶ĂŸten Punkte ist die Luftfahrt. Elektro-Flugzeuge eigenen sich derzeit nur fĂŒr Kurzstrecken und E-Fuels als Treibstoff sind auch nur eine halbe Lösung. Hier mĂŒssen Forschung und Entwicklung ranklotzen, um uns kĂŒnftig ein nachhaltigeres Reisen zu ermöglichen. Und auch dafĂŒr Förderung und Voraussetzungen schaffen.

4. Keine Steinzeit, sondern Mehr LebensqualitĂ€t fĂŒr alle

Sehen Sie es mal so: Ein Weiterwiebisher ist sicherlich der bequemste Weg, aber – abgesehen von seinen katastrophalen Folgen – auch der langweiligste. Felix Creutzer findet, die Abkehr der Klimakrise sei "machbar, ohne in die Steinzeit zurĂŒckzufallen". Sondern vielmehr in ein System zu fallen, "indem wir eine bessere LebensqualitĂ€t haben." Also: Architektur mit grĂŒnen Fassaden, weniger schlechte Luft in InnenstĂ€dten, spannende neue Gerichte auf dem Teller – der Umwandlungsprozess zu einer klimapositiven Gesellschaft kann aufregend sein. 

Meine weiteren Notizen zum Weltklimabericht lesen Sie hier:

Da fÀllt mir grad ein: Nutzer/-in Eulenspiegel hat in einem Kommentar zu oben verlinktem Text indirekt darauf hingewiesen, dass wir korrekterweise nicht danach fragen sollten, ob die Erde noch zu retten ist. Sondern die Menschheit.

Klar, die Erde ist am Ende stÀrker als ihre Menschenkinder.

🗓 Klima-Termine

SONNABEND, 9. APRIL

9. Königsbronner GesprĂ€che zum Thema "Folgen klimatischer VerĂ€nderungen fĂŒr die Außen- und Sicherheitspolitik". Die Veranstaltung gibt's auch im Livestream. Infos beim Deutschen BundeswehrVerband.

MONTAG, 11. APRIL

Der MDR-Polittalk Fakt ist! kommt heute aus Erfurt – zum Thema "Essen oder Energie – Kampf ums Ackerland". Mitdiskutieren erwĂŒnscht! Infos zur Sendung hier. HintergrĂŒnde zum Thema gibt's auch bei uns. 

DIENSTAG, 12. APRIL

Senckenberg Museum Görlitz: Vortrag "Landwirtschaft und BiodiversitĂ€t: Gewinne, Verluste und Konsequenzen fĂŒr unsere Ökosysteme". 19:30 Uhr geht's los, Infos hier.

DONNERSTAG, 14. APRIL

Machen Sie den GrĂŒndonnerstag dieses Jahr doch einfach zum grĂŒnen Donnerstag. Und nutzen Sie dieses lĂ€ssige Wortspiel, um sich an Themen ranzuwagen, die fĂŒr Sie bisher undenkbar sind: Heute mal den Verbrenner stehen lassen und schauen, wie man sonst von A nach B kommt? Heute mal kein Fleisch, Fisch und keine Wurst in der Kantine und zum Abendbrot? Den Ostereinkauf heute nicht beim Discounter sondern im Bio-Supermarkt erledigen? Oder heute endlich mal den Wechsel zu einer grĂŒnen Bank in Angriff nehmen? đŸ°đŸŒ±.

📰 Klimaforschung und Menschheit

OSTERPAKET ALS RIESIGE KLIMAGESETZ-NOVELLE 

Nicht nur die ErderwĂ€rmung macht politischen Druck, auch der Krieg Russlands gegen die Ukraine: Rund 600 Seiten, fĂŒnfzig Maßnahmen und fĂŒnf GesetzesĂ€nderungen sollen den Erneuerbaren kĂŒnftig ein ĂŒberragendes gesellschaftliches Interesse bescheinigen und die Ausbauziele deutlich anheben. Bis 2030 sollen mindestens achtzig Prozent des Stroms aus grĂŒnen Quellen kommen. Die HintergrĂŒnde gibt's bei der tagesschau.

SMARTPHONES SIND RECYCELBAR

Alle zwei Jahre ein neues Smartphone – in Deutschland ist das der Schnitt. NeugerĂ€te sind aber eine große Belastung fĂŒr Umwelt und Menschheit, v.a. wenn sie nach der Nutzung in der Schublade oder dem MĂŒll landen. 85 Prozent der vielfĂ€ltigen Rohstoffe in den GerĂ€ten lassen sich aber wiederverwenden. Das hat die FAZ herausgefunden.

KLIMAWANDEL ALS INNOVATIONSMOTOR

Die Anpassung an die Klimakrise muss fĂŒr Unternehmen nicht nur eine große finanzielle Last sein, sondern kann zu neuen Entwicklungen fĂŒhren – auch in ganz neuen Bereichen, legen Forschende aus Deutschland nahe. Die Infos gibt's bei hier bei uns.

👋 Zum Schluss

Ach hach. Manchmal grenzt unsere Berichterstattung an HĂ€tte-hĂ€tte-Fahrradkette. Muss sie zwar auch, aber ein paar konstruktive Gedanken sind trotzdem angebracht. Schon im Dezember haben wir Ihnen fĂŒnf smarte Ideen gegen den Klimawandel prĂ€sentiert. NĂ€chste Woche geht es weiter: Dann widmen wir uns unter dem Titel Neue Energien fĂŒrs Klima den Möglichkeiten, wie niedriger Energieverbrauch jetzt schon ganz einfach möglich ist – in der Industrie zum Beispiel.

In der Hoffnung, dass Sie uns gewogen bleiben und auf sich und die Welt aufpassen:

Herzlichst
Ihr Florian Zinner

Sie haben eine Frage oder Feedback?

Schreiben Sie uns an klima@mdr.de.

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