Insekt des Jahres 2022 Warum wir der Schwarzhalsigen Kamelhalsfliege selten begegnen

Die Schwarzhalsige Kamelhalsfliege ist sowas wie ein lebendes Fossil. Während die Dinos komplett ausstarben, schafften es einige Arten der kuriosen Fluginsekten bis ins 21. Jahrhundert. Nur warum kennen wir sie nicht?

Insekt mit langem schwarzen Hals und blau schimmernden Flügeln auf einem Blatt
Die Schwarzhalsige Kamelhalsfliege Bildrechte: Harald Bruckner

Die Schwarzhalsige Kamelhalsfliege ist das Insekt das Jahres 2022. Venistoraphidia nigricollis, wie sie in der Insektenforschung heißt, ist ein faszinierendes lebendiges Fossil. Langer Hals, große, filigrane, glasklare Flügel: So fliegt sie seit Millionen Jahren über die Erde, einst auf dem kompletten Erdball, wie die Forschung aus vielen Funden weiß, heute nur noch auf der nördlichen Erdhalbkugel, da sie kalte Winter für ihre Entwicklung braucht. "Bis heute ist sie nicht vom Aussterben bedroht, wenngleich sie regional vereinzelt auf Roten Listen stehen kann", sagt Professor Horst Aspöck. Seine Frau, Professor Dr. Ulrike Aspöck und er erforschen seit inzwischen 60 Jahren die winzigen Botschafter aus der Kreidezeit.

Das Faszinierende an den zierlichen Fliegern mit den langen Hälsen: Schon zur Zeit der Dinosaurier sahen Kamelhaarfliegen kaum anders aus als heute, ihr Erscheinungsbild ist nahezu unverändert und unverwechselbar: "Sie haben mit Fliegen genausowenig zu tun wie mit Käfern oder Schmetterlingen, sie sind eine ganz eigene Ordnung in der Welt der Insekten mit einem einzigartigen Bauplan," erläutert Professor Thomas Schmitt vom Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut in Müncheberg. Er ist Vorsitzender des Kuratoriums, das die Fliege, die keine Fliege ist, nun zum Insekt des Jahres 2022 gekürt hat. Weltweit gibt es heute zwei Familien innerhalb dieser Ordnung: zum einen die der Raphidiidae, mit 210 Arten, die sich sowohl als Larven als auch als ausgewachsene, sechs bis 15 Millimeter große Tiere von anderen Insekten ernähren. Die zweite Familie namens Inocelliidae hat wiederum 40 Arten: Bei denen sind nur die Larven räuberisch, die ausgewachsenen Exemplare nicht.

Warum kennen wir diese Überlebenskünstler nicht?

Trotzdem sind wohl nur die Wenigsten mal einer Schwarzhalsigen Kamelhalsfliege begegnet.

Ein großer Baum mit grünen Blättern steht auf einer Plantage mit vielen anderen Bäumen.
Bildrechte: MDR/Teresa Herlitzius

Warum? Des Rätsels Lösung ist ganz einfach, sagen die Spezialisten: Sie entwickeln sich da, wo wir sie nicht sehen, zum Beispiel in Baumrinden, und sie fliegen da, wo wir nicht hinkommen: in Baumkronen. "Auf Bäumen könnte man sie durchaus als Nützlinge sehen", sagt Professor Aspöck, "sie fressen zum Beispiel Borkenkäferlarven, oder auf Obstbäumen Eier von Apfelwicklern." Ihre Funktion im Ökosystem werde unterschätzt, meint der Spezialist. Bedauerlich, dass ihre Rolle bei der Bekämpfung der Borkenkäfer noch nicht untersucht sei.

Kamelhalsfliegen: Zufallshäppchen für Spinnen und Spechte

Wenn man sie nun kennt, die Schwarzhalsige Kamelhalsfliege: Wo könnte man denn mal nach ihr gucken? "Wohl fühlt sie sich in lichten Waldstrukturen, da, wo eine große Artenvielfalt vorliegt, in strukturreichen Biotopen" erklärt Professor Thomas Schmitt. Schließlich braucht sie andere Insekten als Nahrungsbeute, und die wiederum gedeihen auch nur da, wo sie passende Lebensräume finden. Da sie und ihre Artgenossen weltweit verbreitet waren, wenn auch heute nur in der nördlichen Hemisphäre, könnte man meinen, dass sie mit ihren großen Flügeln ganz schön weit herumfliegen. Doch weit gefehlt. "Kamelhalsfliegen sind standorttreu. Sie sind keine guten Flieger, sie flattern so herum. Nur ganz vereinzelt besiedeln Exemplare neue Lebensräume, das sind erstaunliche Ausnahmen. Warum sie das tun, zufällig vom Wind verdriftet werden, in weiten Distanzen woanders neue Populationen ansiedeln, wissen wir bis heute nicht. Es ist aber ein in der Natur weit verbreitetes Phänomen. Für die Natur ist diese Dynamik der Verbreitung existenziell."

Zu selten, um ein Sattmacher zu sein

Grünspecht
Die Masse der Insekten macht den Specht satt. Da kann auch mal eine Kamelhalsfliege dabei sein. Bildrechte: IMAGO

Sind Kamelhaarfliegen denn selbst existentiell wichtig in der Nahrungskette, für einen speziellen Fressfeind? "Nicht wirklich", sagt Professor Schmitt. "Sie sind zu selten, um wirklich ein Sattmacher für andere Tiere zu sein. Eher so eine Art Abwechslung auf der Speisekarte." Also ein Zufallssnack für den Specht, wenn er ins Holz hackt, für Spinnen, denen er ins Netz fliegt oder für flinke Gottesanbeterinnen. Oder, wie der Insektenforscher sagt: "Sie sind einfach Teil der gesamten Insektenmasse, die als Futterquelle dient."

Tatsächlich zählen Kamelhalsfliegen in der Biologie zu den so genannten "R-Strategen". Das "R" steht für Reproduktion: Das bedeutet, dass diese Tiere viele potentielle Nachkommen in die Welt setzen, in der Hoffnung, dass einzelne Exemplare überleben. Kamelhalsfliegen-Weibchen legen nach ihrer ein- bis dreijährigen Entwicklung als Larve mit neun bis 15 Häutungen Eipakete mit bis zu 1.000 Eiern ab. Dass diese Strategie aufgeht, sieht man nicht zuletzt daran, dass wir Kamelhalsfliegen heute noch treffen können, Dinosaurier dagegen nicht.

Nymphe der Kamelhalsfliege
Neun bis 15 Mal häuten sich Larven von Kamelhalsfliegen. Bildrechte: IMAGO / blickwinkel
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