Drei Minuten Zukunft Fakenews — Das sind fünf große Missverständnisse

Wer Fehlinformationen entgehen möchte, muss sie erkennen. Und das geht nur, wenn man weiß, womit man es eigentlich zu tun hat. Wir machen Schluss mit Fakenews über Fakenews. Psychologe Ralph Hertwig hilft uns dabei.

Mann mit grauen Haaren, Brille, Bart und Anzug steht in einer Zeitschriften-Bibliothek, freundlich-interessierter Blick, blättert durch Zeitschrift, Blick von unten
Ralph Hertwig: Den Psychologen interessieren nicht nur wissentlich in Umlauf gebrachte Fehlinformationen. Sondern auch diejenigen, die drauf reinfallen. Bildrechte: MDR WISSEN/Laura Becker

Früher hat man Lügen daran erkannt, dass sie kurze Beine besitzen, behaupten, sie würden auf einer Kanonenkugel umherreiten oder im Falle von Pinocchio an einem langen Zinken im Gesicht. Das war praktisch. Heute erkennt man "Deepfakes" daran, dass sie … wie echt aussehen. Immerhin haben wir mehr technische Möglichkeiten als die Holzmarionette, die nur ein Junge sein wollte. Und sind deutlich besser vernetzt als im 18. Jahrhundert (wobei Münchhausen auf seiner Kugel ja auch ganz gut rumgekommen sein mag). Es macht sich in den 2020ern bei manch einem und manch einer möglicherweise ein Gefühl der Ohnmacht breit, nicht mehr zu wissen, was wahr ist und was falsch. Und, sowieso, dass Fakenews irgendwann die Weltherrschaft an sich reißen. Außer wir entgegnen ihnen künftig mit einer gehörigen Portion Schläue und Sachverstand.

Lassen wir uns für den Anfang von einem helfen, der sich beruflich mit Fehlinformationen auseinandersetzt: Ralph Hertwig ist Psychologe und gehört zum Direktorium am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Denn die Welt der Fakenews ist eine Welt voller Missverständnisse:

1. Es geht schon beim Begriff los

Seit wann reden wir eigentlich weniger von einer Ente, dafür eher von Fakenews? Wahrscheinlich, seit der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika diesen Begriff geprägt hat. Ralph Hertwig ist der Meinung, dass man das Wort "Fakenews" nicht benutzen, sondern eher von Fehl- oder Desinformation sprechen sollte. "Der Grund dafür ist, dass der Begriff Fakenews eigentlich von Donald Trump instrumentalisiert wurde. Und er meinte ja mit Fakenews häufig genau die Dinge, die großen Wahrheitsgehalt haben." Der Begriff sei also vorbelastet und wird in diesem Text fortan nicht mehr fallen.

Schwarzweiß-Bild mit gelbem Rand: Mann mit grauen Haaren, Brille, Bart und Anzug steht in einer Zeitschriften-Bibliothek, gestikuliert. Text auf Bild: Wann sind wir immun gegen Fakenews? 3 min
Bildrechte: MDR WISSEN

03:26 min

https://www.mdr.de/wissen/videos/dreimz-video-fakenews-100.html

Rechte: MDR WISSEN

Schwarzweiß-Bild mit gelbem Rand: Mann mit grauen Haaren, Brille, Bart und Anzug steht in einer Zeitschriften-Bibliothek, gestikuliert. Text auf Bild: Wann sind wir immun gegen Fakenews? 3 min
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2. Es gibt nicht "immer mehr" Fehlinformationen

Ganz ehrlich: Wer soll das auch wissen? Fakt ist: Es gibt mehr und mehr Informationen an sich und damit zumindest in der absoluten Menge auch mehr Fehlinformationen, die uns erreichen könnten. "Zu sagen, da ist jetzt der Anteil der Falschinformationen größer geworden, ist nahezu unmöglich", so Ralph Hertwig. "Wir müssten da ja zu jedem Zeitpunkt wissen, was richtige und falsche Informationen sind."

Nach Feststellung der Weltgesundheitsorganisation WHO leben wir aber nicht nur in einer Pandemie, sondern auch in einer Infodemie. Die habe die Corona-Krise durch Fehlinformationen verschärft. Untersuchungen von Ralph Hertwig haben gezeigt, dass diese Einschätzung nicht nur von der WHO kommt, sondern Menschen tatsächlich mehr Fehlinformationen in den vergangenen zwei Krisenjahren erlebt haben.

Mann mit grauen Haaren, Brille, Bart und Anzug steht in einer Zeitschriften-Bibliothek, verschmitzt lächelnd, im Vordergrund Zeitungensständer unscharf mit  Zeitungen im Anschnitt
Bildrechte: MDR WISSEN/Laura Becker

Prof. Dr. Ralph Hertwig … ist Psycholge und Kognitionswissenschaftler und beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, wie Menschen Entscheidungen treffen. Er ist seit 2012 ein Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und seit 2009 Mitglied der Leopoldina.

3. Umfangreiches Auseinandersetzen hilft nicht zwangsläufig

Das mag überraschen. Nur: Der Versuch, mit einer Publikation mehr Zeit zu verbringen und sie besser zu verstehen, hilft nicht unbedingt, ihre Glaubwürdigkeit zu erkennen. Ob eine Website professionell wirkt oder ob in einem Text Beweise (Evidenz) angeführt werden, ist kein Beleg für den Wahrheitsgehalt. "Wir tun das, was wir in der Schule gelernt haben und versuchen, kritisch zu denken", erklärt Ralph Hertwig. "Was ja im Prinzip auch völlig richtig ist. Das ist aber nicht die Art und Weise, wie es zum Beispiel professionelle Faktenchecker machen."

Die verlassen eine zu überprüfende Website unmittelbar, "weil sie wissen, dass es sehr schwierig ist, sich aus den Inhalten zu informieren, ob ich dem Glauben schenken darf oder nicht". Hier geht es mehr darum, zu recherchieren, wer hinter der Website steht und ob man der Institution, Instanz oder Produzenten überhaupt Glauben schenken darf und die Inhalte an anderer Stelle zu überprüfen. In Fachkreisen heißt das "laterales Lesen": "Das heißt, ich mache eigentlich das, was Historiker sehr gut kennen. Ich mache Quellenkritik. Und Quellenkritik ist sozusagen eine kulturelle Fertigkeit, die wir auch im Kontext von digitalen Informationen erlernen können und müssen."

Zeitungsständer mit Ausgaben des Berliner Tagesspiegels und der taz in Zeitungsständer, im Hintergrund unscharf Zeitschriftenbibliothek
Qualitätsmedien werden zuweilen als Lügenpresse verunglimpft. In der Covid-19-Pandemie, das haben Untersuchungen gezeigt, haben Ihnen allerdings viele Menschen vertraut. Bildrechte: MDR WISSEN/Laura Becker

4. Es wird nicht unbedingt schlimmer, sondern anders

Da wir nicht sagen können, ob heute schlichtweg mehr gelogen wird als früher, können wir auch nicht vorhersagen, ob mehr Fehlinformationen auf uns zukommen. Zudem spielt es eine Rolle, wie die Europäische Union oder die Nationalstaaten künftig große Plattformen zu regulieren gedenken. Oder ob sich Plattformen etablieren, die außerhalb europäischen Rechts agieren. Außerdem hängt es von den Nutzenden ab, sagt Ralph Hertwig: "Indem wir auch die Kompetenzen entwickeln, um mit dieser Situation gut und angemessen umgehen zu können."

Zu sagen, da ist jetzt der Anteil der Falschinformationen größer geworden, ist nahezu unmöglich.

Prof. Dr. Ralph Hertwig Psychologe

Obgleich es einem Wettlauf zwischen Hase und Igel gleicht: Mit dem Fortschritt im Bereich Medienkompetenz schreiten auch die technischen Fertigkeiten voran. Stichwort: Deepfakes. Denn wenn nicht nur Texte und Bilder manipuliert sind, sondern Bewegtbild, also Videos, wird es schwieriger, diese Information zu hinterfragen. Ralph Hertwig: "Bilder sind häufig noch viel überzeugender als Textinhalte. Wie wir aus den ersten ganz wenigen Untersuchungen wissen, die es dazu gibt, haben Menschen sehr große Mühe, Deepfakes zu unterscheiden von tatsächlich authentischen Filminhalten."

5. Klassische Medien sind nicht nur Stein des Anstoßes

Was richtig und falsch ist … nun ja, Sie wissen ja. Auch bei den großen Medien. Beispielsweise der Sender Fox News in den Vereinigten Staaten: "Die eher demokratisch orientierten Menschen sehen Fox News als eine Quelle, die nicht vertrauenswürdig ist. Wohingegen die Republikaner das sehr wohl als eine vertrauenswürdige Quelle sehen." Ralph Hertwig weist darauf hin, dass wir wissen, dass bestimmte Inhalte bei Fox News zumindest schwierig seien. Trotz dieser unterschiedlichen Wahrnehmung habe aber eine Untersuchung gezeigt, dass es in den USA dennoch eine ganz gute Übereinstimmung gibt, welche Quellen als vertrauenswürdig einzustufen sind und welche nicht.

Und in Deutschland? In der öffentlichen Wahrnehmung sehen sich langjährig aktive Medienhäuser seit einiger Zeit häufiger mit Begriffen wie "Lügenpresse" und "Staatsfunk" konfrontiert. Das zeigt, dass in Deutschland nicht alle Menschen einer Meinung sind, welche Quellen vertrauenswürdig sind. "Obgleich man während der Zeit der Pandemie beobachten konnte, dass Menschen vermehrt klassische Nachrichtenmedien wie zum Beispiel Tagesschau oder andere Nachrichten im ersten und zweiten Programm verstärkt konsumiert haben", so Ralph Hertwig.

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