Drei Minuten Zukunft Arbeitsmarkt der Zukunft: Rettung durch Migration und neue Technologien

Fachkräftemangel, Migration, Technologisierung: Das sind nicht einfach nur Trendvokabeln, wenn es um unseren Arbeitsmarkt geht. Sondern tatsächlich die großen Zukunftsthemen. Vor allem, weil wir bequemer werden. Und unsere Arbeitskraft kostbarer. Schauen wir uns das genauer an – zusammen mit Arbeitsmarktforscher Christian Dustmann.

Schwarz-weiß Bild von Mann Charlie Chaplin mit auffälligem dunkel Schnauzbart, der sich wagerecht an einem Hebel stützt und dabei lacht, im Hintergrund eine Art großes Zahnrad.
Wer macht eigentlich in Zukunft die Arbeit? Bildrechte: IMAGO/Ronald Grant

Fachkräftemangel, das ist ein wirklich böses Wort. Weder zeigt sich hier die deutsche Sprache von ihrer wohlklingenden Seite, noch hat die Thematik selbst etwas Wohliges. Fachkräftemangel ist quasi so etwas wie ein Krankheitsbild – und der Leitragende ist der deutsche Arbeitsmarkt. Das Auskurieren wird uns noch viele Jahre beschäftigen. Verschaffen wir uns also besser einen kurzen Überblick: Etwa drei Viertel der Menschen in Deutschland arbeiten im Dienstleistungsbereich. Das ist ein ziemlich großes Feld, die Hotelrezeption ist genau so eine Dienstleitung wie der Außendienst der Bausparkasse. Das restliche Viertel geht aufs Konto des Manufakturbereichs – von der Tischlerin bis zum Fließbandarbeiter in der Margarinefabrik.

Seitliches Porträt von Mann mit grauem, leicht zerzaustem Haar und Brille, Jackett und Hemd, Bildtext: "Wer macht in Zukunft unsere Arbeit?" 3 min
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MDR Wissen Fr 01.07.2022 12:19Uhr 03:27 min

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"Der Teil der Bevölkerung, der im Manufakturbereich tätig ist, verringert sich zunehmend in Deutschland" – das sagt Christian Dustmann, Deutscher Wirtschaftswissenschaftler am University College London. Das gehe einher mit einer starken Technologisierung des Manufakturbereichs, die dazu führt, dass Arbeitsplätze abgebaut und in den Dienstleistungsbereich verlagert werden. Klar, der Mittelklassewagen wird heute maßgeblich von Robotern gebaut, die Margarine mit dem Extra an ungesättigten Fettsäuren von automatisierten Maschinen abgefüllt (auch Roboter!). "Ich mag einfach nur daran erinnern, dass es in den Achtzigerjahren sehr unattraktive Berufe gab, an Fließbändern zum Beispiel", so Ökonom Christian Dustmann. "Diese Berufe sind jetzt völlig technologisiert. Und dem haben sich jetzt eben Berufe im Dienstleistungsbereich hinzugesellt, die sicherlich angenehmer sind."

Porträt von Mann mit grauem, kürzerem, leicht zerzaustem Haar, Brille, Hemd, Jackett, steht mittig auf Brücke im Spreebogen-Park in Berlin, im Hintergrund leicht unscharf Gebäude des Regierungsviertels, zum Beispiel Kanzleramt
Bildrechte: MDR WISSEN/Laura Becker

Prof. Dr. Christian Dustmann … ist Wirtschaftswissenschaftler und einer der führenden Köpfe der Arbeitsmarktforschung. Einer seiner Schwerpunkte ist die Ökonomie der Migration. Dustmann hat Forschungsprofessuren in Dänemark und Australien inne. Er lebt in London und ist seit 2012 Mitglied der Leopoldina.

Ich mag einfach nur daran erinnern, dass es in den Achtzigerjahren sehr unattraktive Berufe gab. Diese sind jetzt völlig technologisiert.

Prof. Dr. Christian Dustmann Wirtschaftswissenschaftler

Kann natürlich auch innerhalb des Dienstleistungssektor passieren: Ein Blick nach Nürnberg zeigt, was in anderen Ländern der Welt längst an der Tagesordnung ist. Zwei von drei U-Bahn-Linien werden dort automatisch ohne Fahrpersonal betrieben (was dazu führt, dass Sie sich beim ersten Zustieg vorkommen, als seien Sie in einer Art Hogwarts-Express gelandet, ist eben alles eine Frage der Gewöhnung). Die Arbeitsplätze am Beschleunigungs- und Bremshebel gingen aber nicht unbedingt verloren, so Christian Dustmann: "Es ist eigentlich immer nur eine Umstrukturierung: Das heißt, der U-Bahn-Fahrer, der die U-Bahn gefahren hat, die jetzt fahrerlos ist, wird dann eben einen anderen Beruf machen, der ähnlich ist zu dem Beruf, den er vorher gemacht hat. Vielleicht eher im Kontrollzentrum, wo es jetzt neue Herausforderungen gibt, da diese U-Bahnen jetzt keine Fahrer mehr haben."

Draufsicht aus oberer Ebene: U-Bahn mit Zielanzeige "U3 Nordring" in U-Bahnhof. Abfahrtstafel an Decke, Menschen auf Plattform. Sitz in Fahrpersonal-Kabine, ohne dass eine Person dort sitzt.
Geisterbahn oder Nahverkehr? Zweiteres: U-Bahnen ohne Fahrpersonal sind in Nürnberg, aber auch im (europäischen) Ausland eine Selbstverständlichkeit. Bildrechte: IMAGO/IPA Photo

Möglicherweise läuft es also darauf hinaus, dass wir Menschen weiterhin der Bequemlichkeit frönen und unangenehme manuelle Tätigkeiten automatisieren und sie lieber beaufsichtigen als selbst auszuführen. Allerdings sind wir noch nicht in der Lage, auch die Beaufsichtigung gänzlich zu automatisieren – Beaufsichtigungsgeräte für die Gerätebeaufsichtigung, sozusagen. Wir brauchen also auch in Zukunft Menschen, die Arbeit verrichten, ausgebildete Menschen – und die gibt’s nicht von der Stange. Da sind wir wieder beim Krankheitsbild des deutschen Arbeitsmarkts. Dass wir in Deutschland unsere Wirtschaft aber nicht aus eigener bundesdeutscher Kraft gestemmt bekommen, ist kein neues Phänomen:

"Wir können zurückgehen in die Fünfziger-, Sechzigerjahre, wo das Wirtschaftswunder sicherlich ganz stark abhängig war von der Möglichkeit der Industrie, Migranten aus dem zunächst südeuropäischen Ausland, aber dann auch aus der Türkei nach Deutschland zu bringen", betont Ökonom Dustmann. "Ich denke, die Rolle der Immigration für die enorme Entwicklung Deutschlands in den Sechzigern und auch Anfang der Siebzigerjahre lässt sich nicht überschätzen." Auch im Osten des geteilten Landes gab es einen Mangel an Arbeitskräften, dem die DDR mit Vertragsarbeiterinnen und -arbeitern zu begegnen versuchte – insbesondere durch Bruderländer in Übersee: Arbeitende kamen u.a. aus Mosambik, Vietnam oder Kuba.

Gast- und Vertragsarbeitende als wahres Wirtschaftswunder

"Was jetzt den Bedarf der Wirtschaft angeht, werden wir immer wieder Phasen erleben, in denen der heimische Arbeitsmarkt die Arbeiter, die benötigt werden, nicht kurzfristig liefern kann", so Christian Dustmann. "Und da ist Immigration natürlich eine Möglichkeit, damit umzugehen." Dem Wirtschaftswissenschaftler zu Folge sei das auch während der europäischen Wirtschaftskrise in den frühen 2010ern zu beobachten gewesen: Während die deutsche Industrie stark expandierte, war die Arbeitslosigkeit im Süden unseres Staatenbundes sehr hoch. "Diese Möglichkeit, innerhalb der europäischen Gemeinschaft einfach zu wandern, die Möglichkeit, aus Portugal, Südspanien und Süditalien zu rekrutieren und auf der anderen Seite diesen Menschen die Möglichkeit zu geben, Arbeitsplätze zu finden, war eine der großen Errungenschaften der europäischen Gemeinschaft und der freien Mobilität."

Acker mit kleinen Anhöhen links und rechts, teilweise mit Stroh, an denen eine Frau und ein Mann jeweils mit Rücken zur Mitte gebückt stehen. Perspektivflucht nach hinten, Unschärfe
Anstrengender Job in gebückter Haltung: Damit für die deutschen pünktlich der Spargel auf dem Frühlingsteller landet, müssen Saisonarbeitskräfte ran – hier im Rheinland. Bildrechte: IMAGO/Rainer Unkel

In den letzten beiden Migrationswellen – Mitte des letzten Jahrzehnts insbesondere aus Syrien und zuletzt aus der Ukraine – stehen zweifelsfrei andere Beweggründe im Vordergrund. Dennoch ist Zuwanderung jeglicher Art ein Glücksfall für den deutschen Arbeitsmarkt. Das betrifft vor allem das untere und obere Ende in der Qualifikationsskala, auch wenn insbesondere mit ersterem gleichzeitig Stereotypen bedient werden: "Berufsfelder sind natürlich immer zunächst mal Mangelberufe, die relativ schlecht bezahlt sind, teilweise im Gesundheitsbereich, im Bereich der ungelernten Arbeit, ganz besonders im Agrarbereich", erklärt Wirtschaftswissenschaftler Dustmann. "Ohne Migration wäre die Spargelernte in in Deutschland sicherlich kein großer Erfolg."

Jobs die niemand machen will. Oder niemand machen kann.

Spargelernte – als körperlich außerordentlich herausfordernde Fleißarbeit steht sie für eine deutsche Privilegienkluft. Ob grün, weiß oder violett, ob mit Sauce Hollandaise oder Margarine aus der vollautomatisierten Margarinefabrik – dieses Frühlingsgericht lassen sich die Deutschen mitnichten nehmen, Spargel muss sein. Auf staubigen brandenburgischen Äckern bücken dürfen sich dafür die Arbeitskräfte aus anderen Ecken Europas. Klingt nach grauseliger Ungerechtigkeit. Als Ökonom lässt es sich durchaus rationaler sehen: Es seien schlichtweg "Sparten, die unbeliebt sind bei den Deutschen, für Migranten allerdings eine Möglichkeit darstellen, ihre Lohnposition sehr stark zu entwickeln."

In einem Land wie Deutschland wird es immer einen Teil der Bevölkerung geben, dem vielleicht eine akademische Ausbildung nicht liegt.

Prof. Dr. Christian Dustmann beschäftigt sich mit Arbeitsmarkt und Migration

Die Abhängigkeit besteht aber auch im hochqualifizierten Bereich. Digitalisierung, Bildung, Hightech – hier gibt’s einen Mangel auf dem heimischen Arbeitsmarkt. Angebot und Nachfrage sorgen in diesen Berufsfeldern gerade dafür, dass es sich Fachkräfte aus aller Herren und Damen Länder genau überlegen können, wo sie arbeiten. Und für wie viel Geld sie das zu tun gedenken. "Wir haben global einen Wettbewerb für Talente. Je talentierter zum Beispiel die Leute sind, die in der Digitalisierung arbeiten, desto produktiver können diese Industrien auch neue Technologien verwenden." Für ein Exportland wie Deutschland ist das ungeheuer wichtig, weil das Land ständig unter der Herausforderung steht, seine Wettbewerbsfähigkeit auf den internationalen Märkten stabil zu halten.

Bild leicht von unten zeigt Mann mit grauem, kürzerem, leicht zerzaustem Haar, Brille, Hemd, Jackett, der auf Smartphone blickt; im Hintergrund das Kanzleramt in Berlin
Neue Technik bringt neue Jobs – sagt Christian Dustmann. Bildrechte: MDR WISSEN/Laura Becker

Klingt so, als als würde ein Land ausschließlich von Migration profitieren. Tut es im Grunde auch. Aber neben der Überwindung von Sprachbarrieren und der Verhinderung von Parallelgesellschaften bleibt es nicht aus, sich auf unterschiedliche demographische Gegebenheiten anzupassen, die jede Migrationswelle mit sich bringt. Mitte des vergangenen Jahrzehnts waren das vor allem junge Männer. Derzeit, im Zuge des Kriegs in der Ukraine, sind es insbesondere Frauen und Kinder. "Das bedeutet, dass die Herausforderungen für den Erziehungsbereich relativ enorm sind", so Dustmann. Die Integration in den Arbeitsmarkt ukrainischer Geflüchteter spiele derzeit eine untergeordnete Rolle und stehe noch am Anfang. Das sei "natürlich auch abhängig davon, wie sich dieser Konflikt, wie sich dieser Krieg in den in den nächsten Monaten entwickeln".

War schon immer da: Angst vor Konkurrenz durch Technik

Unabhängig davon, wer letztendlich auch die unliebsamen Tätigkeiten übernimmt – an einer gerechten Entlohnung führt kein Weg vorbei: "In einem Land wie Deutschland wird es immer einen Teil der Bevölkerung geben, dem vielleicht eine akademische Ausbildung nicht liegt", so Christian Dustmann. "Und die sich dann in Berufen wiederfinden, die vielleicht eher am unteren Ende der Qualifikationsskala liegen. Wir müssen darauf achten, dass diese Menschen in diesen Berufen auch produktiv sind, indem man sie mit vernünftigen, mit modernen Technologien kombiniert, sodass sie auch entlohnt werden können."

Nun gut, fassen wir zusammen: Migration wird unseren kränkelnden Arbeitsmarkt also – mehr oder weniger – davor retten, dass es zu viele Jobs und zu wenig Jobbende gibt. Und Technik kommt unserer Bequemlichkeit gelegen – was zur vielzitierten Gefahr führen könnte, dass aus zu vielen Jobs überhaupt keine Jobs werden und letztendlich alles Maschinen erledigen. Christian Dustmann hält da den Ball flach: Die Angst, dass neue Technologien den Arbeitsmarkt gefährden würden, sei nicht neu. "Ich kann mich erinnern: Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre, als es die erste Computerrevolution gab, da gab es genau die gleichen Sorgen. Dass jetzt praktisch alle Berufe in diesem Bereich wegrationalisiert werden. Und dem ist sicherlich nicht so gewesen." Im Gegenteil: "Diese neuen Technologien haben eigentlich einfach neue Berufe geschaffen und das wird auch weiterhin so sein. Wir werden weiterhin Technologisierungs-Bestrebungen sehen, in verschiedenen Sparten der Wirtschaft. Das wird aber nicht unbedingt dazu führen, dass diese Berufe jetzt verschwinden und nichts anderes an deren Stelle tritt."

Es braucht weiterhin uns alle

Dafür könnte auch unser Selbsterhaltungsdruck sorgen. Dustmann: "Arbeit ist ein ganz wichtiger, Sozialisierungsprozess, der es Leuten auch erlaubt, gemäß ihren Bedürfnissen entsprechend erfolgreich zu sein und auch entsprechende monetäre Möglichkeiten zu schaffen."

Denn auch wenn niemand mehr am Band der Margarinefabrik stehen muss: Es braucht dafür Menschen, die sich Abfüllanlagen ausdenken, sie betreuen und warten oder deren Produkte bewerben. Und Menschen, die über die neuesten heißen Entwicklungen im Bereich der Margarineabfüllanlagen berichten. Oder die, die das über einen sich wandelnden Arbeitsmarkt tun.

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